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Michael Niavarani

Von Mathias Ziegler und Gerald Schmickl

Reflexionen

Der Kabarettist Michael Niavarani über Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Österreichern und Persern


Wiener Zeitung: Herr Niavarani, Sie haben heute keinen Riss in der Hose - so wie bei der Premiere von "Zwei Musterknaben" und offenbar auch bei Ihrem Auftritt kürzlich in "Treffpunkt Kultur" im ORF. . . Michael Niavarani: So? Ich werde mir selbstverständlich die Aufzeichnung vom ORF schicken lassen. Und sollte wirklich ein Riss in der Hose gewesen sein, wird es diesmal Konsequenzen haben. . .

Dann treten Sie nächstes Mal mit Rock statt Hose auf?

Ja, und mit Strapsen.

"Salami Aleikum" ist ein sehr bunter Film geworden. Inwieweit trägt er Ihre Handschrift?

Er trägt meine Handschrift in jenen Szenen, in denen ich mitgespielt habe, weil Regisseur Ali Samadi Ahadi und ich die Szenen, in denen der Vater Taheri vorkommt, gemeinsam erarbeitet haben, natürlich auf der Basis dessen, was im Drehbuch steht.

Wie zufrieden waren Sie mit dem Endergebnis?

Sehr. Das ist das erste Mal, dass ich einen Film, in dem ich mitgespielt habe, beim ersten Ansehen nicht entsetzlich gefunden habe, sondern positiv überrascht war.

Die Filmhandlung passt gut zum Jubiläum des Wendejahres 1989. War dieses Timing geplant?

Der Film wurde 2008 gedreht, und es dauert bekanntlich eine Zeit, bis ein Film in die Kinos kommt. In Deutschland lief er bereits im letzten Juli an - übrigens sehr erfolgreich. In Österreich wollten wir später starten, weil zuerst mein Kabarettprogramm "Zwei Musterknaben" - gemeinsam mit Viktor Gernot - angelaufen ist, danach mein Buch "Vater Morgana" herauskam, und erst jetzt, Anfang Jänner 2010, kommt der Film. Wir wollten es in einem Dreierschritt machen.

Diese Bündelung Ihrer kreativen Kräfte, also quasi Niavarani auf allen Kanälen, ist ja sehr auffallend. War das so geplant?

Eigentlich nicht, es hat sich mehr so ergeben. Es gab auch die Idee, mit dem Film in Deutschland und Österreich gleichzeitig zu starten, oder in Österreich zuerst herauszukommen. In der Zwischenzeit habe ich mein Buch fertiggeschrieben, was länger gedauert hat als gedacht. Und nun schaut es so aus wie ein Masterplan. Allerdings, wenn zu viel kulminiert, ist das ja auch nicht gut. Ich hab´ jetzt schon Angst, dass viele Leute sagen: "Den bladen Perser brauch i jetzt aber nimmermehr sehn."

Wann ist die Idee zum Buch "Vater Morgana" entstanden?

Der Amalthea-Verlag hat mich vor knapp zwei Jahren gefragt, ob er meine Kabarett-Texte abdrucken kann. Da habe ich gesagt, nein, bitte nicht, das sind nur Skizzen, damit ich mir merke, was ich am Abend sagen muss, die kann man nicht drucken. Aber vielleicht kann ich etwas schreiben. Und dann habe ich zu schreiben begonnen. Schon nach den ersten 14 Seiten waren die Leute vom Verlag begeistert. Daher habe ich die Geschichte weiter und schließlich fertig geschrieben.

In diesem Buch und auch im Film spielen Sie auf Ihre persische Herkunft an. Worin besteht denn der Hauptunterschied zwischen der österreichischen und der persischen Kultur?

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In erster Linie in der Religion - wobei der Katholizismus dem schiitischen Islam durchaus ähnlich ist. Es gibt im schiitischen Islam einen wahnsinnigen Drang zum Märtyrertum, also dass man immer sagt, man sei selber an allem schuld und die Strafe Gottes werde auf einen kommen und man nehme die Schuld auf sich - das ist eigentlich total katholisch. Diese erschreckende Ähnlichkeit hat mich schon immer fasziniert. Ansonsten sind es die Gemütlichkeit und die Langsamkeit, welche Perser und Österreicher verbinden. Beide denken sich: das wird schon werden. Da ist etwa der Araber dem Deutschen näher, der sagt: Zack zack, das muss jetzt erledigt werden, so machen wir das! Wie in Dubai zum Beispiel: Wir bauen eine Insel hin, da wird Sand aufgeschüttet, das kostet hunderttausende Milliarden Dollar, egal, es kommt keiner, gut, wir sind pleite, passt, fertig.

