Zum Hauptinhalt springen

Michael Schade

Von Michaela Schlögl

Reflexionen

Der Tenor Michael Schade über neue Projekte in Wien, die Herausforderungen eines großen Repertoires - und über die Förderung junger Talente, u.a. bei einem Gesangswettbewerb auf hoher See.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 13 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

"Wiener Zeitung": Herr Schade, die Wiener Staatsoper hat seit September eine neue Direktion. Wann werden Sie wieder im Haus am Ring auftreten? Michael Schade (lacht): Was ich an dieser Frage mag, ist, dass die Welt der Oper nach wie vor die der Konzerte überschattet. Man ist als Sänger in einer Stadt wie Wien vor allem dann präsent, wenn man auf der Opernbühne steht! Dabei habe ich vor kurzem mit dem Concentus Musicus Wien unter Nikolaus Harnoncourt Bachs h-Moll-Messe gesungen. Und nächste Woche komme ich ins Wiener Konzerthaus mit Tippets "A Child of our Time".

Ein interessantes Oratorium: Von 1939 bis 1941 entstanden, erzählt es die hochpolitische Geschichte der Ermordung des deutschen Botschaftssekretärs Ernst von Rath in Paris durch einen jungen Juden - was der Anlass für Gräueltaten der Nationalsozialisten in Frankreich wurde. Ja, natürlich werden wir auch auf den Konzertpodien mit Dramatik konfrontiert! Trotzdem bitte zurück zur Eingangsfrage: Wie steht´s mit der Oper?

Ich hatte ein Angebot für die Einstandspremiere der neuen Direktion in Wien, für Hindemiths "Cardillac", und es hat mich sehr gefreut, dass Dominique Meyer und Franz Welser-Möst mich gefragt haben. Genau für diese Zeit war aber in München ein "Idomeneo" geplant, das wäre mein Debüt an der Bayerischen Staatsoper gewesen. Letztlich wurde es in München dann doch wieder der Tamino in der "Zauberflöte", doch dann war es für "Cardillac" schon zu spät. Soviel dazu. Ich war ja immer in der glücklichen Lage, viel in Wien singen zu dürfen, sodass sich Engagements in München nie ergeben hatten. Und außerdem dachte ich: Es ist an der Zeit, dass sich meine Prinzentage in Königstage verwandeln. Ich möchte statt als Prinz Tamino allmählich lieber mehr als Titus und Idomeneo auftreten. Vielleicht entwickelt es sich sogar parallel, dann mache ich es wie Peter Schreier und singe mit Siebzig meinen letzten Tamino in Toronto!

Danke. Jetzt sind wir also doch bei der Oper gelandet. Was dürfen wir in der laufenden Saison von Ihnen an der Wiener Staatsoper erwarten?

Zu Silvester singe ich in der "Fledermaus" den Alfred, und im März 2011 stehe ich als Matteo in Strauss´ "Arabella" auf der Bühne. Ich mag Richard Strauss ja so gerne - und ich mag Wien! Dominique Meyer hat mir auch eine der kommenden Mozart-Premieren angeboten. Ich bin sehr dankbar dafür, denn ich möchte mehr und mehr in Wien sesshaft werden. Ich hoffe, dass meine jüngste Tochter, Eva, hier eine Zeitlang in die Schule gehen wird. Ich werde regelmäßig in Wien präsent sein, im Frühling werde ich an der Festwocheneröffnung unter dem neuen Chefdirigenten des RSO, Cornelius Meister, mitwirken - dann bin ich auch wieder im Fernsehen zu sehen. Und wenn der ORF vielleicht sogar noch ein Interview mit mir macht, bin ich wieder "weltberühmt" in Wien (lacht).

Über mangelnde Berühmtheit können Sie sich ja nicht beklagen. Sie sind einer der wenigen Sänger, die weltweit auf Opernbühnen wie auf dem Konzertpodium - in Oratorien oder mit Liederprogrammen - auftreten. Und zwar in bekanntem, doch auch weniger bekanntem Repertoire.

Stimmt. Ich habe eigentlich immer schon ein ausgefallenes Repertoire gesungen. Manchmal frage ich mich, warum das so ist. Ich glaube, ich brauche die Herausforderung, immer etwas Neues zu lernen.

Entspringt Ihre Arbeit mit dem Sängernachwuchs auch dieser Sehnsucht nach etwas Neuem?

