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"Mein Herz ist einfach jüdisch"

Von Alexia Weiss

Politik

Shlomit Butbul lebt in Luxemburg, aber Wien ruft immer lauter.


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Wien. Wenn man mit Shlomit Butbul (47) über ihr Leben spricht, meint man in einem Karussell zu sitzen: So turbulent sich ihre Kindheit gestaltete, so turbulent ist heute ihr Alltag. In Luxemburg betreibt die Schauspielerin und Sängerin ein Kulturcafé, das Inoui, in dem mehr als 200 Veranstaltungen im Jahr stattfinden, und ein Kindertheater. Dieses bietet nicht nur Bühnenproduktionen, sondern auch Kreativangebote für die Kleinsten an. Butbuls eigene Kinder sind vier, sieben und zehn Jahre alt. Doch sie schafft es auch noch, selbst auf der Bühne zu stehen. In Kürze ist sie wieder in ihrer alten Heimat Wien zu Gast: Im Rahmen des Jiddischen Kulturherbsts tritt sie gemeinsam mit Tania Golden und Roman Grinberg auf.

Als wirklich religiös sieht sich Butbul nicht. Dennoch ist da ein starkes Band zum Judentum, vor allem aber ihre Liebe zur jüdischen Musik. Geboren wurde sie 1965 in Israel, und ihre Mutter ist keine Unbekannte: Martha Butbul alias Jazz Gitti. Im Alter von sechs Jahren - da hatte sich ihre Mutter endlich aus einer unglücklichen Ehe befreit - kam sie nach Wien. Hier ging sie in die Schule, hier wuchs sie in den Jazzclubs ihrer Mutter auf, hörte Größen wie Fatty George und Herbie Hancock. Das bedeutete aber auch hie und da, im Büro zu schlafen und am nächsten Tag müde zur Schule zu gehen. "Als junge Frau habe ich das meiner Mutter vorgeworfen. Aber natürlich liebe ich sie. Meine Mutter ist eine sehr warmherzige, impulsive Person."

So wie Martha Butbul in jungen Jahren von einem Israeli geschieden wurde, so erging es auch Tochter Shlomit. Als sie 18 Jahre alt war, wollte sie ihr Hebräisch wieder aufpolieren. Sie reiste in einen Kibbuz in Israel - allerdings mit ihrem israelischen Pass. Zwei Wochen später wurde sie zum Militärdienst eingezogen.

"Als Israeli hat man da einen anderen Blickwinkel. Wer in Mitteleuropa aufgewachsen ist, kann das nicht verstehen." Nach eineinhalb Jahren konnte sie wegen einer Heirat aus der Armee austreten. Doch die Ehe zerbrach. Zum Musik- und Schauspiel-Studium kehrte sie nach Wien zurück.

"Jüdischkeit" hat Shlomit Butbul zu Hause nicht viel mitbekommen. Ihre Mutter hatte erst als Jugendliche nach dem zu frühen Tod ihrer eigenen Mutter erfahren, dass diese Jüdin gewesen ist - sogar aus orthodoxem Haus. Deren Mann, Shlomit Butbuls Großvater, war aber Nichtjude - und hatte seiner späteren Frau in der NS-Zeit das Leben gerettet. Martha Butbul verschwieg man ihre Herkunft.

Shlomit Butbul hat sich vor 15 Jahren ebenfalls in einen Nichtjuden verliebt, in einen Luxemburger. Anfangs pendelte sich zwischen Österreich und Luxemburg hin und her. "Aber irgendwann muss man sich entscheiden." Das Kulturcafé betreibt sie heute gemeinsam mit ihrem Mann.

Sie achtet aber schon auf ihre Wurzeln beim Umgang mit ihren Kindern. In die Synagoge geht Butbul nicht. Auch einer Gemeinde hat sie sich nicht angeschlossen. "Da sagt man einem sofort, wie man was wann zu machen hat." Aber ihren Sohn hat sie beschneiden lassen - "allerdings erst im Alter von sechs Monaten, und von einem Arzt und dazu habe ich gebetet".

"Ich bin eine Sabre, in Israel geboren", hört man von Shlomit Butbul. Aber auch "ich liebe Wien, und irgendwann werde ich wieder zurückkommen". Auch ohne religiös zu sein, fühlt sie sich als Jüdin. Dabei zitiert sie ihre Mutter: "Blut is ka Wasser. Das trage ich in mir. Mein Herz ist einfach jüdisch." Wenn sie nach Israel komme, blühe sie auf. Ihr Mann sage dann: "Meine Shlomit ist nach Hause gekommen."

Tania Golden, mit der Shlomit Butbul nun in Wien im Rahmen des Jiddischen Kulturherbsts auf der Bühne stehen wird, kennt sie seit 25 Jahren. Golden hat auch schon für Butbul in Luxemburg inszeniert, "in einer fremden Sprache und sie hat es großartig gemacht". Und auch Roman Grinberg kenne sie schon lange. Zeit, ihre Wiener Freundschaften zu pflegen, findet Butbul bei ihren regelmäßigen Besuchen in Österreich (seit Ende der 1980er Jahre ist sie auch österreichische Staatsbürgerin).

Zu Chanukka, dem jüdischen Lichterfest, reist Butbul immer mit der ganzen Familie nach Wien. Dieses Jahr wird im Dezember gefeiert. Vielleicht wird sie eines Tages ja doch länger bleiben. "Die Kultur und die Musik in Wien, die gehen mir schon wahnsinnig ab."