Wenn das Perser hätten machen wollen, hätten sie sich bis jetzt nicht einmal darauf geeinigt, wo sie die Insel hinbauen. Sondern sie hätten sich hingesetzt und gesagt: Jetzt ess ma einmal in Ruhe. Wo krieg ma den Sand her? I waß net, i hab an Cousin, der weiß, wo ma Sand kriegt . . . Dieser typisch persische Schlendrian ist auch sehr österreichisch.

Sie sind ja als "halber Perser" in Wien aufgewachsen. Haben Sie hier je Ausländerfeindlichkeit gespürt?

Ich muss ehrlich sagen, ich habe das noch nie erlebt. Gott sei Dank.

Haben Sie Verbindungen zur persischen Community in Wien?

Es gibt keine persische Community. Es gibt zwar sehr viele Perser in Österreich, aber sie sind nicht fähig, eine Community zu bilden. Ali Samadi hat gemeint, das hängt damit zusammen, dass die Perser viel entwurzelter sind als etwa die Chinesen, weil sie nach der islamischen Revolution das Land verlassen haben und eigentlich noch immer darauf warten, dass sich etwas ändert und sie eines Tages zurückkehren können. Sie können aber, wenn sie politisch freidenkend und liberal sind, was 99,9 Prozent der Iraner im Ausland sind, nicht mehr zurück. Vielleicht wollen sie sich deshalb nicht zusammenschließen, weil sie langfristig gar nicht dableiben wollen. Ich habe mich oft gefragt, warum es hier so viele türkische Kulturvereine gibt - und so wenige persische.

Tut sich ein Perser in Österreich leichter als ein Türke?

Ich glaube, das ist eine soziale Frage. Sehr viele Perser sind nach Europa gekommen, um hier zu studieren, und nicht - wie etwa die Türken oder Ex-Jugoslawen - um hier zu arbeiten. Die Perser haben außerdem die Eigenart, sich in jedem Land, in dem sie leben, von sich aus anzupassen. Die Perser haben diese Mentalität: Ich lebe in England, also ist es selbstverständlich, dass ich Englisch spreche und Engländer bin. Die meisten Perser im Ausland kommen aus höheren sozialen Schichten und haben die Einstellung: Architekt ist super, Arzt ist super, Taxifahrer ist schon weniger super, und Bauhackler ist auf keinen Fall super. Auch durch diesen Standesdünkel haben es die Perser hier wohl einfacher. Und wenn man so angenommen wird wie die Perser, ist es auch leichter, sich zu integrieren. Integration muss immer von beiden Seiten stattfinden. Nicht nur die hier lebenden Ausländer, sondern auch die Österreicher müssen etwas dazu beitragen.

Aber Sie haben ja sicher Verbindungen zu einzelnen Persern in Wien: Welchen Stellenwert haben Sie bei denen?

Jeder Perser, der mich auf der Straße trifft, sagt sofort: Wir sind so stolz auf Sie! Sie sind unser großer Held! Sie sind derjenige, der die Österreicher vergessen lässt, dass im Iran Demonstranten verprügelt werden und dass es den Atomstreit gibt. Sie sind stolz, dass ich ein positives Bild abgebe - und dass sie über einen Perser lachen können.

Also eine schöne Rolle.

Ja, mit dem tollen Luxus, dass ich zur Hälfte Österreicher bin - und die Österreicher ja auch stolz auf mich sind. Auch wenn sie sagen: Herr Niavarani, jetzt haben Sie gestern schon wieder "Oasch" gesagt, ich hab´s genau gehört! Erst kürzlich hat eine ältere Dame zu mir gesagt: Herr Niavarani, alles, was Sie machen, gefällt mir sehr gut, aber müssen Sie immer so ordinäre Sachen sagen?

Was bekommen Sie von der aktuellen Situation im Iran mit?

Auch nicht mehr als andere Menschen in Österreich, hauptsächlich übers Fernsehen, via Internet und durch Ali Samadi, der mit einigen Menschen im Iran in Kontakt ist.

Haben Sie persönlich Verbindungen in den Iran?

Nein, derzeit nicht. Entfernte Verwandte leben noch dort, aber meine Familie lebt in Österreich, Amerika und Schweden.

