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Mensch gegen Natur -nächste Runde

Von Wolfgang Tucek, Sandouping

Politik

Die chinesische Regierung baut am Jangtse Kiang das leistungsstärkste Flusskraftwerk der Welt. Der gigantische Drei-Schluchten-Damm soll Mittelchina mit Strom versorgen und den verheerenden Hochwassern in der Region ein Ende setzen. Am Sonntag wird der umstrittene Riesenstausee geflutet.


Sandouping ist die Kleinstadt direkt an der monströsen Drei-Schluchten-Damm-Baustelle. Die Morgennebel steigen aus dem sattgrünen Tal und eine seltsame Stimmung zwischen gespannter Ruhe und banger Erwartung tritt zutage. Das gigantische Sperrwerk zerschneidet 2.309 Meter lang und

185 Meter hoch die braunen Fluten des Jangtse. Nach zehn Jahren Bauzeit wird am Sonntag gestaut. Knapp 40 Mrd. Kubikmeter Wasser sollen im Endeffekt das bisher idyllische Tal füllen. Das chinesische Prestigeprojekt Nummer 1 muss zeigen, ob es die hohen Erwartungen seiner Erbauer erfüllen kann. Strom ohne Ende, effektiven Hochwasserschutz und durch die Vorteile für die Schifffahrt einen wirtschaftlichen Aufschwung für die ganze Region prophezeit die chinesische Regierung. Kritiker prangern die großflächigen Zwangsumsiedlungsmaßnahmen für fast 1,2 Mill. Menschen, die unabsehbaren Folgen für die Umwelt und den Verlust der einzigartigen Landschaft an.

Größtes Flusskraftwerk

"Dieses Haus beherbergt das Gehirn des Dammprojekts, dort drüben residieren die Politiker", erlaubt sich die Reiseführerin Sheng Liu eine unabsichtliche Spitze. Vor einem Modell der Anlage präsentiert sie die Eckdaten des Projekts: 630 Kilometer, etwa die Strecke Wien-Frankfurt, wird der Stausee lang sein. Vorerst wird der Wasserspiegel um gute 70 Meter auf 135 Meter gehoben. Auf 175 Meter soll er 2009 steigen. Die Stromversorgung Mittelchinas sei damit ein für alle Mal geregelt. 26 Generatoren von der deutschen Siemens AG mit einer Gesamtleistung von 18.200 Megawatt werden 85 Mrd. Kilowattstunden Strom im Jahr erzeugen. Das entspricht einem Neuntel des Energiebedarfs Chinas. Dank dem neuen Wasserkraftwerk können die Chinesen in Zukunft darauf verzichten,

50 Mill. Tonnen Kohle jährlich zu verheizen, was die Luftqualität drastisch heben wird, schwärmt Sheng. Die verbesserten Schifffahrtsbedingungen auf dem Jangtse werden darüber hinaus das jetzt schon ungeheure Frachtvolumen von

10 Mill. Tonnen pro Jahr auf 50 Mill. Tonnen explodieren lassen, was einen großartigen wirtschaftlichen Aufschwung nach sich ziehen werde. Zu guter letzt wäre der mit rund 6300 Kilometern drittlängste Fluss der Welt und die grauenhaften Hochwasserkatastrophen, die im letzten Jahrhundert zehntausende Todesopfer gefordert hatten, endgültig in die Knie gezwungen. Zu Hochwasserzeiten wird dafür der Wasserspiegel auf 145 Metern gehalten, um die zusätzlichen Wassermassen abzufangen.

"Es geschieht etwas sehr Großes hier", bringt es Wu, der Angestellte des Damm-Informationszentrums, auf den Punkt, über den sich alle einig sind. Um das zu erkennen braucht man wahrlich nicht die Propaganda der chinesischen Regierung. Die Baustelle ist eine unfassbare Kraterlandschaft. Baugeräte und Lastwagen verkehren in einer beklemmenden Frequenz, ein Wald von Kränen und der wirklich beeindruckende Damm demonstrieren fürwahr Gigantomanie. Gut 20.000 Arbeiter arbeiten hier in drei Schichten rund um die Uhr - seit 1993. In deren Zelt- und Hüttensiedlungen spielen Kinder im Schlamm, die hier geboren wurden und nur die Mondlandschaft der Dammbaustelle mit dem allgegenwärtigen Baustaub in der Luft kennen.

Umsiedlungsprojekt

Die sprichwörtliche asiatische Gleichgültigkeit macht die Chinesen scheinbar leidensfähig. Sie hilft den fast 1,2 Millionen Betroffenen auch, die Umsiedlungsaktionen zu ertragen. 19 Städte, 1.352 Dörfer und 31.000 Hektar fruchtbares Ackerland gehen für immer in den Fluten verloren. Davon betroffen ist auch die über 3.000 Jahre alte Provinzstadt Wushan. Die Bewohner mußten ihre Häuser eigenhändig abreißen und das wiederverwertbare Baumaterial wurde zu einem großen Teil bereits abtransportiert. Wushan ist ein Trümmerfeld soweit das Auge reicht, wie nach einem verheerenden Bombenangriff, nur, dass wirklich gar nichts mehr steht. In einfachen Zelten aus gestreiften Allzweckplanen hausen ehemalige Einwohner. Dazwischen bestellt ein Bauer sein Feld, das mit seinem Grün fast blendet in dieser Endzeitlandschaft.

