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Mexikos Medien im Visier der Mafia

Von WZ-Korrespondent Klaus Ehringfeld

Politik

Kritische Reporter werden bedroht und sogar ermordet. | Mafia und Justiz oft eng verstrickt. | Mexiko-Stadt. Es ist zur besten Sendezeit um kurz vor 21 Uhr, als am 6. Jänner vor dem Studio des Fernsehsenders Televisa in Monterrey ein Pick-Up mit etwa sechs Schwerbewaffneten vorfährt. Der Nachrichtensprecher verliest gerade die Abendnachrichten, als eine Handgranate vor dem Gebäude explodiert. Anschließend durchlöchern die Pistoleros mit automatischen Waffen die Front des Gebäudes. Bevor sie wieder abziehen, hinterlassen sie noch eine schriftliche Botschaft: "Hört auf, dauernd nur über uns zu berichten".


Was einer Szene des Mafiaklassikers "Der Pate" entstammen könnte, ist anscheinend eine neue Stufe der Eskalation im Krieg der Mafia gegen die Medien in Mexiko. Bisher hat sich das organisierte Verbrechen einzelne Reporter herausgesucht, diese eingeschüchtert, entführt oder ermordet. Doch der Angriff auf das Televisa-Studio in der Industriemetropole im Norden Mexikos kommt einer Warnung an die ganze Branche gleich. "Wir leben in einem unerklärten Krieg, der mehr Opfer hervorbringt als mancher erklärte Krieg", sagt Carmen Aristegui, eine der bekanntesten Journalisten Mexikos, die auch für die spanische Ausgabe von CNN arbeitet.

In Mexiko starben im vergangenen Jahr mehr als 5500 Menschen im Kampf der Drogenkartelle untereinander oder gegen den Staat. Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen wurden vier Journalisten ermordet und ein halbes Dutzend entführt. Mexiko ist längst das gefährlichste Land für Journalisten in Lateinamerika und eines der gefährlichsten weltweit nach dem Irak. Laut der Interamerikanischen Pressegesellschaft (IPS) wurden in den letzten acht Jahren in Mexiko mindestens 24 Medienvertreter bei der Ausübung ihres Berufs getötet. Weitere acht Reporter werden noch immer vermisst.

Behörden schauen zu

Gleich vier Rauschgiftmafias streiten in Mexiko um die Vorherrschaft auf dem wichtigsten Umschlagsplatz für Kokainlieferungen in die USA. Längst sind dabei auch Journalisten ins Fadenkreuz der Rauschgiftkartelle geraten, die nicht wollen, dass ihnen bei den Revierkämpfen über die Schulter geschaut oder über die Korrumpierung des Staates berichtet wird. "Wir leiden, wie wir noch nie gelitten haben", sagt daher Gonzalo Leaño, Chef der Zeitung "Ocho Columnas" aus Guadalajara, der zweitgrößten Stadt Mexikos. "Die Drogenmafias terrorisieren uns, damit wir nichts über ihre Taten und die Ausbreitung des organisierten Verbrechens schreiben", sagte Leaño auf der IPS-Jahrestagung vergangenes Jahr. 2008 hätten sich Drohungen und Einschüchterungsversuche gegen bestimmte Medien und einzelne Reporter deutlich erhöht, ohne dass die Behörden dem nachgegangen wären, kritisiert Juan Fernando Healy, Direktor der Zeitungsgruppe Healy, der im Norden Mexikos mehrere Regionalblätter gehören.

Dass kaum ein Mord an Journalisten in Mexiko aufgeklärt wird, hängt mit der Verstrickung von Polizei und Justiz mit dem organisierten Verbrechen in vielen Regionen zusammen. So fehlt bis heute jede Spur des Reporters Alfredo Jiménez Mota von der Tageszeitung "El Imparcial" im Bundesstaat Sonora. Er ist seit fast dreieinhalb Jahren verschwunden.