Zurück zum Kabarett: Das Simpl ist regelmäßig ausverkauft, vor allem, wenn Sie dort spielen. Ist das eine Ausnahme, oder geht es dem heimischen Kabarett besser, als man gemeinhin glaubt?

Es gibt eine blühende Kabarettszene in ganz Österreich. Dass das Simpl voll ist, liegt einfach daran, dass es das Simpl ist. Es ist eine Institution: Einmal im Leben geht man zu den Lipizzanern - und einmal im Jahr ins Simpl.

Oder auch öfter . . .

Das geht sich schon aus. Es kommen ja nicht nur Wiener, sondern auch viele Menschen aus den Bundesländern, etwa sehr viele Oberösterreicher, ganze Reisebusse voll. Ich glaube, wir sind das größte Kabarett Oberösterreichs.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Wir haben den Leuten das Versprechen gegeben: Egal, was wir hier spielen, ihr werdet zwei Stunden lachen können.

Kabarett bedeutet in der Regel auch Kritik an Politik und Gesellschaft. Ist das bei Ihnen auch so?

Bei mir steht immer das Lachen im Vordergrund, aber gleich danach kommt hoffentlich eine gesellschaftliche oder politische Botschaft. In erster Linie mache ich Kabarett, weil es mir Spaß macht und weil Menschen, nachdem sie tagsüber viel gearbeitet oder sich Sorgen gemacht haben, ob sie die Schweinegrippe bekommen, es sich verdient haben, am Abend zwei Stunden lachen zu können.

Sie sind seit 1993 als Kabarettist im Geschäft. Hat sich das Kabarett seither verändert?

Natürlich. Mit der schwarzblauen Regierung hat es wieder mehr Spaß gemacht, sich über Politik in Österreich lustig zu machen, das war davor nicht so. Umgekehrt kommt es jetzt wieder zu einer "Erleichterungsphase", weil man nicht zum achthunderttausendsten Mal etwas über den Haider oder den Strache machen muss. . . Jetzt ist es halt die "Schotter-Mitzi" Fekter . . .

Über die muss man natürlich was machen, das kann man sich nicht verkneifen. Eine Veränderung ist auch, dass viele Solokabarettisten von früher, wie etwa Roland Düringer, Alfred Dorfer, Josef Hader oder Andreas Vitásek, von der Bühne zum Fernsehen oder Film gewechselt haben.

Es scheint, dass alle Kabarettisten in Österreich links und/oder grün sind. Täuscht das?

Das ist ganz natürlich so, denn es gibt kein rechtes Kabarett. Die Tatsache, dass man Kabarett macht, sich auf die Bühne stellt und gegen die Obrigkeit etwas sagt, impliziert schon, dass man liberal, offen und kritisch ist. Also grün muss man nicht unbedingt sein, auch welche Partei man wählt, ist völlig wurscht, es geht um die Position, die man auf der Bühne einnimmt. Rechtes Kabarett wäre purer Rassismus oder Faschismus.

Einige einstige Haider-Aussagen wurden aber als kabarettistisch eingestuft.

Wenn Jörg Haider einmal gesagt hat, dass jemand, der Ariel heißt, viel Dreck am Stecken hat, war das zwar eine beleidigende Aussage, folgte aber dem System des Kabaretts. Jörg Haider - oder sein Textschreiber - hat gewusst, wie Pointen funktionieren. Der Witz mit Ariel und dem Dreck am Stecken ist an sich einwandfrei lustig. Wenn Haider es aber über den Chef der Wiener Kultusgemeinde sagt, dann ist es rassistisch. Würde das ein "linker" Kabarettist auf der Bühne sagen, würde das vielleicht gerade noch gehen.

Aber man würde es nicht machen. Warum sollte man? Warum sollte man Ariel Muzicant angreifen? Würde er sagen, alle Araber in Österreich gehören erschossen, dann ja. Das sagt er aber nicht, sondern er sagt, die sollen friedlich hier miteinander leben. Kabarett kann also niemals rassistisch und antisemitisch sein. Was nicht heißt, dass man nichts Kritisches über Juden oder über Ausländer sagen darf, über Israel oder Jugoslawien, Gastarbeiter, Asylwerber . . . Aber es muss aus einer freien, liberalen Ideologie heraus kommen - vielleicht nicht unbedingt einer linken, denn so frei und liberal sind die Linken ja gar nicht.