"Da oben ist unsere neue Stadt", sagt Qu Yuan. Im Dunst kann man auf der Anhöhe eine wenig einladende Plattenbausiedlung erblicken. "Es ist viel besser dort. Ich bin nicht traurig", meint die Einwohnerin des neuen Wushan. Statt in einer kleinen Substandard-Wohnung für sieben Personen wohnt sie jetzt mit ihren Eltern auf 70 Quadratmetern. Ihr Bruder, seine Frau und die Großeltern hätten eigene Wohnungen zugeteilt bekommen. Außerdem hat Qu erstmals in ihrem Leben Strom und fließendes Wasser in der Wohnung.

"Für die Alten schlimm"

Bei weitem nicht alle sind so zufrieden wie Qu. Korruption und Betrug haben riesige Beträge der von der Regierung bereitgestellten Umsiedlungsgelder für immer in dunklen Kanälen versickern lassen. Menschenrechtsorganisationen wie amnesty international verurteilen das Vorgehen der chinesischen Polizei gegen jene, die sich der Übersiedlung widersetzen wollten. Bauern, die in Großstädten angesiedelt wurden, sind völlig entwurzelt. "Für die alten Leute vom Land ist es schlimm", verrät uns ein Student aus der 30-Millionen-Metropole Chongqing. Manche bekommen einfache Arbeiten wie Straßenkehren zugeteilt, die meisten bleiben aber "überschüssige Arbeitskräfte". Berechtigte Hoffnung auf ein besseres Leben bestehe aber für die Kinder der Umgesiedelten. Chongquing gewährleiste eine gute Ausbildung und der Arbeitsmarkt für Fachkräfte boome. Viele fallen aber durch den Rost, und wenn sie nicht bei Verwandeten oder Freunden unterkommen, werden sie wohl Landstreicher oder Bettler.

Kritik am Projekt enorm

Finanzielle Probleme haben aber nicht nur die Delogierten. Inoffizielle Schätzungen gehen von bisherigen Kosten in der Höhe von rund 75 Mrd. Dollar gegenüber den geplanten

25 Mrd. Dollar aus. Kritiker weisen auf die inzwischen veraltete Technologie des Drei-Schluchten-Dammes hin. Der Strom vom Jangtse wäre daher unverhältnismäßig teuer und werde über kurz oder lang Absatzprobleme bekommen. Auch an die Verbesserung der Schifffahrt wollen Kritiker nicht glauben. Abgesehen von der drohenden Verschlammung des Flusses durch die Stauung orten sie eine heillose Überforderung der betroffenen Häfen, wie etwa in Chongqing.

Die Regierung beteuert, dass alles im Rahmen des geplanten Budgets läge, dass die erste Turbine noch dieses Jahr Strom erzeugen werde und der Break-even des Projekts plangemäß 2010 erreicht werde. Außerdem gehe die China Yantze Electric Power Corporation noch dieses Jahr an die Börse, was weitere 360 Mill. Dollar in die Projektkasse spülen werde. Und der Tourismus-Aufschwung am neuen Stausee werde sein übriges tun.

Diese Behauptung halten die Damm-Kritiker für absurd. Mit den Drei Schluchten wird ein Tourismus-Magnet der Sonderklasse überschwemmt. Naturschönheiten, die schon in alten chinesischen Liedern gepriesen werden, gehen unwiederbringlich im neuen Stausee verloren. Regenwaldgrüne Berge, pittoreske Felsformationen und steil aufragende Felswände zu einer exotischen Idylle arrangiert, sorgten bisher für wachsende Beliebtheit bei den Reisenden.

Umweltkatastrophe droht

Und noch etwas spricht gegen den von der Regierung erhofften Stausee-Tourismus: Der Jangtse ist schon jetzt hochgradig verschmutzt. 4,4 Mrd. Kubikmeter Abwässer, 6,7 Mill. Tonnen Haushaltsabfälle und 10 Mill. Tonnen Industriemüll gehen jährlich ungefiltert in den Fluss. Darüber hinaus werden ab Sonntag unzählige Industrieanlagen, Mülldeponien und öffentliche Toiletten mit ihren Fäkaliendepots geflutet. Durch die Stauung des Flusses verringert sich zudem die Fließgeschwindigkeit. So steht zu befürchten, dass sich die gesamte Schadstofflast vor dem Damm ablagert und die Region zu einer hochgiftigen Kloake verkommt. Reichlich spät hat sogar die staatliche Umweltschutzbehörde in China vor zwei Wochen Alarm geschlagen und eine massive letzte Säuberungsaktion des betroffenen Gebietes urgiert.

Am 14. Mai erklärte jedenfalls ein Sprecher der Entwicklungsgesellschaft des Drei-Schluchten-Projekts die Vorbereitungsarbeiten für die Flutung am

1. Juni für beendet. Zwei Wochen früher als geplant sei man fertig geworden. Die Drei Schluchten werden ein gewaltiger See, verkündete der Sprecher stolz. Aus Angst, jemand aus Peking könnte in Sandouping das SARS-Virus einschleppen, werden die für Sonntag geplanten Feierlichkeiten zur Abriegelung des Jangtse mit hohem Besuch aus der Hauptstadt jedoch entfallen. Hoffentlich ist das kein böses Omen für Chinas Prestigeprojekt. Würde der Damm nämlich jemals brechen, was Experten aufgrund der geologischen Unsicherheit der Region für möglich halten, so wäre das für Millionen von Menschen der sichere Tod in der gut

100 Meter hohen Flutwelle.