Möglich. Für mich persönlich war die Begegnung mit Ioan Holender prägend. Er übte und übt immer noch - er ist ja nach wie vor ein Wegebereiter - einen wichtigen Einfluss auf mich aus, denn er war einer der wenigen, die stets total ehrlich zu mir waren. Ich wusste immer genau: Solange es mir gut geht, wird es mir mit ihm auch gut gehen. Und man musste schon sehr gut sein, dass man bei ihm auch dann weitermachen konnte, wenn´s einem einmal nicht so gut ging. . . Mein Verhältnis zu Holender war stets von großem Respekt geprägt, ich hielt mich an die Lebensregel: Gehe nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst.

Und wenn er Sie gerufen hat?

Wenn die Zeit gekommen war, habe ich immer alles über offizielle Wege eingefädelt, nicht privat über fünf Ecken. Ich habe beispielsweise durch meine Agentur verkünden lassen, welche neue Rolle ich singen wollte. Ioan Holender war so offen, dass er dann gesagt hat: "Schade, ich höre, Sie wollen jetzt den Leukippos in Daphne machen, da haben Sie nicht Unrecht".

Wenn man jung ist, braucht man jemanden, der offen mit einem redet. Junge Sänger haben heute viele, oft zu viele Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln. Was aber manchmal fehlt, ist die knallharte Erfahrung. Immer wieder begegnet man jungen Sängern, die zwar eine gute Stimme haben und bestens ausgebildet sind - aber es fehlt ihnen der letzte Schliff. Manchmal bekommt man den "nur" im Kontakt mit Profis, die einem dann sagen: Es ist eines, talentiert zu sein, doch etwas anderes, Abend für Abend auf der Bühne zu stehen und zu bestehen. Deshalb bin ich der Überzeugung, dass die Oper ein Studio braucht.

Michael Schade. Foto: Schlögl

Sie sind um den singenden Nachwuchs ja doppelt bemüht: Einerseits in ihrem "Young Singers Project", andererseits im Rahmen einer echten Kuriosität: dem einzigen Opernwettbewerb auf einem Hochseeschiff.

Die beiden Initiativen haben nichts mit einander zu tun, außer der Tatsache, dass sie für junge Profis geschaffen wurden, die an der Kippe stehen zwischen einer Karriere und einer wirklich guten Karriere. Eine wichtige Charaktereigenschaft für jeden jungen Künstler ist Mut. Es braucht Mut, um aufzutreten. Viele muss man ermutigen, einige stehen an der Grenze zum gefährlichen Übermut, die muss man einbremsen und ihnen sagen: Nein, du bist nicht die Callas. Ich sehe meine Aufgabe darin, die jungen Kollegen entweder zu zügeln - oder anzutreiben.

Was kann man den Jungen außerdem noch mit auf den Weg geben?

Ich werfe immer gerne einen Blick auf ihre Auswahl der Arien fürs Vorsingen. Aus diesen Listen ersehe ich: Aha, fünf bis sechs Arien stehen auf dem Zettel, denn man will ja den Direktor oder die Jury davon überzeugen, wie groß die Spannweite des eigenen Repertoires schon ist, und viele meinen, ein lyrischer Tenor muss sich beweisen - von Tamino bis Rodolfo. Aber wenn sich der Intendant dann erst den Rodolfo aus Puccinis "Boheme" vorsingen lässt, wird dieser Sänger nie mehr um die Ferrando-Arie aus "Così fan tutte" gebeten werden. Es gehört viel Geschick und Intelligenz dazu, exakt mit dem Material zu arbeiten, das einem stimmlich zur Verfügung steht. Heute weiß ich: Es gibt kein Abonnement, für keine Rolle. Die Wunschrollen kriegt man, wenn man hart arbeitet und mit vollem Engagement dahinter steht.

Was sind für Sie heute die Herausforderungen?

Was glauben Sie, was einem alles angeboten wird? Die verrücktesten Sachen. Ich habe schon Irrsinns-Kombinationen gesungen, "Thais", "Rusalka", den "Tod in Venedig", und das alles hintereinander in einem Jahr. Dabei bin ich fast wahnsinnig geworden. In jedem zweiten Interview fragt man mich: Wann kommt der Stolzing? Aber ich kann nicht ständig nachzählen, wie viele Tage es noch bis dahin sein werden. Wenn einer sagt, ich bleibe vorderhand in meinem Repertoire, wird einem ja schon fast eine Professur angeboten.

Vom Coachen der Jungen bis zum Unterrichten ist es ja vielleicht kein so weiter Weg?

