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Mein Freund, der Baum

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann, seit 1984 Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

"Mein Freund der Baum ist tot!" Mit diesem Song brachte die Sängerin Alexandra die Beziehung der Deutschen zu Baum und Wald auf den Punkt.


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Die Beziehung der Deutschen zu Baum und Wald ist eine hochemotionale, ja mystisch-mythische: Der "Deutsche Wald" ist Metapher und Sehnsuchtslandschaft, Heimat zahlloser Märchen und Sagen, Inspiration für Dichter, Musiker und Maler. Ideologische Überhöhungen machten ihn zum Sinnbild deutscher Mentalität und Kultur.

Der Mythos hat uralte Wurzeln. Schon Odin und seine Brüder, die den Menschen erschufen, benannten den Mann nach der Esche (Ask) und die Frau nach der Erle (Embala). Germanen und Kelten verehrten heilige Haine, heiligen Bäumen wurde eine Seele zugeschrieben.

Der Wald war belebt von Waldgeistern, Elfen, Riesen, Zwergen.

Prägend war die verklärende Waldidylle in der deutschen Romantik mit ihrer Sehnsucht nach einer spirituellen und ästhetischen Rückkehr in die Wälder, nach Waldesrauschen oder Waldeinsamkeit. Vom "rauschenden Wald" Eichendorffs über den "brausenden Wald" bei Schubert bis zum "schönen Wald" bei Mendelssohn. Eine verständliche Reaktion auf die Industrialisierung und die zunehmende Entfernung der städtischen Kultur von der Natur.

Auch die Nazis feierten den "deutschen Wald". Für Elias Canetti waren die parallel wachsenden hohen Bäume eine Metapher des marschierenden Waldes, der in Reih und Glied sich bewegenden Soldaten. Bis heute hat sich die "deutsche Eiche" als Sinnbild für Stärke und Heldenmut als nationales Symbol erhalten, etwa im Eichenlaub der Bundeswehr-Ehrenmedaille oder auf Euro-Münzen.

Was aber macht das Erlebnis Wald so besonders? Wir gehen in den Wald "hinein" und treten damit in eine andere Welt ein: In einen geschlossenen Alternativraum, der alle unsere Sinne gleichzeitig anspricht und zwischen Furcht und Geborgenheit ambivalente Gefühle hervorruft. Sind wir im Wald, dann umfängt er uns, er "hat uns ganz" - geheimnisvoll, still, tief, dunkel, wild, finster, gefährlich.

Wir atmen eine andere Luft, sind vor Sonne und Lärm geschützt, nehmen ungewohnte Gerüche und die "Stimmen des Waldes" wahr - Windgeräusche und Vogelgesang. Wir staunen ob der harmonischen Vielfalt an Bäumen, Wurzeln und Laub, Sträuchern und Stauden, Kräutern, Farnen, Moosen, Flechten, Pilzen, Beeren und anderem Wildobst. Wir begegnen Wildschweinen oder Hirschen, hören Buchfinken oder Buntspechte, beobachten Waldmaikäfer oder Waldameise.

Obwohl der Wald für viele Bundesbürger als Idealbild der Natur gilt, als organisch gewachsene, unwandelbare Gegenwelt zur Zivilisation, ist er in Wahrheit eine vom Menschen geformte, sich ständig wandelnde Kulturlandschaft. Ohne menschliches Zutun wäre Deutschland ein einziger Buchenwald.

"Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald": Zum Ausklang des Internationalen Jahres der Wälder zeigt das Deutsche Historische Museum Berlin in einer Ausstellung die Kulturgeschichte der Mensch-Wald-Beziehungen und verdeutlicht, dass das Bild vom Wald ein von ästhetischen, gesellschaftlichen, nationalen und wirtschaftlichen Wertmaßstäben geprägtes Konstrukt ist.