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Messbare Wirtschaftserfolge widerlegen Austro-Skeptizismus

Von Anton Kausel

Wirtschaft

Vermeintliche Schwachstellen werden übertrieben. | Wirtschaft fundamental stark. | Achillesferse Arbeitsmarkt. | Wien. Schon seit Generationen hat die österreichische Mentalität nur wenig Vertrauen in die eigene Wirtschaftskraft. Die Wurzel dieses nationalen Komplexes liegt in der Übertreibung aller vermeintlichen Schwachstellen und einer systematischen Verdrängung aller viel wichtigeren und belegbaren fundamentalen Stärken.


"Harte" Indikatoren wie zum Beispiel Spitzenränge im weltweiten Einkommensvergleich sowie in der Industrie- und Exportdynamik, im Produktivitätsfortschritt und im Lohnstückkostenvergleich sind wesentlich aussagekräftiger als alle "weichen" Indikatoren, wie etwa Managerbefragungen, Steuer- und Sozialquoten, die Beamtendichte, oder willkürlich überhöht angesetzte "Armutsgrenzen".

Wieder auf gutem Wachstumspfad

Seit der letzten Konjunkturflaute (2001/2002) befindet sich Österreich wieder auf einem Wachstumspfad von guten 2 Prozent, der fast genau dem Mittelwert der letzten 25 Jahre entspricht. Damit liegt unser Land wieder auf traditionellem Überholkurs in Europa. Gäbe es nicht die von außen aufgezwungene Belastung durch die Schwäche unserer wichtigsten Wirtschaftspartner Deutschland, Italien und der Schweiz, wäre unsere "Wachstumsschwäche" nie zur Diskussion gestanden.

Im übrigen genügt für reiche Nationen bereits ein Wachstum von 2 Prozent, um alle Schwellenländer mit halbem Einkommensniveau, aber doppelt so starkem Wachstum (4 Prozent) auch permanent auf Distanz zu halten.

Als einzige Achillesferse im wirtschaftlichen Umfeld Österreichs gilt derzeit der Arbeitsmarkt. Eine seriöse Analyse führt allerdings auch hier zu höchst widersprüchlichen Ergebnissen. Einerseits steht einem mäßigen Zuwachs an Arbeitslosen ein viermal so starker Zuwachs an Beschäftigten gegenüber, wenn auch zum Teil durch Ausweitung der Teilzeitbeschäftigung.

Offenbar entspricht der massive Zustrom von Migranten und von früheren Hausfrauen auf den Arbeitsmarkt nicht mehr der entsprechenden Nachfrage. Dazu kommt, dass zwischen quantitativer und qualitativer Arbeitslosigkeit nicht unterschieden wird.

Die leichte Zunahme betrifft ausschließlich die harmloseren Formen der kurzfristigen Saison- und Friktions-Arbeitslosigkeit infolge des rasanten Strukturwandels, nicht aber die weit gefährlichere Langzeitarbeitslosigkeit, die tendentionell sogar abnimmt und nur noch 0,3 Prozent der Erwerbstätigen erfasst. Die durchschnittliche Dauer beträgt daher nur noch erstaunliche 15 Wochen.

Inflationsraten von weniger als 2 Prozent

Mit der sich abzeichnenden Beruhigung im Energiebereich scheint die drohende Inflationsgefahr wieder deutlich abzunehmen. Österreich liegt weiterhin unter dem Durchschnitt der EU und der OECD und kann, laut offizieller Prognose, ab sofort mit Inflationsraten von deutlich weniger als 2 Prozent rechnen. Damit gewinnt die Wirtschaftspolitik wieder mehr Spielraum für wachstums- und beschäftigungspolitische Initiativen.

Ausgeglichene Leistungsbilanz

Seit dem Staatsvertrag im Jahre 1955 kam es - dank einer zügigen Modernisierung unserer Industriestruktur - zu einer bis vor kurzem noch unvorstellbaren Aktivierung der Handelsbilanz mit dem Erfolg einer endgültigen Lösung des in der Vergangenheit oft recht labilen Leistungsbilanzproblems.

Die Effektivität der heimischen Standortqualität wird nicht zuletzt durch den direkten Vergleich mit den USA dokumentiert. Unserer ausgeglichenen gesunden Handels- und Leistungsbilanz steht ein gewaltiges Doppeldefizit der USA gegenüber, deren Importbedarf kaum noch zur Hälfte abgedeckt werden kann, weil die erste Supermacht der Welt weit über ihre Verhältnisse lebt und nur noch durch massive und riskante Kapitalzuflüsse aus Asien finanziert werden kann.

Im diametralen Gegensatz zur EU und den USA bewegen sich die Staatsfinanzen Österreichs nicht erst seit fünf, sondern schon seit zehn Jahren auf einem soliden Sanierungskurs. Immerhin konnte der Abgang in diesem Zeitraum von 5,2 Prozent des BIP (1995) trotz teurer Steuerreform bis 2005 auf ein bloßes Drittel bzw. 1,7 Prozent abgesenkt werden.

Wenn auch noch ehrgeizigere Ziele wie das Nulldefizit verfehlt wurden, ist der realisierte Erfolg durchaus akzeptabel. Der Budgetpolitik kommt die nachhaltige Erstarkung unserer Wirtschaft sehr gelegen. Trotz Steuerreform fließen die Erträge besser als erwartet, und die Steuermoral scheint sich langsam zu verbessern. Mit der Staatsschuldenquote von 63 Prozent ist die Unterbietung der erlaubten Höchstmarke von 60 Prozent nur noch eine Frage von wenigen Jahren.

Österreich als Erfolgsmodell

Fasst man die Ergebnisse aller klassischen Kriterien des "Magischen Fünfecks" zusammen und ergänzt sie durch das immaterielle Kriterium der Lebensqualität im weiteren Sinn (Lebenserwartung, Gesundheit, Altersvorsorge, Umweltqualität, soziale Sicherheit und Einkommensverteilung), dann könnte das seinerzeitige Urteil des Papstes von der "Insel der Seligen" durchaus wieder an Aktualität gewonnen haben.

Österreich sind im Laufe der Zeit nahezu alle einstigen Vorbilder kontinuierlich abhanden gekommen, und sie stufen uns ihrerseits als Erfolgsmodell ein. Sogar die oft gepriesenen Musterschüler Finnland und Schweden haben inzwischen viel von ihrer Strahlkraft verloren. Sie konnten Österreich weder im Pro-Kopf-Einkommen, noch in der Industrieproduktion, noch im Export den Rang ablaufen, und ihre Arbeitslosigkeit ist trotz weit höherer Steuerquoten wesentlich höher als bei uns.

Fazit: Unsere Position der wirtschaftlichen Stärke ist politisch nicht zurechenbar. Sie stützt sich primär auf höchste Produktivität dank bestens qualifizierter Arbeitskräfte mit hoher Arbeitsmoral und hervorragenden Managern und Unternehmern, einer soliden Geld- und Kreditwirtschaft, auf soziale Eintracht und eine gediegene öffentliche Verwaltung.

Prof. Dr. Anton Kausel leitete von 1956 bis 1973 die Abteilung Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und Öffentliche Finanzen im Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Anschließend war er im Österreichischen Statistischen Zentralamt (ÖSTAT) tätig. Von 1981 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1984 bekleidete er dort das Amt des Vizepräsidenten.