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Mensch: Triebmotor der Evolution?

Von Silke Farmer

Wissen

Kabeljau reagiert auf Überfischung mit | früherer Geschlechtsreife. | Kohlmeisen zwitschern in der Stadt heller. | Wien. Genau 125 Jahre nach dem Tod des berühmten britischen Naturforschers Charles Darwin ist dessen Evolutionstheorie, basierend auf dem Konzept der natürlichen Auslese, aktueller denn je und nicht mehr aus den Biologie-Lehrbüchern wegzudenken. Heute fließen freilich noch andere Erkenntnisse in Darwins Theorie mit ein. Zellforschung, Genetik und Populationsbiologie haben dahingehend einen wesentlichen Beitrag geleistet.


Doch das Grundprinzip hat nach wie vor Gültigkeit: Angehörige einer Population unterscheiden sich durch erbliche Merkmale und können sich aufgrund dessen unterschiedlich gut an eine veränderliche Umwelt anpassen. Diejenigen mit geeignetem genetischen Rüstzeug können ihr Erbgut in die nächste Generation weitergeben. Laut Lehrbuch bedeutet Evolution, dass sich der Genbestand einer Art in der Generationenfolge ändert und diese Änderung in einer Weise erfolgt, dass die Träger dieser Gene optimal in ihre ökologische Nische eingepasst sind.

Anpassung ist also ein wesentliches Element der Evolution. Doch die letzten Jahrzehnte haben auch gezeigt, dass die massiven Eingriffe des Menschen in die Ökologie einen zunehmend hohen Druck auf Fauna und Flora ausüben. Überfischung der Meere, Lebensraumzerstörung und globale Erwärmung sind menschengemachte Einflüsse, die für viele Arten das Aus bedeutet haben und auch zukünftig zu einem Rückgang in der Artenvielfalt führen werden. Einfach, weil die Geschwindigkeit zu rasant ist, in der sich Faktoren wie Habitate oder Nahrungsbedingungen ändern.

Anpassung gehört zum Leben

Umso erstaunlicher ist es, dass einige Arten in relativ kurzer Zeit in der Lage sind, das Beste aus ihrer neuen Situation zu machen. Beim Kabeljau hat man beobachtet, dass er in nur wenigen Jahrzehnten auf die Überfischung der Meere mit früherer Geschlechtsreife reagiert. Früher war der Hochseefisch erst mit einer Größe von einem Meter und einem Alter von zehn Jahren in der Lage, sich fortzupflanzen. Heute kann der Fisch schon mit sechs Jahren für Nachwuchs sorgen, auch wenn er da oft erst 65 Zentimeter lang ist.

Der Evolutionsökologe Ulf Dieckmann vom Institut für Angewandte Systemanalyse im niederösterreichischen Laxenburg hat diese Anpassung erforscht. Wenn die größten und ältesten Tiere aus einer Population herausgefischt werden, bleibt für die restlichen Tiere mehr Futter übrig, sie wachsen dadurch schneller und sind so früher geschlechtsreif.

"Die Anpassungsfähigkeit der Natur ist ein völlig natürliches Phänomen und geschieht auch ohne menschliches Zutun schon seit Millionen von Jahren", erklärt der Evolutionsbiologe Thomas von Rintelin von der Berliner Humbold Universität. In vielen Fällen, wie etwa beim Kabeljau-Beispiel, könne man den Menschen aber schon als "Triebmotor für die Evolution" bezeichnen.

Doch man muss gar nicht weit in die Ferne schweifen, um Anpassungen in der Tierwelt zu beobachten. Der Lebensraum Stadt bedingt bei Vögeln interessante Adaptionen. Da gibt es Kohlmeisen, die aufgrund des Lärms in der Stadt heller und schneller singen als ihre Verwandten im Wald. Und Stadtamseln, die anscheinend mehr Stress ertragen als ihre Kollegen im Wald, weil sie an Lärm und Helligkeit gewöhnt sind: Die urbanen Amseln weisen eine geringere hormonelle Stressantwort auf Reizquellen auf als ihre Vettern in naturnaher Umgebung. Außerdem beginnen Stadtamseln schon früher im Jahr mit der Reproduktion, weil ein großer Teil von ihnen in den Städten überwintert, während Waldamseln noch größtenteils im Winter in den Süden ziehen.

Bisher konnten in beiden Fällen noch keine genetischen Unterschiede zwischen den Stadt- und Landpopulationen festgestellt werden. Ob es sich also bei solchen Anpassungen nur um individuelle Flexibilität handelt oder ob hier zumindest ein früher Grundstein für eine Artabspaltung gelegt wurde, bleibt fraglich.

Das werden vielleicht auch erst kommende Generationen feststellen können, denn Evolution findet meist in so kleinen Schritten statt, dass vielfach ein Menschenleben dazu einfach nicht ausreicht, um sie wahrzunehmen. Eines steht dennoch fest: Evolution findet statt. Immer.