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Metastasen der Ndrangheta

Von Christian Ortner

Wissen

Warum Gianni Versace vielleicht gar nicht tot ist. | Die kalabresische Mafia ist auch in Österreich aktiv.


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Gianluigi Nuzzi (42) ist einer der bekanntesten Investigativ-Journalisten Italiens, so eine Art Alfred Worm des ziemlich tiefen Sumpfes zwischen Mailand und Palermo. Irgendwann im Winter 2009 rief ihn in der Redaktion der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Serra" ein ihm unbekannter Mann an, der sich mit den Worten "Ich bin ein Kronzeuge und arbeite mit der Justiz zusammen. Ich möchte ihnen eine Geschichte erzählen" vorstellte.

Zwei Jahre später legt Nuzzi nun - zusammen mit seinem Kollegen Claudio Antonelli - das Buch "Metastasen" vor, Untertitel: "Ein Kronzeuge der Ndrangheta enthüllt die Geheimnisse des größten Familienunternehmens der Welt". Dem Journalisten ist damit ein echter Coup gelungen. Denn der Kronzeuge entpuppte sich schon nach dem ersten konspirativen Treffen im Hinterzimmer einer Mailänder Bäckerei als Giuseppe di Bella, einer der höchstrangigen Capos der kalabresischen, Ndrangheta genannten, Mafia-artigen kriminellen Vereinigung.

Im Gegensatz zur eigentlichen - sizilianischen - Mafia und zu den Kollegen von der neapolitanischen Camorra, deren Aufbau und Arbeitsweise mittlerweile gut bekannt sind, konnte die kalabresische Organisation bis heute eine Reihe von Geheimnissen hüten.

Der Grund ist ebenso simpel wie effizient: Anders als die Mitbewerber rekrutiert sich die Ndrangheta fast ausschließlich aus blutsverwandten Kriminellen. Im Gegensatz zu Mafia und Camorra arbeiten daher von der Justiz festgenommene Angehörige praktisch nie mit den Behörden zusammen.

Erneuerbare Energie bietet neue Geldquellen

Auf 40 bis 50 Milliarden Euro Jahresumsatz werden die Geschäfte der Ndrangheta geschätzt, immerhin rund drei Prozent der italienischen Wirtschaftsleistung. Besonders erfolgreich ist sie seit vielen Jahren im europäischen Drogenhandel - und da primär im Koks-Geschäft. Aber sie widmet sich laut Nuzzi auch innovativen Unternehmungen: "Als neue und besonders einträgliche Geldquelle gilt derzeit der Markt für erneuerbare Energie. Hinweisen zufolge kassiert die Ndrangheta bereits beträchtlich beim Bau von Windkraftanlagen und Stromleitungen."

Von einer Öko-Mafia kann trotzdem noch nicht wirklich gesprochen werden: "Belegt ist, dass die Ndrangheta den politischen Zerfall Somalias nutzte, um dort giftige Abfälle zu vergraben. Ganze Schiffe voll giftiger Ladungen sollen zudem vor der kalabresischen Küste versenkt worden sein."

Detailliert beschreibt Nuzzi, wie sich die kriminellen Familien aus Kalabrien die Politik, die Bürokratie, die Justiz und die Polizei, Unternehmer, Gewerkschaften und Betriebsräte mit einer Mischung aus Bestechung und Erpressung gefügig machen, um sich neue Geschäftsfelder und Märkte zu sichern. Und sollte jemand auf die Idee kommen, nicht kooperieren zu wollen, so findet sich schon einmal eine scharfe Panzerfaust in einem Auto vor dem Büro oder Geschäft des Betreffenden, gleichsam als fürsorgliche Warnung.

Einer, der offenbar recht intensiv mit der Ndrangheta kooperierte, war der 1997 in Miami ermordete italienische Modeschöpfer Gianni Versace. Dieser, so legt die Beichte des Kronzeugen di Bella nahe, habe für die Organisation Geldwäsche in großem Stil betrieben; Versaces Familie bestreitet das naturgemäß bis heute. Jedenfalls führte die Beziehung des Modestars zur organisierten Kriminalität zu einem eher ungewöhnlichen Job, den Di Bella 1998 von seinem Boss erhielt: die Asche des Ermordeten vom Friedhof zu stehlen. (Was daran scheiterte, dass die Überreste Versaces in den Garten der festungsartigen Familienvilla übersiedelt wurden, ehe Di Bella sie klauen konnte). Warum? Die fantastische Erklärung eines Mafioso, den Di Bella zitiert: "Als man den Mord in Miami plante, hielt Versace sich in Wirklichkeit in Zürich auf. Jetzt müssen wir die Asche verschwinden lassen, weil man sonst womöglich die DNA kontrollieren kann." Was, so es stimmt, nur bedeuten kann, dass Versace in Wirklichkeit noch lebt - eine doch etwas weit hergeholte Theorie.
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Waffengeschäfte und Rauschgifthandel

Auch mit Österreich pflegt die kalabresische Mafia traditionelle Geschäftsbeziehungen. Insbesondere dürfte Österreich bei der Beschaffung von Schusswaffen eine bedeutende Rolle spielen. Darüber hinaus, so Nuzzi lakonisch, dürfte "ein nicht unerheblicher Teil des Rauschgiftes, das in Österreich konsumiert wird", von der Ndrangheta stammen.

Bleibt die Frage, warum der Kronzeuge all das erzählt, obwohl er weiß, dass er sich damit selbst auf die Todesliste seiner ehemaligen Freunde setzt. Seine Frau, gibt er dazu an, sei vor wenige Jahren an Krebs gestorben und habe ihn auf dem Sterbebett gebeten auszusteigen. Eine jedenfalls nicht wirklich milieutypische Motivlage, sollte es denn stimmen.

SachbuchMetastasen
Claudio Antonelli, Gianluigi Nuzzi
Ecowin Verlag, 279 Seiten, 21,90 Euro