Ich will für die Zukunft nichts ausschließen, keine Professur, keine Intendanz, nur - bis dahin ist noch lange Zeit. Einstweilen ist mein Bedürfnis nach Weitergabe der eigenen Erfahrung gedeckt. Ioan Holender hat ja prinzipiell Recht, wenn er sagt: Mit dem Nachwuchs ist es wie mit Babies, die schwimmen lernen sollen: Schmeißt sie hinein, nach dem Motto swim or sink . Aber inzwischen weiß ich, es gibt Talente, die muss man schon ein paar Mal ins Wasser schmeißen, bevor man weiß, ob sie´s lernen. Es wäre schade, sie gnadenlos ertrinken zu lassen.

"Stella Maris" ist der weltweit einzige klassische Gesangswettbewerb auf einem Hochseeschiff. Meinen Sie es so wörtlich mit dem Schwimmen oder untergehen?

Für mich ist so ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff wie die MS Europa ein Zentrum der Leidenschaften. An Bord ist vieles möglich. Eines Tages, es war gerade nicht ganz klar, wie es mit dem "Young Singers Project" weitergehen sollte, traf ich nach einer Opernvorstellung von Massenets "Thais" an der Met in New York den Manager der Reederei Hapag Lyod, Sebastian Ahrens. Er war an meiner Art der Nachwuchsförderung sehr interessiert und bot mir ad hoc die Position des künstlerischen Direktors von "Stella Maris" an, von eben diesem Opernwettbewerb auf hoher See. Diese Idee fiel bei mir auf fruchtbaren Boden, hier trafen sich zwei Gleichgesinnte, ein Manager mit künstlerischen Ambitionen und ein nicht so ganz dummer Tenor mit Geschäftssinn. Mein Job bestand zunächst darin, die besten und klügsten Köpfe aus der klassischen Musikwelt für eine Jury zusammen zu trommeln, um den hohen Ansprüchen einer "International Vocal Competition", wie sie zu Lande abgehalten wird, auch auf den Weltmeeren zu entsprechen.

Inwieweit sind die Passagiere involviert?

Sie bilden in den Endrunden das Publikum und vergeben einen Publikumspreis. Eine meiner Aufgaben besteht darin, dem nur teilweise opern-affinen Publikum zu erklären, wie und warum die Jury Sänger so oder so bewertet, was die Kriterien dafür sind, dass jemand in die nächste Runde aufsteigt. Daraus entsteht ein hochinteressanter Dialog, denn letztlich vergibt ja das Publikum den finanziell höchst dotierten Preis! Bisher waren Publikum und Jury immer einer Meinung. Nebenbei bemerkt, kann man auf diese Weise Leute mit dem Opernvirus infizieren. Mein Motto lautet: Ermutige jeden, der Geld für Kunst auszugeben bereit ist. Die Kunst dankt es immer.

Was ist der Vorteil eines Wettbewerbes auf See?

Man hat mehr Zeit für einander. Der Lehrer in mir sagt: Wo sonst habe ich denn Gelegenheit, einen Sänger über eine Woche lang zu beobachten? Auf einem Schiff entkommt man einander nicht. Man sieht nicht nur, wie jemand auftritt, sondern auch, wie er sich in eine Gruppe einfügt, man erhält also ein Gesamtbild. Bei einem "normalen" Vorsingen an Land kriegt man einen Momentbefund, wenn man großes Glück hat, agiert der Kandidat auf der Bühne dann so wie beim Vorsingen. Man kann bei einem engen Kontakt auch zwischenmenschlich reagieren, hie und da vielleicht einen Sänger trösten oder unterstützen, wenn nicht alles nach dessen Vorstellungen abläuft. Meine Intention ist immer die, jungen Talenten weiterzuhelfen und Türen zu öffnen. Ich vergesse nie, dass das andere auch für mich getan haben.

Was ist inzwischen aus den Finalisten vom Vorjahr geworden?

Es ist schön, wenn man so tolle junge Sänger hat, wie das bei diesem Wettbewerb der Fall ist, denn die sind generell schon auf dem richtigen Weg. Unser koreanischer Gewinner vom letzten Jahr hat mittlerweile einen festen Posten an der Hamburger Staatsoper und ist dort unter der künstlerischen Leitung Simone Youngs bestens aufgehoben. Als Bass entwickelt er sich wie ein toller Bordeaux - es ist alles da, jetzt braucht er nur noch lange ruhig, aber im richtigen Licht zu "lagern", auf dass wir ihn mit seiner wunderbaren Stimme in sechs bis zehn Jahren auf allen großen Bühnen der Welt erleben werden.

Wir arbeiten auch mit Plattenfirmen zusammen, unser Deutsche-Grammophon-Gewinner hat sich ebenfalls sehr gut mit seiner Testaufnahme geschlagen und wird noch viel von sich hören lassen. Wissen Sie, ich selbst bin ein überaus glücklicher Sänger. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Beruf ausüben darf. Und je länger ich es tue - rückblickend betrachtet ist es unglaublich, mit wem allen ich schon gesungen habe! -, desto erfüllender wird es. Dieses Glück möchte ich jungen Kollegen näher bringen.

