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"Mein Kind, das ich nie hatte"

Von Eva Stanzl

Wissen
Die Eizellspende ermöglicht Frauen Entscheidungsfreiheit.
© © © Image Source/Corbis

Gesundheitsminister Alois Stöger als Hoffnungsträger für kinderlose Frauen.


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Wien. Der Widerspruch liegt in der Entscheidungsfreiheit. Der Mensch hat vor Jahrmillionen Kraft seiner Intelligenz gelernt, Tiere zu jagen, die schneller laufen können und gefährlicher sind als er. Einige Eiszeiten später darf eine reifere Frau jedoch nicht ihre Intelligenz dazu einsetzen, ein Kind zu bekommen. Denn das österreichische Gesetz reduziert ihre Möglichkeiten auf das biologisch Mögliche. Bei unerwünschten Schwangerschaften kaum dem Kindesalter entwachsener Mädchen wirken wir unterstützend und helfen, wo es geht. Eine reifere Frau, die sich nicht nichts sehnlicher wünscht als ein Kind, unterstützen wir aber nicht.

In der Praxis sieht das so aus: Schon als junges Mädchen hatte Barbara W., 41, nie dran gezweifelt, dass sie einmal eine Familie gründen würde. "Die Perspektive, Kinder zu haben, gehörte zu meinem Leben wie ich selbst", sagt sie. Allerdings zeigte die Arbeitswelt ihr zunächst einmal deutlich auf, dass sie die Grundlagen für ihren Lebensunterhalt in jungen Jahren schmieden müsse. Als sie Anfang 30 war, geschah dann das Unerwartete: Der Mann, in den sie sich damals verliebte, hatte bereits Kinder - und wollte keine weiteren. Seit der Trennung hat Barbara W. keinen passenden Partner gefunden. Eine Frau, die ein Kind auf die Welt bringt, überwindet Grenzen, die sie vorher nicht kannte. Wie in einer Möbiusschlaufe gefangen steht Barbara W. vor dieser Grenze, die sich ihr entzieht, währenddessen tickt die biologische Uhr. Ihr Kinderwunsch interessiert niemanden - und es gibt im Prinzip nichts, was sie dagegen unternehmen kann.

Sie kann nicht adoptieren, denn in Österreich ist das Höchstalter für Inlandsadoptionen 40. Und während mittlerweile ein Viertel aller Patientinnen heimischer Kinderwunsch-Kliniken dieses Alter überschritten hat, kann Barbara W. sich dort nicht behandeln lassen. Denn die In-vitro-Fertilisation (IVF, künstliche Befruchtung in der Petrischale, siehe "Wissen" links unten) darf hierzulande nur an Frauen vorgenommen werden, die in einer Ehe oder eheähnlichen Lebensgemeinschaft leben.

"Vielleicht begegne ich ja bald dem Mann meines Lebens", sagt sich W. Doch die biologische Uhr hat ihre eigene Zeit. Sollte sie bis dahin abgelaufen sein, könnte Barbara W. die Spende von Eizellen einer jüngeren Frau empfangen. Wiederum in der Petrischale würde diese mit dem Samen ihres Partners befruchtet und dann in W.’s Gebärmutter eingesetzt.

Nur ein einziger Versuch

Doch auch das untersagt das seinerzeit 1992 festgeschriebene Fortpflanzungsmedizin-Gesetz. W. müsste zwischen 4500 und 9000 Euro zusammenkratzen - wohlgemerkt für nur einen einzigen Versuch -, um den Eingriff in Spanien, Tschechien, Großbritannien oder Dänemark vornehmen zu lassen.

"Statistisch gesehen führt regelmäßiger Sex innerhalb eines Jahres bei einem von sechs Paaren zu keiner Schwangerschaft", sagt der Wiener Reproduktionsmediziner Wilfried Feichtinger. Die Krankenkasse, die für Kinderwunsch-Behandlungen bei Frauen bis 40 und Männern bis 50 Jahren aufkommt, registriert 6000 betroffene Paare jährlich. "All jene, die uns aufgrund fortgeschrittenen Alters aufsuchen, sind nicht erfasst", so Feichtinger.

Noch größer ist die Dunkelziffer all jener, die keine Klinik aufgesucht haben und still und leise ungewollt kinderlos bleiben. Denn darüber redet kaum jemand. Betroffene müssen sich damit abfinden, sagen meist Menschen, die nicht betroffen sind. Wer sich abfindet, meint eine leise Ahnung zu entwickeln, wie es sein könnte, wenn einer Mutter das Kind stirbt. Mit dem feinen Unterschied, dass man ein Phantom begräbt, wie der Tod einer Hoffnung und eines Kindes, das man nie hatte. Neben all jenen, die eine Eizellspende aus medizinischen Gründen bräuchten - wie Frauen nach Chemotherapien oder mit dysfunktionalen Eierstöcken -, wäre auch für diese Frauen diese Möglichkeit eine neue Hoffnung. Und eine echte Option.

