Zum Hauptinhalt springen

Michail Gorbatschows größter Fehler

Von Gerhard Lechner

Politik
Aserbaidschanische Soldaten der Roten Armee, bereits ohne Sowjet-Abzeichen, trauern in Baku. Foto: Tahir Jafarow.

Vor 20 Jahren verursachte Rote Armee ein Blutbad in Baku. | Ende der UdSSR damit beschleunigt. | Wien. Leichte, schwebende Klagemelodien erfüllten die Galerie "Time" in der Wiener Wollzeile 1-3, als dort kürzlich die Fotoausstellung "Black January" - schwarzer Jänner - eröffnet wurde. Sie ist noch bis 26. Jänner zu sehen. Mit diesem Ausdruck verbindet sich in Aserbaidschan bis heute die Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung des Landes durch sowjetische Truppen in der Nacht auf den 20. Jänner 1990. Sowjetführer Michail Gorbatschow soll die Verhängung des Ausnahmezustandes über Baku später als "größten Fehler meines politischen Lebens" bezeichnet haben.


Freilich befand sich die kosmopolitische Metropole am Kaspischen Meer schon zuvor in einer Art Ausnahmezustand: Die neuen Freiheiten durch die Perestroika spülten zwischen schiitisch-muslimischen Aserbaidschanern und christlichen Armeniern alte Rivalitäten um das von Armeniern bewohnte, in Aserbaidschan gelegene Gebiet Berg-Karabach hoch. Als Kämpfe ausbrachen und Flüchtlingskolonnen in Baku eintrafen, eskalierte die Situation: Eine wütende Menge brach Mitte Jänner mit Adressen in der Hand zu Pogromen gegen die alteingesessene armenische Minderheit in Baku auf. 90 Menschen fanden den Tod.

Armee und Soldaten des Innenministeriums verhielten sich dabei weitgehend passiv: Man hatte keine Weisung aus Moskau, wie man sich zu verhalten habe. In der Nacht auf 20. Jänner, als die meisten Armenier bereits geflohen waren, rückten dann die Panzer vor, räumten die Barrikaden der Aserbaidschaner - Busse, umgestürzte Straßenbahnen - aus dem Weg und schossen in die Menschenmenge: 133 Tote forderte die Nacht. Auch Unbeteiligte, die sich in Hauseingänge flüchteten, wurden von Kugeln getroffen.

Sollte es die Hoffnung der Führung der UdSSR gewesen sein, mit der Aktion das Imperium noch einmal mit Gewalt zusammenzuhalten, so ist die Rechnung für den Kreml nicht aufgegangen: Der "schwarze Jänner" trug in Aserbaidschan - und darüber hinaus in anderen muslimisch geprägten Staaten der Union - wesentlich zum späteren Abfall vom Gesamtstaat bei. Dass die Proteste des Westens sich damals in engen Grenzen hielten, ist in Aserbaidschan bis heute ein Anlass zur Verbitterung.