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Meister der Geschichte der Bildung

Von Wolfgang Brezinka

Politik

Erziehungshistoriker aus aller Welt blicken mit einer Mischung von Bewunderung und Neid auf das Werk eines Gelehrten, der am 13. November 2004 sein 80. Lebensjahr vollendete und gestern im Rahmen einer Akademischen Feier an der Universität geehrt wurde: auf die "Geschichte des österreichischen Bildungswesens" von Helmut Engelbrecht.


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Es ist zwischen 1982 und 1988 in fünf Bänden erschienen und hat als Leistung eines Einzelnen nicht seinesgleichen. Unter Fachleuten gilt es nach dem Urteil der maßgebenden Zeitschrift "Paedagogica historica" (1991, 285ff.) als "ein Standardwerk von internationalem Rang", das "höchste Kompetenz und Genauigkeit im Detail" mit klarer Darstellung vereint. 1995 ist es noch durch einen schönen und lehrreichen Bildband ergänzt worden, der rund 700 Abbildungen erziehungs- und schulgeschichtlich bedeutsamer Dinge, Vorgänge und Personen von der Römerzeit bis zur Gegenwart enthält und erläutert.

Erziehungshistoriker

Seit die Pädagogik im Jahre 1805 als Lehrfach an den österreichischen Universitäten eingeführt worden ist, hat niemand so viel zur Erforschung und Darstellung der Geschichte unseres Bildungswesens beigetragen wie Engelbrecht. Er hat vor 35 Jahren an der Wiener Universität den Lehrauftrag für dieses Fachgebiet übernommen und ist durch seine breit angelegten Forschungen zum führenden Erziehungshistoriker Österreichs geworden. Er hat die bunte Vielfalt des österreichischen Bildungswesens von den Elementarschulen bis zu den Universitäten, von den Kindergärten, Horten und Heimen bis zur Berufs- und Erwachsenenbildung in allen Phasen seiner Geschichte quellengemäß detailliert und kritisch beschrieben.

Einbettung ins Zeitgeschehen

Dabei ist stets auf deren Einbettung in das politische und kulturelle Zeitgeschehen geachtet worden. So ist ein wesentlicher Beitrag zur österreichischen Kulturgeschichte entstanden, dessen Nutzen für die historisch-vergleichende Bildungsgeschichte Europas auch im Ausland geschätzt wird.

Erstaunlich und bewundernswert ist, dass dieses gewaltige Lebenswerk nicht im Hauptberuf eines Universitätsprofessors der Geschichte oder der Erziehungswissenschaft geschaffen wurde, sondern neben der aufreibenden Arbeit als niederösterreichischer Gymnasiallehrer seit 1948 und als Direktor des Bundesgymnasiums in Krems von 1970 bis 1989. Dank dieser Ämter hat Engelbrecht genaue Kenntnisse des Schulwesens in allen Einzelheiten der gesetzlichen und administrativen Vorschriften wie der Unterrichts- und Verwaltungspraxis gewinnen können, die einem schulfremden Geschichtswissenschafter kaum erreichbar wären.

Studium ab 1945

Helmut Engelbrecht stammt aus Ysper im Bezirk Melk, wo er am 13. November 1924 als Sohn eines Gendarmeriebeamten geboren wurde. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Krems folgten drei Jahre Kriegsdienst in der deutschen Wehrmacht und eine kurze amerikanische Kriegsgefangenschaft. Ab Herbst 1945 hat er an der Wiener Universität Geschichte, Germanistik und Philosophie studiert und schon nach drei Jahren mit dem Lehramtsprüfungszeugnis abgeschlossen. Außerdem erwarb er 1948 auch noch das Doktorat der Philosophie mit Auszeichnung. Seine historische Dissertation behandelte "Die österreichischen Mitarbeiter der Historisch-politischen Blätter zwischen 1867 und dem Jahrhundertende".

Die Historiker Alfons Lhotsky, Hugo Hantsch und Paul Müller, der Pädagogiker Richard Meister und der Philosoph Victor Kraft haben seine Neigung zur wissenschaftlichen Arbeit geweckt. So hat er sich als Mittelschullehrer neben dem Unterricht schon früh der Didaktik und Methodik seiner Fächer zugewendet und bei Lehrplan-Entwürfen und Schulversuchen des Bundesministeriums für Unterricht mitgewirkt. Hospitationen in höheren Schulen Deutschlands und Englands haben seinen pädagogischen Horizont ebenso erweitert wie die glückliche Ehe mit einer Kollegin und die Erziehung von drei Kindern. Daneben hat er sich auch noch Zeit genommen für die Mitarbeit in der "Vereinigung christlicher Lehrer an den höheren Schulen Österreichs". Seit 1961 hat er ihr als Landesobmann für Niederösterreich und von 1967 bis 1978 als Bundesobmann gedient.

Was im Rahmen dieser vielen Pflichten an Freizeit geblieben ist, hat Engelbrecht zunächst der Kremser Lokalgeschichte und ab 1969 der österreichischen Bildungsgeschichte gewidmet. Für dieses Fachgebiet war es ein Glücksfall, dass die Pädagogiker der Wiener Universität bei der Suche nach einem Lehrbeauftragten auf ihn gestoßen sind. Engelbrecht hat diesen Lehrauftrag zu seiner Lebensaufgabe gemacht und bis heute in jedem Semester gewissenhaft durchgeführt.

Geschichte der Lehrervereine

Neben seinem Hauptwerk hat er noch weitere drei Bücher und rund 120 Aufsätze veröffentlicht. 1978 erschien ein wichtiges Buch über die Geschichte der österreichischen Lehrervereine, 2000 eine umfangreiche "Geschichte der katholischen Privatschulen in Österreich" unter dem Titel "Relikt oder Zukunftsmodell?". Mit seinem jüngsten Buch über "Lagerschulen" in Österreich, das soeben erschienen ist, hat er ein fast vergessenes pädagogisches Arbeitsfeld der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte anschaulich dargestellt: die ab 1940 eingerichteten Lager der "Erweiterten Kinderlandverschickung" (KLV), den Unterricht für jugendliche Luftwaffenhelfer und die Lagerschulen für Umsiedler, Heimatvertriebene und Flüchtlinge nach 1945.

Die Universität Wien hat Engelbrecht 1987 mit der Ernennung zum Honorarprofessor ausgezeichnet, die Österreichische Akademie der Wissenschaften 1992 mit der Wahl zum Mitglied ihrer Kommission für Philosophie und Pädagogik, die Universität Klagenfurt 1998 mit dem Ehrendoktorat der Philosophie. Zwischen 1969 und 2004 waren tausende Lehramts- und Diplom-Studenten seine dankbaren Hörer.

Gerechte Urteile

Durch seine nüchternen, sachlichen und gerechten Urteile über die pädagogischen Ideen und Leistungen aller Parteien, die in der Vergangenheit am Streit um das Schulwesen beteiligt waren, hat Engelbrecht Österreich indirekt auch bildungspolitisch gute Dienste geleistet. Im Geleitwort zum ersten Band seines Handbuches hat er 1982 den Wunsch ausgesprochen, durch Wissen über die Vergangenheit "auch zur Versachlichung der Schulreformdiskussion unserer Tage beizutragen". Heute kann man sagen: dank der Lebensarbeit von Helmut Engelbrecht sind wir der Versachlichung bildungspolitischer Auseinandersetzungen schon ein Stück näher gekommen. n

Wolfgang Brezinka ist o. Prof. em. der Pädagogik und Mitglied der Akademie der Wissenschaften.