Zum Hauptinhalt springen

Meinung von aussen: Megatrend Respiritualisierung

Von Kardinal Christoph Schönborn

Politik

Die Sehnsucht der Menschen nach Antwort auf die Grundfragen nach dem Woher, Wohin und Wozu des Lebens ist heute in den nach außen so "säkularisierten" Gesellschaften der Wohlstandsländer wieder stärker spürbar. Die Jagd nach dem "großen Glück in knapper Zeit", wie sie von einer konsumorientierten Gesellschaft propagiert wird, lässt offensichtlich viele Fragen offen. Nüchterne soziologische Untersuchungen zeigen, dass gerade in den großen Städten die Zahl der Menschen zunimmt, die sich als gläubig betrachten, wieder zu beten beginnen, ja am Sonntagsgottesdienst teilnehmen. Bei der großen Wiener Stadtmission Ende Mai ist etwas davon sichtbar geworden.

Theologen und Soziologen sprechen von einem "Megatrend Respiritualisierung". Das allein ist schon interessant, widerspricht es doch allen Prognosen, die noch vor 30 Jahren Allgemeingut waren. Freilich gehört zum Befund, dass dieser Trend nicht von vornherein den großen christlichen Kirchen zugute kommt. Vieles aus dem historischen Fundus der Menschheit - bis hin zum krassesten Aberglauben - hat plötzlich wieder Konjunktur. Der "Schlaf der Vernunft" gebiert auch Ungeheuer.

Aber die neue "Offenheit" für die Transzendenz, das die materielle Welt Überschreitende, beinhaltet auch große Chancen. Chancen darauf, dass die Menschen die befreiende und heilende Kraft der Botschaft des Evangeliums wieder entdecken. "Christus - Hoffnung Europas" heißt das Motto des Mitteleuropäischen Kathol kentags, der von acht europäischen Bischofskonferenzen von Bosnien bis Polen gemeinsam getragen wird. Dieses Motto gilt für den Einzelnen wie für Gemeinschaften, von der Familie bis zur kontinentalen Union; es beinhaltet die Hoffnung, dass durch die Begegnung mit Christus das vielfach gebrochene und bedrohte Leben der Menschen wieder ganz wird.

Für die Kirche(n) bedeutet die neue "Offenheit" der suchenden Menschen eine große Herausforderung. Mühsam lernen sie, das Evangelium, die "gute Nachricht", so neu zu buchstabieren, dass die Menschen verstehen, worum es geht. Am Beginn des dritten Jahrtausends steht die Kirche in einem großen Transformationsprozess, der auch manche negative Begleiterscheinungen mit sich bringt. Und doch sollte nicht übersehen werden, was das ganz alltägliche Wirken der Kirche in Seelsorge und Religionsunterricht, in karitativer Tätigkeit und kulturellem Engagement hier und heute für die Gesellschaft bedeutet. Es ist die Kirche, die auf unspektakuläre Weise den Wurzelgrund der Nächstenliebe und Solidarität hegt und pflegt, ohne den die Gesellschaft zum Kampf aller gegen alle verkommen würde. Die Demokratie lebt von Grundlagen, die sie selbst nicht schaffen kann, hat ein weiser Staatsrechtler formuliert. Die Tätigkeit der Kirche(n) trägt wesentlich dazu bei, dass diese Grundlagen stabil bleiben.

Die katholische Kirche in Österreich - und nicht nur hier - hat sich schon vor Jahrzehnten dafür entschieden, dass Bischöfe und Priester dem tagespolitischen Streit fern bleiben sollen. Umso mehr fühlt sie sich verpflichtet, zu Grundsatzfragen Stellung zu nehmen, wenn sie Rechte und Würde des Menschen in Gefahr sieht. Und umso mehr sind auch die einzelnen Christen gefordert, sich im Alltag zu engagieren, auch im politischen Alltag. Sie sollen das tun ohne Mandat der kirchlichen Verantwortungsträger, im Respekt vor der Tatsache, dass Christen bei gleicher Sorgfalt in politischen Tagesfragen zu unterschiedlichen Lösungen kommen können und in der Bereitschaft zur Zusammenarbeit über die Grenzen politischer Gruppierungen hinaus, wenn es um das Allgemeinwohl geht.

Christoph Kardinal Schönborn, Erzbischof der Erzdiözese Wien Foto: APA