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Mein bester Feind

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Vor 70 Jahren wurden Pakistan und Indien unabhängig - seither sind die Nachbarn Rivalen.


Neu Delhi. "Wenn sie kommen, zündet euch an", mahnte sie ihr Vater, als er einen Kanister Benzin und eine Packung Streichhölzer brachte. "Der Mob wird schreckliche Dinge tun." Amolak Swani war 16, als Horden mordlustiger Muslime durch die Straßen ihrer Heimatstadt Peshawar im heutigen Pakistan zogen, um nach Hindus und Sikhs zu suchen. Wo jahrhundertelang Nachbarn mit unterschiedlichen Religionen friedlich zusammengelebt hatten, herrschten über Nacht Mord und Totschlag.

Am 14. August 1947 um Mitternacht hörte Britisch-Indien auf zu existieren, und zwei unabhängige Staaten entstanden: Indien und Pakistan. Das Ende der britischen Herrschaft in Südasien verlief chaotisch: Ohne großen Plan und in Eile hatte der britische Anwalt Sir Cyril Radcliffe ein paar Tage zuvor eine Karte entworfen, die die neue Grenze zwischen den beiden Nachbarn Pakistan und Indien festlegte. Die Radcliffe-Linie teilte die großen Provinzen Punjab und Bengalen, deren Bevölkerung jeweils etwa zur Hälfte muslimisch und hinduistisch war, faktisch in der Mitte. Als Resultat befanden sich am 15. August 1947 Millionen Menschen im falschen Land. Geschätzt je sieben Millionen auf jeder Seite der neuen Grenze flohen in den kommenden Tagen und Wochen aus ihrer Heimat. Hunderttausende starben, Millionen wurden verletzt.

Streng bewachte Grenze

Als Mitglieder eines alteingesessenen Sikh-Clans konnten Swani und ihre Familie dem Genozid nur entkommen, weil ihre Angestellten sie in einem Laster hinter Mandel- und Rosinen-Kisten versteckt zur nächsten Zugstation brachten. Dort machten sie sich mit tausenden Hindus und Sikhs auf den Weg nach Indien.

Auf der anderen Seite der Radcliffe-Linie spielten sich ähnliche Szenen ab. Die damals 25-jährige Arghwani Begum erinnert sich, dass ihr Vater, Gouverneur im heute indischen Sahaspur, der Familie befahl, alle Wertsachen zusammenzupacken. An der Eisenbahnstation Nizzamuddin in Süd-Delhi bestiegen sie den Zug in das nun pakistanische Lahore. Kurz vor der indisch-pakistanischen Grenze bei Amritsar drangen Männer mit Macheten und Messern in die Abteile ein und massakrierten die Passagiere. "Es war furchtbar", erinnert sich Begum. Auch aus einem Zug, der in die entgegengesetzte Richtung unterwegs war, hörte sie Todesschreie. Wie durch ein Wunder überlebte Begum das Blutbad. Heute lebt die 95-Jährige in einem kleinen Haus im ostpakistanischen Lahore. Ihr Anwesen in Indien, in dem sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte, hat sie nur einmal wiedergesehen. Sie habe geweint, erzählte sie der pakistanischen Zeitung "Dawn".

Es gibt in Indien und Pakistan hunderte Geschichten von Vertriebenen, die ihre Hausschlüssel den Nachbarn übergaben und sagten, sie würden in ein paar Wochen wieder zurück sein, wenn sich die Lage beruhigt habe. Doch die meisten von ihnen kamen nie wieder. Die Grenze zwischen Indien und Pakistan gehört 70 Jahre nach der Teilung zu den undurchlässigsten der Welt - nur zwei Landübergänge sind offen. Obwohl die Erzrivalen durch eine gemeinsame Kultur und Geschichte eng verbunden sind, besteht kaum Austausch. Zug-, Flug- und Busverbindungen zwischen den Ländern gibt es nur alle paar Tage. Die verfeindeten Nachbarn wachen streng darüber, wer aus dem jeweils anderen Land einreisen darf. Meist bekommen nur Familienangehörige eine Erlaubnis.

Mitunter nimmt die Abneigung pathologische Züge an: Als kürzlich Pakistan überraschend Indien im Cricket, dem Nationalsport beider Länder, besiegte, schlugen Menschen in Indien vor Wut ihre Fernseher kaputt. Als im Januar Pakistans Team gegen Indien verlor, spielten sich ähnliche Szenen in Pakistan ab. Das Feindbild ist für beide Länder ein probates Mittel, von den eigenen Problemen abzulenken.

Unabhängigkeit, Spaltung, Hass

Mit der Unabhängigkeit kam die Spaltung, mit der Spaltung der Hass: Dreimal führten die beiden Atommächte bereits Krieg gegeneinander. Kaschmir, das malerische Bergtal im Himalaja, ist immer noch ein Zankapfel zwischen den beiden Staaten. Seit einem Jahr herrscht im indisch verwalteten Teil wieder ein blutiger Aufstand. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht.

Statt sich anzunähern, driften die beiden Atommächte weiter auseinander: Unter Indiens Regierungschef Narendra Modi, einem bekennenden Hindu, folgt Indien, 70 Jahre später, einem ähnlichen Pfad wie Pakistan. Von Anfang an gründete Modi den Staat auf Religion, um sich vom großen Indien im Süden, das zu 80 Prozent hinduistisch ist, abzugrenzen. Die Narben der schmerzhaften Teilung bleiben so weiter bestehen. In Geschichtsbüchern macht jede Seite die andere für die Gewalt verantwortlich.

"Die wirkliche Tragödie ist, dass die Toten sinnlos gestorben sind", sinnierte Pakistans berühmter Dichter Sadat Hasan Manto bereits kurz nach der Teilung der beiden Länder. Auch er war damals unter den Millionen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten. Mantos Wunsch nach Versöhnung ist immer noch ein ferner Traum.