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"Mein Anliegen seit 50 Jahren"

Von Bettina Figl und Christian Rösner

Politik

Eine Woche lang kann man in Gemeindeämtern unterzeichnen.


Wien. Initiator Hannes Androsch kündigte zum Start des Bildungsvolksbegehrens am Donnerstag einen "kräftigen Herbststurm" an - doch der Andrang im Gemeindeamt in der Wipplingerstraße im 1. Bezirk glich eher ruhigem Hochdruckwetter. Die Unterstützer trudelten langsam ein, lange Warteschlangen gab es keine.

"Mir ist das seit 50 Jahren ein Anliegen", erläutert Pensionist Karl Schindler, warum er das Begehren unterzeichnet. Doch so manchem hier gehen die Forderungen nicht weit genug; Edith Svrcek-Seiler, ebenfalls bereits im Ruhestand, hätte sich auch die Gesamtschule als Forderung gewünscht: "Das haben die Sozialdemokraten schon in der Zwischenkriegszeit gefordert." Aber die Formulierung ist schwammig gehalten: "Die Trennung der Kinder nach ihren Interessen und Begabungen" solle erstmals am Ende der Schulpflicht erfolgen, lautet sie. Als Svrcek-Seiler ihre Unterschrift abgeben will, wird ihr das verwehrt: Sie hat die Unterstützungserklärung schon unterzeichnet. Damit ist die Pensionistin eine von rund 52.000 Personen, die dem Anliegen der Initiative bereits zwischen März und Juli ihre Zustimmung erteilt haben. Jetzt sind noch einmal so viele Unterschriften notwendig, damit die 100.000-Marke erreicht wird und das Volksbegehren im Parlament behandelt werden muss.

Auch Dieter Nell hätte die Gesamtschule gerne im Text gehabt. Warum unterschreibt er? "Weil ich drei Kinder habe." Seine Tochter müsse aufgrund des "Unsinns dieses Systems" in München Medizin studieren.

Gabriele Mirbach ist Röntgenassistentin, kinderlos und persönlich nicht vom Bildungssystem betroffen - sie unterschreibt, weil "man ja nicht allein ist auf der Welt". Sie unterstützt alle Punkte der Bildungsinitiative. Auch der Architekt Markus Swittalek sagt: "Es ist inhaltlich eine gute Sache. Es geht nicht um jedes Detail." Gerade weil die Politik nicht aktiv genug sei, sei es gut und wichtig, dass Bürger initiativ werden.

"Ungewöhnliche Koalition"

Bei der Auftaktpressekonferenz zum Bildungsvolksbegehren präsentierten sich Donnerstag Vormittag Hannes Androsch, Ex-Rektorenchef Hans Sünkel, Veit Sorger, Präsident der Industriellenvereinigung, der Grüne Bildungssprecher Harald Walser und die Unternehmensberaterin Gundi Wentner als "ungewöhnliche Koalition der Sachverständigen, der Zukunftsgewandten und der Vernünftigen in Bildungsfragen", wie es Walser formulierte.

Der Schulterschluss aus den unterschiedlichsten Gruppierungen - von ÖVP- und SPÖ-nahen Organisationen bis zum Liberalen Forum, den Grünen und der konservativen IV - zeige den "nationalen Konsens mit dem Ziel, über den ganzen Bildungsbogen ins 21. Jahrhundert zu kommen", betonte Androsch. Für ihn sei es jedenfalls "unerträglich, dass den Schülern noch immer im 50-Minutentakt an 150 Vormittagen im Jahr alles hineingepresst wird".

Sorger beklagte die "Austrocknung" von qualifiziertem Personal im Industriebereich: "Wir brauchen das beste Bildungssystem, um den Wirtschaftsstandort aufrechtzuerhalten." Dafür muss man laut Sünkel auch in finanzieller Hinsicht "Vollgas" geben. Das Geld dafür steckt für Androsch "im System drinnen". Laut OECD würde nämlich von zwei ausgegebenen Bildungseuros nur einer im Unterricht ankommen. Mit dem Begehren wolle man nun so viel Druck machen, "dass die Parteien Angst bekommen, Wählerstimmen zu verlieren, wenn sie nicht handeln", meinte Wentner. In Sachen Gesamtschule beginne laut Walser die Blockadehaltung der ÖVP bereits zu bröckeln.

Nur noch wenige Gegner

Und tatsächlich scheinen nur noch wenige Gegner des Volksbegehrens übrig zu bleiben: Am Donnerstag haben zahlreiche Befürworter erneut ihre Unterstützung bekundet und sich nur wenige Gegner zu Wort gemeldet. Sozialpartner wie Industriellenvereinigung und Arbeiterkammer stellten sich hinter die Forderungen, die 21 Universitäten mobilisieren ihre Studenten. Ein "Nein" kam nur von der ÖVP-nahen Schülerunion und der "Bildungsplattform Leistung & Vielfalt", die von "Aktionismus" spricht.