Zum Hauptinhalt springen

Menschliche Raketenabwehr in Gaza

Von Carsten Hoffmann und Saud Abu Ramadan

Politik

Israel setzt Bodenoffensive im Gazastreifen fort. | Entführte Italiener wieder frei. | Gaza/Tel Aviv. Ein Anruf aus Israel versetzte den Palästinenser Jamal Siam in helle Aufregung. "Jemand, der sich als Offizier der israelischen Armee vorstellte, sagte mir in gebrochenem Arabisch, dass meiner Familie und mir zehn Minuten blieben, bevor Kampfflugzeuge das Haus bombardieren", schildert Siam, ein Mitglied des radikalen "Islamischen Jihad", den Moment des Telefonates. "Dann legte der Anrufer auf." Mehr als 60 Mal haben israelische Soldaten nach diesem Muster bereits Häuser im Gaza-Streifen zerstört. Die Anrufe sollen möglichst verhindern, dass es zivile Opfer bei den Militärschlägen gibt. Doch seit vergangener Woche nutzen die Palästinenser sie zu einer Gegenstrategie passiven Widerstandes. Mit menschlichen Schutzschilden bilden sie einen Ring um die Häuser und verhindern die Angriffe buchstäblich in letzter Minute.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 17 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

So war es auch bei dem Haus von Siam, das in Gaza im Stadtviertel Zeitoun steht. Statt zu fliehen, rief er in höchster Eile erst seine Familie, dann die Nachbarn zusammen. Schnell waren im und um das Haus Dutzende Menschen, dann Hunderte, berichten Augenzeugen. Einen weiteren Anruf habe er ignoriert, sagt Siam. "Wir gingen auf das Dach und riefen: Tod Israel, Tod Amerika! Wir feuerten in die Luft." Minuten später sei ein F-16-Kampfjet über ihre Köpfe hinweggeflogen.

In vier Fällen hätten menschliche Schutzschilde israelische Luftangriffe verhindert, sagen Palästinenser. Als Vater der Idee gilt im Gaza-Streifen der Zeitungskommentator Rommel al-Sweiti, der am vergangenen Donnerstag zu der Taktik aufgerufen hatte. Am Wochenende gab es bereits in Jabalia im Norden des Gaza-Streifens nervenaufreibende Momente. Am Himmel habe ein Kampfflugzeug Scheinangriffe geflogen, während ein Hamas-Anführer die Versammelten auf den "Schutz der Häuser der Mujaheddin" einschwor. "Wir haben keine Flugzeuge und Raketen, wie die Besatzungstruppen. Aber wir haben mächtige Waffe, den Glauben und die Willenskraft". Der palästinensische Ministerpräsident Ismail Haniyeh besuchte menschliche Schutzschilde im nahe gelegenen Beit Lahia. Er bezeichnete die neue Strategie als Zeichen nationaler Einheit der Palästinenser.

Die israelische Armee ist nun zunächst daran gehindert, weitere Häuser militanter Palästinenser aus der Luft zu zerstören. "Derzeit ist es für uns das Wichtigste, zivile Opfer zu verhindern", sagt eine Militärsprecherin in Tel Aviv.

Die Militäroffensive zur Verhinderung palästinensischer Raketenangriffe konzentriert sich deshalb auf Bodenangriffe. Am Mittwoch rückten die Streitkräfte mit Panzern in die Städte Beit Hanoun und Jebaliya vor, Scharfschützen bezogen auf Dächern Stellung. Auch das Haus einer Hamas-Abgeordneten wurde umstellt. Ein Palästinenser starb bei einem israelischen Granatenangriff. Indes sind die zwei am Vortag im Gaza-Streifen entführten italienischen Rotkreuz-Helfer wieder frei. Die palästinensischen Entführer übergaben sie unversehrt.