Zum Hauptinhalt springen

Meinung von außen: "Pampers vs. Party"-Diskussion löst nichts

Von Rudolf Bretschneider

Politik

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 20 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Eine Partei, so empörte sich Alfred Gusenbauer, wolle der Jugend vorschreiben, wie sie leben solle. Er hingegen sei dafür, dass jede(r) so lebe, wie es ihm/ihr gefällt. Groß war die künstliche Aufregungen, die eine Äußerung von Elisabeth Gehrer ausgelöst hat. Sie konnte nur durch falsches Zitieren, (absichtliches?) Missverstehen und den landesüblichen Hang zur grotesken Übertreibung zustande kommen.

Die Ministerin hat nämlich keineswegs Vorschriften gemacht - sie war und ist ja auch wohl kein Kind von Traurigkeit; sie hat bloß die schlichte Frage gestellt: "Was macht das Leben lebenswert? Etwa, wenn man von Party zu Party rauscht, ist es das Single-Leben?" Mehr hat sie nicht gebraucht! Vor allem weil sie hinzugefügt hat.: "Die Wahrheit ist: Die Zukunft ist gesichert, wenn ein Land Kinder hat."

In vielen Medien brach daraufhin eine "Pampers vs. Party"-Debatte aus. Man unterstellte, dass "der Jugend" ein schrankenloser Hedonismus unterstellt werde, dass der Generationenvertrag (den es nur als Fiktion gibt) durch das Zeugen von Kindern einzulösen sei. Ein Scherzwort gab das andere. Das Originalzitat war längst vergessen. Die Phantasie trieb Blüten. Ein Abgeordneter forderte eine Besteuerung von Präservativen. Eine entsprechende Erzeugerfirma protestierte medienpostwendend. Alles lief so ab, als wollte man beweisen, dass der liebe Gott oder wer immer in der Zwischenzeit an seine Stelle getreten ist, dieses Land zu einer Karikatur eines ernstzunehmenden Gemeinwesens bestimmt hat.

Und all das nur, weil man nicht richtig zitieren kann (oder will). Man hätte der Ministerin, die an den Generationenvertrag, der praktisch in einem Umlageverfahren besteht, erinnerte, ihre Frage nach dem "lebenswerten Leben" ruhig zugestehen können. Diese Art von Fragen wird ohnehin viel zu selten gestellt. Aber gleichzeitig hätte man darauf verweisen können, dass auch eine stark steigende Fruchtbarkeitsquote, materialisiert in Geburten, den "Generationenvertrag", so wie er praktiziert wird, nicht retten kann. Kinder, die jetzt gezeugt werden und in 20-25 Jahren wieder zeugen, bilden erst in fernster Zukunft eine ausreichende Menge an "Umlagezahlern". Sie helfen - hoffentlich - ihren Eltern, wenn diese Pflege benötigen sollten (aber das innerfamiliäre Generationenverhältnis steht ohnedies kaum zu Debatte). Als "Vertragserfüller" reichen sie nicht.

Gerade darin besteht ja das Problem: weder moderat steigende Zuwanderung, noch leicht angehobenes Pensionsantrittsalter, noch stark steigende Geburtenzahlen können die gegenwärtigen Standards garantieren. Man frage Versicherungsmathematiker oder Demographen. Da Kinder aber etwas Schönes sind und viele Jugendliche sich Kinder wünschen, hätte man auch diskutieren können, was junge Paare von der Realisierung ihres Kinderwunsches abbringt. Nur ansatzweise ist das geschehen. Vorschnell wird die "Antwort" in genügend Betreuungsplätzen gesehen. Ein schwieriges Problem wird auf eine bekannte Polemik mit angeschlossener Patentlösung reduziert.

Selbst wenn man glaubt, die Ministerin hätte "der Jugend" gedankenlosen Hedonismus unterstellt, lässt sich daraus schlecht ein Generationenkonflikt ableiten: Von wem hätten "die Jungen" denn den Hedonismus geerbt oder vorgelebt bekommen?

Die Eltern sind immer schuld. Aber vielleicht geht alles auf die Lust am falschen Zitieren zurück, das die Frage in "Vorschriften" verwandelt, wenn ein sensibler Punkt berührt wird.

Warten wir ab, was passiert, wenn ein Politiker fragt: "Was macht das Leben lebenswert? Etwa das ewige Bücherlesen im Elfenbeinturm und den 'Staub bibliographischer Quisquilien mit Lust zu fressen'" (Nietzsche). Wetten, dass sich niemand aufregt!

Dr. Rudolf Bretschneider ist Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts Fessel+Gfk