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Meinung von außen: Unkultur in "kulturellen" Kreisen

Von Rudolf Bretschneider

Politik

Warum habe ich mich bloß wegen jenes Beitrags geärgert, in dem eine Journalistin ihrem Vorurteil über Politiker süffisanten Ausdruck verlieh? Dieser Berufsstand komme, so meinte sie, während der Festspiele, die im Sommer ausbrechen, zwangsläufig mit "Kultur" in Kontakt. Das tue diesen Menschen zur Abwechslung ganz gut; auch wenn diese Begegnung nicht ganz freiwillig sei, sondern aus Rollenverpflichtungen erwachse.

Die Häme, die in diesem Kommentar mitschwang, hat journalistische Tradition. "Kulturmenschen" behandeln "Politiker" oft recht gönnerhaft, mit leiser Verachtung und dem Gefühl eigener überlegener Kennerschaft. Politiker bei Festspielen: Sie gelten ihnen offenbar als geduldete Banausen, die nichts sehen und hören, sondern nur gesehen und gehört werden wollen, die sich daneben stellen, wenn irgendwo der Applaus aufbrandet und diesen auf sich beziehen.

Die Filter des Vorurteils sind mächtig. Sie lassen übersehen, dass es - ebenso wie in der "Normalbevölkerung" - unter den PolitikerInnen höchst feinsinnige, belesene und musikalische Naturen gibt, die solche KritikerInnen beschämen müssten, wären diese nicht wirklichkeitsblind. Ich kenne Politiker, die bei Marathonkonzerten andächtig ausharren, solche, die dirigieren oder mehrere Instrumente spielen, eine tiefe Kenntnis der Landeskultur haben und in mehr als einer Literatur zuhause sind. Natürlich gibt es auch die anderen: die urbanen Bierkutscher und die ländlichen Marktschreier, die - medienbedankt - die Öffentlichkeit mit ihrer Unkultiviertheit beschäftigen. Aber "die Politiker" zu belächeln oder ihnen pauschal Kulturferne zu unterstellen ist Ausdruck eines dumpfen Ressentiments - auch wenn sich dieses ein hübsches Verbalmäntelchen umhängt. Es wäre apart, würde anstelle eines Fußballspiels "Politiker gegen Journalisten" einmal eine Art "Kulturwettkampf" veranstaltet.

Dabei könnte man verfolgen, wie spezialisiert oder breit ihr Kulturwissen ist, wie weit sie über den eigenen Berufszaun hinaus sehen, wie "abgehoben" sie von der sozialen Wirklichkeit des Landes sind, wie eng oder weit die kulturellen Netzwerke sind, in denen sie sich sicher bewegen.

Aus Fairnessgründen dürfte man nicht die Spitzenrepräsentanten gegeneinander/miteinander antreten lassen, sondern müsste Zufallsstichproben aus der jeweiligen Grundgesamtheit ziehen - ergänzt um ein paar Freiwillige aus jeder Gruppe.

Vielleicht würde das ein paar Vorurteile dahinschmelzen lassen oder zur Erkenntnis führen, dass in beiden Funktionseliten höchst bevölkerungstypische Verteilungen von "Kultiviertheit" vorfindbar sind. Aber vermutlich wäre ein derartiger Wettbewerb langweilig und daher medienuntauglich.

Tauglich ist offensichtlich nur die Verstärkung bestehender Vorurteile - Politiker seien abgehoben und kulturfern; tauglich ist das Schüren von Ressentiments und das Zitieren kulturlosen Streits. Diesen schürt man, bauscht ihn auf - um sich im nächsten Kommentar darüber zu erheben und ihn lächerlich zu finden. Hauptsache das Selbstgefühl stimmt und man kann sich in der warmen Vorstellung sonnen, die man von sich hat.

Aber, was ärgere ich mich! Schließlich treten (wir) ja alle unter dem eigenen Namen auf; stehen nicht nur auf dem Medienpodest, sondern auch auf dem Prüfstand. Mitdenkende LeserInnen erkennen die Vorurteile (so sie sich nicht zufällig mit den eigenen decken).

Rudolf Bretschneider ist Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstitutes Fessel-GfK