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Mehrsprachig im Klassenzimmer

Von Alexia Weiss

Politik

Rascher Lesen lernen durch Zweisprachigkeit. | Ausweitung auf andere Schulen ist geplant. | Wien. Ein Vormittag an der Volksschule Brüßlgasse 18 in Wien-Ottakring: Zehn Schüler der 1a und 1b suchen nach Wörtern mit dem stimmhaften Laut "s", den man allerdings mit einem Z schreibt - hier erhalten nämlich die Kinder mit der Muttersprache Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch (BKS) Unterricht in ihrer Sprachengruppe. Auch in einer anderen Klasse geht es um das Z: Die Muttersprachenlehrerin für Türkisch sucht mit Erstklässlern nach türkischen Begriffen mit Z, das ebenfalls wie ein stimmhaftes "s" ausgesprochen wird.


Seit diesem Schuljahr werden in der Brüßlgasse türkisch- und BKS-sprachige Kinder in ihrer Erst- und Zweitsprache Deutsch alphabetisiert. Direktorin Elisabeth Kutzer setzt mit ihrem Lehrerteam und dem Sprachförderzentrum Wien ein Modell um, das in ähnlicher Form seit zehn Jahren in der Volksschule Ortnergasse läuft. "Es ist heute wissenschaftlich erwiesen, dass die Muttersprache das Fundament sein sollte, um eine Zweitsprache richtig und schneller zu erlernen", betont die Direktorin. Dem habe man stets versucht, Rechnung zu tragen, "aber noch nie so ausgereift wie in diesem Projekt".

Die Kinder werden klassenübergreifend für Türkisch- und BKS-Unterricht zusammengefasst, um die muttersprachlichen Stunden am effizientesten zu nützen. Lehrerinnen und Muttersprachenlehrerin besprechen jede Woche, was in den Klassenzimmern parallel erarbeitet wird. Das Sprachförderzentrum fungiert als Anlaufstelle und führt an der Schule begleitende Gespräche, so Doris Englisch-Stölner, die am Zentrum tätig ist. Man sei auch bei der Suche nach Unterrichtsmaterialien, bei didaktischen Entscheidungen und zu Beginn bei der Klassen- und Gruppenbildung behilflich.

Größere Lernmotivation

Erste Erfolge seien sichtbar, freut sich Kutzer. "Das Feedback der Lehrer zeigt, dass die Kinder viel flotter das Lesen erlernen, auch die Sinnerfassung funktioniert." Gemeint ist das Lesen auf Deutsch. Die Direktorin ist zuversichtlich, dass die Schüler auch beim Lesescreening in einer höheren Schulstufe gut abschneiden werden. Sie stelle zudem eine größere Lernmotivation der Kinder fest - auch wegen der Wertschätzung für ihre Muttersprache. Auch der Unterricht in Kleingruppen wirke sich positiv aus.

"Ziel des Modells ist die vollständige Mehrsprachigkeit", betont Dzenita Özcan, die im Sprachförderzentrum für Muttersprachenlehrer zuständig ist und das Pilotprojekt entwarf. Auf die Sprachdominanz der Schüler müsse man achten. Alle Kinder der ersten Klassen haben aus dem Kindergarten Deutschkenntnisse mitgebracht, erzählt Kutzer. Manche sprechen ihre Erstsprache besser, andere Deutsch. Dank der engen Zusammenarbeit der Lehrerinnen wird für jedes Kind die beste Förderung gefunden.

Auch in der zweiten Sprache sinnerfassend zu lesen sei dann nur mehr ein kleiner Schritt, meint Englisch-Stölner: "Dieses Modell kann sekundärem Analphabetismus vorbeugen." Das Zentrum plant daher eine Ausweitung der Betreuungsangebote für Schulen und Pädagogen, die ebenfalls künftig zweisprachig alphabetisieren könnten.

Von dem Unterrichtsmodell profitieren nach Ansicht der Schuldirektorin nicht nur jene Kinder, die zwei Jahre lang zweisprachig alphabetisiert werden. Auch Schüler mit Muttersprachen wie Albanisch oder Tschetschenisch trauen sich nun, im Unterricht etwas in ihrer Muttersprache zu sagen, erzählt Kutzer. Das wirke sich positiv auf das Selbstbewusstsein aus. Im Klassenzimmer zeige sich so, was viele noch nicht wahrhaben wollen, meint die Direktorin: Wiens Gesellschaft ist heute mehrsprachig und ein Schmelztiegel der Kulturen - wie schon in der Vergangenheit.