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Milchmädchen-Ökonomie

Von Reinhard Göweil

Leitartikel
Chefredakteur Reinhard Göweil.

Die Krise ist vorbei, jubeln die Optimisten. Die Politik hat eine weltwirtschaftliche Kernschmelze verhindert, lässt sich die Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde noch ein paar Türchen offen. Griechenland hat es geschafft, Italiens Anleihezinsen sind auf ein erträgliches Maß geschrumpft, Spanien hat den reglementierten Arbeitsmarkt reformiert und ist nun für Investoren wieder interessanter, freut sich die EU-Kommission. Und die Europäische Zentralbank hat in den vergangenen Monaten fast 1000 Milliarden Euro in die Banken gepumpt, damit diese Staaten und Unternehmen weiter finanzieren können.

Manchen neoliberalen Ökonomen geht das alles nicht weit genug. Sie warnen, dass die Aufblähung der Geldmenge zwangsläufig zur Inflation führen muss. Und ein Institut namens Eco Austria, das fälschlicherweise als Wirtschaftsforschungsinstitut bezeichnet wird, weil es bloß ein Think-Tank der Industriellenvereinigung ist, hat eine Lösung parat: Um die Inflationsgefahren zu senken, müssten eben die Löhne runter. Ohne Milchmädchen verunglimpfen zu wollen: Dies ist eine solche Rechnung.

Die Zentralbank hat massiv Geld in den Markt gepumpt, weil sich die Banken wieder einmal untereinander kaum welches borgten: Vielleicht hat der andere ja irgendwelche Leichen im Keller. Die Europäische Zentralbank sprang ein, irgendjemand musste es ja tun.

Was die liberalen Ökonomen überhaupt gerne vergessen: Der privatwirtschaftliche Umgang mit der Krise war in Wahrheit ein Desaster für das Konzept des "free enterprise". Wenn Unternehmen, und das sind ja wohl auch Banken, kein unternehmerisches Risiko mehr eingehen, dann haben sie ihren Zweck verfehlt. Es kann kein Unternehmensgegenstand sein, sich billiges Geld von einer öffentlichen Institution auszuborgen, damit Staatsanleihen zu kaufen und von der Zinsdifferenz zu leben.

Die geöffnete Geldschleuse der EZB hat der EU drei Jahre erkauft, so lange laufen deren Kredite. Danach muss der Zinssatz für dieses Bankengeld deutlich angehoben werden. Erst, wenn sich die Banken dann im selben Ausmaß wieder Geld untereinander borgen, um unternehmerische Ideen zu finanzieren, ist die Krise vorbei. Im umgekehrten Fall würde sie erst richtig beginnen, und Inflation wäre dann Europas geringste Sorge...