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"Menschen erliegen einer Art Verfolgungswahn"

Von Ritt Goldstein

Europaarchiv
Daniel Burston. Foto: archiv

Sozialpsychologe Daniel Burston über den Aufstieg der extremen Rechten. | In Europa eilen rechtsextreme Parteien von Wahlerfolg zu Wahlerfolg: In Schweden, den Niederlanden, Dänemark und auch in Wien hat die Rechte massiv an Bedeutung gewonnen. Der US-Sozialpsychologe Daniel Burston hat das Phänomen im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" analysiert.


"Wiener Zeitung": In der westlichen Hemisphäre ist die Rechte so populär wie seit den 1930er Jahren nicht mehr. Was sind die Gründe dafür und was hat das für eine Bedeutung? Daniel Burston: Das Wiedererstarken der populistischen Rechten gefährdet die Zukunft der Demokratie erheblich. Diese Bewegungen florieren tendenziell in einer Atmosphäre politischer Polarisierung und sich vertiefender ökonomischer Ungleichheit. Je größer diese Ungleichheit, je verunsicherter, wütender, desillusionierter, entmündigter sich die Mittelklasse wähnt, desto mehr steigt die Bereitschaft, rechten Bewegungen beizutreten.

In den 1930er Jahren wurden Außenseiter wie Juden, Roma, Homosexuelle von Nationalsozialisten und Faschisten als willkommene Sündenböcke benutzt - mit den bekannten schrecklichen Auswirkungen. Wie kann eine eigentlich rational funktionierende Gesellschaft dahin kommen, dass diese Bilder jetzt wieder aufgerufen werden?

Wenn Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Schwierigkeiten zunehmen, dann erliegen die Menschen in verstärktem Maß einer Art Verfolgungswahn. Sie versuchen, diese Angst zu beschwichtigen, wollen der Wahrnehmung, Opfer zu sein, einen Sinn verleihen. Das Resultat ist, dass die Versuchung steigt, Angehörige verschiedener Minderheiten zu Sündenböcken zu stempeln und zu dämonisieren. Sehr oft ist es so, dass Probleme innerhalb unserer eigenen Gesellschaft der Auslöser für Wut und Vorwürfe sind. Diese Schwierigkeiten werden dann auf "Fremde" in unserer Gesellschaft, also etwa Immigranten, transferiert. In den Fokus geraten dann die Menschen, die nicht die Sprache, Rituale, religiösen Überzeugungen der dominanten Kultur teilen.

Muslime, Roma, Schwule - und mancherorts auch wieder Juden - sind heute mit Anfeindungen konfrontiert, von denen viele geglaubt haben, sie würden in eine dunkle Vergangenheit gehören. Wie ernst ist die Lage wirklich?

In Europa sind Moslems, Homosexuelle und Roma am häufigsten Opfer kollektiver Wut und von Verfolgungswahn. In den USA sind Muslime und Homosexuelle auch Sündenböcke. Aber Hispanics und Afroamerikaner stehen hier immer noch im Fokus von Vorurteilen - obwohl die meisten US-Amerikaner, die so denken, das nicht vor sich selber oder vor anderen eingestehen wollen. Der Umstand, dass wir die psychologische Basis für diese paranoiden Vorstellungen verstehen - oder glauben, sie zu verstehen -, macht diese auf lange Sicht nicht weniger gefährlich. Wenn wir den Ursprung oder den Grund einer weit verbreiteten falschen Vorstellung kennen, dann haben wir noch kein Werkzeug gegen die verbreitete Tendenz, Fakten zu verleugnen oder zu verfälschen, in der Hand.

Wie sehen Lösungsansätze dann aus?

Wenn wir nach kurzfristigen Ansätzen suchen, müssen wir das ökonomische Ungleichgewicht bekämpfen, das zu kollektiver Wut, Misstrauen, der Suche nach einem Sündenbock und Paranoia geführt hat.

Daniel Burston ist Professor an der Duquesne University in Pittsburgh/USA und dort Vorstand der Studenrichtung Psychologie. Er ist Autor des Werks "The Legacy of Erich Fromm" und hat sich intensiv mit der Sozialpsychologie der 1930er-Jahre beschäftigt.