Gibt es Themen, über die Sie keine Witze machen?

Nein. Sogar über den Tod meines Vaters mache ich Witze, wie man in meinem Buch lesen kann.

Wie geht man mit dem enormen Erfolg um, den Sie gerade haben?

Man nimmt es einerseits mit Verwunderung zur Kenntnis, andererseits freut man sich darüber. Gleichzeitig denkt man sich manchmal auch: Ich möchte nicht so viel arbeiten. Aber, wie gesagt, so viel ist es gar nicht, das scheint nur so, weil oft viel auf einmal zusammen kommt.

Ihr Buch hat gleich nach Erscheinen die Bestsellerlisten gestürmt . . .

Dass Dan Brown nun hinter mir liegt, gibt mir eine gewisse Befriedigung, macht mir aber auch ein bisschen Angst. Ich hab das ja eigentlich nur aus Spaß geschrieben. Aber es ist ja keine Literatur im eigentlichen Sinn - gut, das ist Dan Brown auch nicht, seien wir ehrlich. John Irving - der ist wirklich ein Schriftsteller. Wenn der jetzt ein neues Buch herausbringt, ziehe ich meines zurück.

Die neue Ö1-Kabarettsendung "Welt Ahoi" ist sehr umstritten. Was sagen Sie dazu?

Ich habe sie noch nicht gehört. Was nicht an "Welt Ahoi" liegt, sondern daran, dass ich mit ungefähr acht Jahren das letzte Mal Radio gehört habe. Wenn man will, dass ich etwas nicht erfahre, sollte man es also im Radio sagen. Jetzt vergraule ich wieder die Radiohörer und -macher. Also, das Radio ist natürlich eine wunderbare Erfindung, aber ich höre es halt nie, so wie ich mittlerweile auch fast nicht mehr fernsehe. Deshalb habe ich "Welt Ahoi" noch nicht gehört. Und weil es am Sonntagvormittag gesendet wird. Also, wer um diese Zeit Kabarett macht, ist selber schuld. Um diese Zeit geht man entweder in die Kirche - oder man schläft. Aber man macht sicher kein Kabarett.

Im ORF wird neuerdings auch der ORF selbst immer öfter "verarscht". Kann man als Kabarettist dort tatsächlich so selbstbestimmt auftreten, wie es scheint?

Ja. Natürlich darf man in einer ORF-Sendung nichts sagen, was dem ORF-Gesetz widerspricht. Und manchmal gibt es Dinge, die hart an der Grenze sind. Aber im Prinzip kann man als Kabarettist im ORF, wie man etwa an "Willkommen Österreich" von Stermann und Grissemann sieht, unzensuriert arbeiten. Ich finde das großartig. Und ich hoffe, dass das auch so bleibt.

Michael Niavarani, 1968 als Sohn einer Österreicherin und eines Persers geboren, lebt und arbeitet als Kabarettist, Autor und Schauspieler in Wien. 1989 trat er erstmals im Wiener Kabarett Simpl auf, dessen künstlerische Leitung er 1993 übernahm. Aktuell spielt er sein Soloprogramm "Alles, was ich schon immer machen wollte - und das an einem Abend!" in ganz Österreich, zusätzlich steht er gemeinsam mit Viktor Gernot als "Zwei Musterknaben" auf der Simpl-Bühne.

Sein erstes Buch, "Vater Morgana", eine persische Familiengeschichte, ist 2009 im Amalthea-Verlag erschienen und hat sogleich die Bestsellerlisten erobert. Seit 1. Jänner 2010 ist Niavarani in der Filmkomödie "Salami Aleikum" (Regie: Ali Samadi Ahadi) in den österreichischen Kinos zu sehen. Er spielt darin den persischen Vater Taheri, der als Metzger mit Frau und Sohn in Köln lebt. Der Sohn, ein schmächtiges Bürschchen, das gerne strickt, verliebt sich in eine große, blonde Frau aus der ostdeutschen Provinz. Der Film ist eine mit viel Wortwitz ausgestattete Culture-Clash-Komödie mit Animationen und musikalischen Intermezzi im Stile indischer Bollywood-Produktionen.

Seit September 2004 ist Michael Niavarani Stammgast beim ORF-Comedy-Quiz "Was gibt es Neues?". 2006 gewann er die "Goldene Romy" als beliebtester männlicher Serienstar, 2007 und 2008 als beliebtester Kabarettist.