Worin besteht denn dieses Glück?

Ich überlege mir immer genauer, was ich machen möchte, denn der entscheidende Faktor ist doch die Zeit. Etwas sehr Schönes an meinem Beruf sind die Kontakte künstlerischer und menschlicher Natur. So hat sich beispielsweise eine enge Beziehung zu den Dirigenten Daniel Harding und Simon Rattle ergeben, Künstler, mit denen man nicht nur gut arbeiten, sondern auch reden kann - ebenso wie mit meinem Kollegen Thomas Quasthoff. Immer wieder kommen neue, interessante Projekte, wie Brahms´ "Liebesliederwalzer", dieser Zyklus für vier Singstimmen, den wir mit Genia Kühmeier, Bernarda Fink und Thomas Quasthoff aufnehmen und in Chicago, Berlin, Basel, London, New York und Wien aufführen werden. Das wird fast broadwaymäßig! Im März 2011 gebe ich gemeinsam mit Adrian Eröd einen französischen Arienabend in Frankfurt - so etwas stelle ich mir übrigens auch für Wien sehr schön vor. Eines der Schlüsselwerke der zweiten Wiener Schule, nein, nicht die "Lulu", mit der es heuer im Sommer in Salzburg leider nicht geklappt hat, könnte ich mir für die nahe Zukunft ebenfalls sehr gut vorstellen. In Zürich werde ich am Opernhaus die "Schöne Müllerin" singen, und dann habe ich alle wichtigen Häuser durch.

Wie es scheint, sehen Sie die Entwicklung der klassischen Musik durchaus positiv. Gibt es denn gar keine Probleme?

Ich glaube, man muss heutzutage gezielt planen und mit seinen Projekten reisen. Dieses fokussierte Marketing fehlt ja oft in unserer Branche. Man braucht Phantasie - und Visionen. Zum Glück gibt es immer wieder Spezialitäten, beispielsweise auf dem Liedsektor. Die Intimität des Liedes lockt mich immer mehr - in einer Welt, in der die Technik auch vor der klassischen Musik keineswegs Halt macht. Vielleicht gibt es ja bald unmittelbar nach einem Konzert bereits die CD davon zu kaufen. Oder ein Download aus dem Internet noch am selben Abend. Ich bin optimistisch. Es gibt noch einen Markt dafür!

Michael Schade. Foto: Deanne McKee

Zur Person

Michael Schade, 1965 als Sohn deutscher Eltern in Genf geboren, ist in Kanada aufgewachsen und heute einer der weltweit gefragtesten Tenöre. An der Wiener Staatsoper, seinem "Haupthaus", ist er seit seinem fulminanten, über Nacht arrangierten Debüt 1992 als Almaviva in Rossinis "Barbier von Sevilla" sowohl in allen Mozart-Partien seines Faches (unter anderem unter Riccardo Mutis Leitung) als auch in vielen Belcanto-Partien aufgetreten. Er hat im Haus am Ring bisher mehr als 200 Vorstellungen in 16 Partien gesungen.

Im Konzertsaal arbeitet Schade eng mit Dirigenten wie Nicolaus Harnoncourt zusammen und singt ein breites Repertoire von Bach bis Franz Schmidts "Buch mit sieben Siegeln". Dem Lied-Interpreten Schade ist es gelungen, bedeutende Konzertpianisten wie Rudolf Buchbinder als Partner zu gewinnen. Außerdem arbeitet er konsequent mit Sänger-Kollegen wie Thomas Quasthoff zusammen, um das mehrstimmige Repertoire der Romantik bekannt zu machen.

Als Lehrer widmet sich Michael Schade der Nachwuchsförderung, er war die treibende Kraft der Salzburger Festspiel-Initiative "Young Singer´s Project", und er fuhr vor kurzem wieder mit dem Kreuzfahrtschiff MS Europa, um den Wettbewerb "Stella Maris" auf einer nahöstlichen Kreuzfahrt zu präsidieren.

Am 15. und 17. November tritt Schade in Michael Tippets Oratorium "A Child of our Time" im Wiener Konzerthaus auf.

Michaela Schlögl, geboren 1960, Dr. iur, lebt als freie Kulturjournalistin in Wien. Nach einem Buch über Georges Prêtre (2009) ist heuer der von ihr aufgezeichnete Band "Dominique Meyer. Szenenwechsel Wiener Staatsoper" im Styria Verlag erschienen.