Zum Hauptinhalt springen

Menschen als Versuchstiere?

Von Georg Breuer

Wissen

Ein Placebo ist ein vom Arzt verabreichtes Scheinmedikament ohne Wirkstoffe. Ob und unter welchen Umständen es vertretbar ist, solche Mittel in der medizinischen Forschung zu verwenden, soll demnächst auf einem Kongress der WMA (World Medical Association) diskutiert werden.


Die Erfahrung hat gezeigt, dass schon allein die Erwartung, die ein Patient einem neuen Medikament entgegen bringt, oft beträchtliche Wirkung haben kann. So haben sich laut Michael Baum vom Londoner University College Placebos bei der Behandlung mancher Schmerzzustände als durchaus wirksame Therapie ohne Nebenwirkungen bewährt ("British Medical Journal", Bd. 321, Juli 2000).

Aufsehen erregende Ergebnisse hat der österreichische Sportarzt Ludwig Prokop bei Versuchen in den fünfziger Jahren erzielt. Er hat damals hundert Sportlern, 65 Männern und 35 Frauen, Tabletten gegeben und ihnen gesagt, dass er ein neues Dopingmittel erproben wolle. Tatsächlich enthielten die Tabletten keinen Wirkstoff. Trotzdem erzielten 72 der 100 Versuchspersonen nach Einnahme des vermeintlichen Dopingmittels messbare, zum Teil sogar erhebliche Leistungssteigerungen sowohl bei Kraft- als auch bei Dauerleistungen. Viele berichteten auch über Nebenwirkungen wie Herzklopfen oder Schwindel. Schon die in die Tabletten gesetzte Erwartung hatte also die Leistung verbessert.

Eine solche Erwartungshaltung besteht selbstverständlich auch dann, wenn ein Patient tatsächlich ein neues Medikament erhält. Will man überprüfen, was bloß Auswirkungen dieser Hoffnungen sind und was echte Wirkung des Medikaments, dann sind nach Ansicht vieler Fachleute sogenannte Doppelblindversuche unerlässlich. Dabei wissen weder der Patient noch der behandelnde Arzt, ob ein Placebo oder ein wirkliches Medikament verabreicht wurde, sondern nur der Statistiker, der die Versuchsergebnisse auswertet. Das bedeutet jedoch, dass Menschen zu Versuchskaninchen werden und dass ein Teil von ihnen überhaupt keine Behandlung erhält.

So sind laut "New Scientist" (2. September 2000, S.16) bei der Erprobung eines neuen Mittels gegen Bluthochdruck in China 800 Personen zweieinhalb Jahre lang nur Placebos und auch keines der herkömmlichen Medikamente verabreicht worden. Ob und wie viele dieser Placebo-Empänger in Folge der Nicht-Behandlung dauernde Schäden erlitten haben oder gar daran gestorben sind, ist dem Bericht nicht zu entnehmen.

Nach einer von der WMA im Jahr 1964 in Helsinki veröffentlichten Deklaration verstoßen solche Experimente gegen die medizinische Ethik. Jeder Patient, auch Angehörige von Kontrollgruppen, sollte die bestmögliche Diagnose und Therapie erhalten.

"Realisten" wie Michael Baum oder Robert Levine von der Yale University halten diese Deklaration für wirklichkeitsfremd. Sie fordern, dass bei der demnächst sattfindenden Tagung der WMA vernünftige Richtlinien für die Verwendung von Placebos bei nicht lebensbedrohenden Zuständen festgelegt werden.

Gibt es ein Recht auf die bestmögliche Behandlung?

Andere finden, dass Patienten auch in solchen Fällen ein Anrecht auf die bestmögliche Behandlung haben. So schreiben Karin Michels von der Harvard University und Keneth Rothman von der Universität Boston in der erwähnten Nummer des "British Medical Journal", dass alle Placeboversuche gegen die medizinische Ethiik verstoßen. Man müsse den Effekt eines neuen Medikaments mit dem der bisher angewandten Behandlung vergleichen oder, wenn möglich, ein neues Mittel beziehungsweise ein Placebo gemeinsam mit den herkömmlichen Medikamenten verabreichen.

Die Auseinandersetzung bleibt offen und wird wohl weitergehen, wie immer sich die WMA entscheidet. Daran, dass sich viele Menschen auch in wohlhabenden Ländern die bestmögliche Behandlung aus finanziellen Gründen nicht leisten können, wird sie jedenfalls kaum etwas ändern können.