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Merkel und Seehofer

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
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Angela Merkel und Horst Seehofer mögen in einer Parteienunion einander verbunden sein, ansonsten haben sie recht wenig gemeinsam. Hier die Pastorentochter aus der ehemaligen DDR als Bundeskanzlerin, Physikerin und bekennender Kopfmensch, der all jene Momente, in denen Politik greifbar wird, sichtbar Unbehagen bereiten. Dort der bayerische Ministerpräsident und Obmann einer Partei, die einen Gutteil ihrer Legitimation aus dem Anspruch erhebt, so zu handeln, wie eine Mehrheit der Bayern fühlt.

Der Antagonismus zwischen Merkel und Seehofer ist keine deutsche Besonderheit, das gilt nicht einmal für die beiden Charaktere: Das Verhältnis der beiden taugt als Archetyp politischer Auseinandersetzungen für unsere Zeit.

Seehofer weiß (und mit ihm sämtliche Landeshauptleute und Bürgermeister dieser Welt): All politics is local. Und er ahnt, dass dies für die Flüchtlingskrise fast mehr noch als sonst schon gilt. Wer Wahlen gewinnen will, der muss das Lebensgefühl der Menschen vor Ort, ihre alltäglichen Bedürfnisse und ihre Sorgen ansprechen und aufnehmen. Angeblich stammt der Spruch aus dem Mund des liberalen US-Politikers Thomas Phillip "Tip" O’Neill. Und er gilt als argumentative Wunderwaffe im politischen Infight gegen all jene, die lieber hochfliegende abstrakte Konzepte zur Lösung aller möglichen Menschheitsprobleme wälzen.

All politics is global (oder in diesem Fall zumindest European), hält dem Merkel entgegen - und mit ihr die wenigen Führungsfiguren gesamteuropäischen Zuschnitts. Natürlich stimmt, dass, wer grenzüberschreitende, vielschichtige Probleme lösen will, dies nur mithilfe ebensolcher Ansätze schaffen kann. Wahrscheinlich lässt sich das an keinem anderen Beispiel transnationaler oder globaler Probleme so gut durchexerzieren wie beim Management der aktuellen Flüchtlingskrise.

Lokal und global: Es wäre an der Zeit zu erkennen, dass Merkel und Seehofer nur miteinander eine Chance auf Erfolg haben. Denn am Ende bleibt eine Gewissheit: All politics is personal. Erfolgreiche Politik ist unmöglich ohne persönlichen Bezug, ohne persönliche Glaubwürdigkeit. Und Erfolg sei hier in einem sehr viel umfassenderen Sinn verstanden, als lediglich die nächsten Wahlen zu gewinnen. Es gibt nämlich auch Wahlsieger, die rückblickend betrachtet wie ziemliche Verlierer dastehen.