Als Hoffnungsträger entpuppt sich Gesundheitsminister Alois Stöger, der sich zwar zuvor nicht als Ausnahmepolitiker profiliert hatte, doch in diesem Bereich eine echte Ausnahme ist. Bisher hat das offizielle Österreich an einem Gesetz voller Widersprüche festgehalten und die ethisch sensiblen Fragen, die die Trennung der Fortpflanzung vom Sex aufwirft, an Höchstgerichte delegiert. Das will Stöger reformieren. Ein offener Diskurs soll ein zeitgerechtes, der gesellschaftlichen Realität entsprechendes Gesetz hervorbringen. Er will die Eizellspende, die künstliche Befruchtung für Alleinstehende, Homosexuelle und Lesben, sowie die Diagnose von Krankheiten am Embryo vor der Einbringung in den Mutterleib (Präimplantationsdiagnostik, PID), erlauben. Eine Ansage, die wie Sonne und frische Luft einen stickigen Raum durchflutet.

Doch können Gesetze zu so einem komplexen Thema überhaupt zufriedenstellend verfasst werden? Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethik-Kommission beim Bundeskanzleramt, findet ja. Sie räumt aber ein, dass viel Auseinandersetzung involviert sein wird. "Es ist denkbar, dass eine Freigabe der Eizellspende auch für Frauen im reiferen Alter gelten soll. Jedoch muss mit Experten diskutiert werden, welche Grenze die beste ist, damit der Altersunterschied zwischen Mutter und Kind nicht zu groß ist und wir keine Mütter im Großmutter-Alter haben", sagt sie.

Das wird aber nicht der einzige Knackpunkt der diesbezüglichen Verhandlungen sein. Denn im Grunde wehren sich die meisten Menschen gegen das Faschistoide, das der Herstellung perfekter Zuchtprodukte innewohnt. Bei der Eizellspende ist es zwar nicht das Wesentlich - doch wenn man sich schon die Spenderin aussuchen kann, warum dann nicht eine, die einem ähnlich sieht, einen gesunden Eindruck macht oder einen hohen Intelligenzquotienten hat?

Einer im Fachjournal "Fertility and Sterility" publizierten Studie zufolge wird es genau so gemacht. Die Forscher der University of Western Australia haben die Selektionskriterien australischer Frauen bei der Wahl eines Samenspenders untersucht. Heterosexuelle Frauen in Partnerschaften legen demnach eher Wert darauf, dass der Spender gut aussieht. Alleinstehende Frauen schauen hingegen darauf, dass er den einen verlässlichen Eindruck erweckt. "Die Studie wirft ein neues Licht auf Theorien, wie sich Samen- und Eispende auf die Evolution auswirken könnten", betont Erstautorin Iolanda Rodino.

Freiheit, zu entscheiden

"Ich würde nie einen Samen spenden", sagt der 50-jährige Robert H.: "Die Idee, dass es Kinder auf der Welt gibt, die meine sind und die ich nicht großziehen darf, schmerzt mich mehr als wenn die, die ich großgezogen habe nicht meine eigenen wären." Was es jedoch für Kinder bedeutet, eine biologische Mutter zu haben und eine, die es großzieht, ist noch kaum untersucht. "Man muss altersgemäß darüber reden, damit die Kinder nicht mit 15 eine Identitätskrise haben, weil sie nicht zuordnen können, wer sie wirklich sind", sagt die Präsidentin des Berufsverbands Österreichischer Psychologinnen, Ulla Konrad: "Man müsste den Kindern verständlich machen, dass sie eine biologische Mama haben und eine, die hier ist - und sie eben ein Indivduum sind."

Zu hoffen bleibt, dass die Koalitionsparteien kompromisslose Offenheit an den Tag legen anstatt die geplante Reform in Kompromissen zu ersticken. Und da das Individuum sowieso seine Motive genau erforschen muss, wenn es seine Biologie überlisten will, sollte das Gesetz alles erlauben - denn entscheiden müssen wir immer selbst.

Wissen

In-vitro-Fertilitsation (IVF) Bei der künstlichen Befruchtung in der Petrischale werden die Eierstöcke der Frau mit Hormonen stimuliert, damit dieser Eibläschen produziert. Die reifen Eizellen werden entnommen, außerhalb des Körpers mit dem Samen des Mannes befruchtet und in die Gebärmutter eingesetzt in der Hoffnung, dass eine Schwangerschaft zustande kommt. Die Methode wurde erfunden, um medizinisch bedingte Unfruchtbarkeit zu umgehen. Immer mehr Menschen suchen IVF-Mediziner jedoch auch auf, weil sich ihre Ei- oder Samenzellenqualität sich mit dem Alter verschlechtert hat. Die Erfolgsraten liegen durchschnittlich bei 34 Prozent, bei über 40-Jährigen jedoch nur bei fünf bis zehn Prozent. Im Rahmen der IVF kann eine Eizellspende durchgeführt werden, bei der eine fruchtbare Frau ihre Eizellen einer Unfruchtbaren spendet. In Großbritannien etwa spenden IVF-Patientiennen ihre übrigen Eizellen bedürftigen Frauen, in Tschechien sind die Spenderinnen zumeist unbeteiligte Dritte.