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"Milder Verlauf heißt nicht harmloser Verlauf"

Von Eva Stanzl

Wissen

Auch moderate Symptome von Covid-19 mit der neuen Mutation können die Organe schädigen.


Selbst milde Verläufe von Covid-19 sind nicht harmlos, da auch sie die Organe schädigen. Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) konnte nachweisen, dass eine Infektion mit Sars-CoV-2 auch bei leichtem Krankheitsverlauf die Funktionen von Herz, Lunge und Nieren mittelfristig beeinträchtigen und mit Zeichen von Beinvenenthrombosen einhergehen kann. Die Studie lief seit 2020, beinhaltet daher auch Vorgänger-Varianten von Omikron, ist jedoch angesichts der besonderen Eigenschaften der neuen Mutation hochrelevant.

"Die Erkenntnis, dass selbst ein milder Krankheitsverlauf mittelfristig zur Schädigung diverser Organe führen kann, hat höchste Bedeutsamkeit im Hinblick auf die Omikron-Variante, die mehrheitlich mit milderen Symptomen einherzugehen scheint", wird Kardiologe Raphael Twerenbold in einer Aussendung der UKE zitiert.

Im Rahmen der langfristig angelegten Hamburg City Health Study wurden 443 Personen nach einer Sars-CoV-2-Infektion mit leichteren Symptomen untersucht. Ihre Daten wurden mit jenen nicht infizierter Teilnehmer verglichen. Die Ergebnisse wurden im "European Heart Journal" der europäischen Kardiologengesellschaft veröffentlicht.

Von den Studienteilnehmern, die Covid-19 mit keinen, milden oder moderaten Symptomen hatten, wurden 93 Prozent ausschließlich ambulant behandelt, niemand benötigte Intensivmedizin. Herz-Kreislauf- und Gefäßsystem, Lunge, Nieren und Gehirn wurden auf Funktion, Struktur und Folgeschäden im Mittel zehn Monate nach der Infektion untersucht. Die Lebensqualität wurde in Fragebögen erfasst. Zum Vergleich wurden 1.328 Teilnehmer ähnlichen Alters, Geschlechts und Bildungsstatus vor Ausbruch der Pandemie ausgewählt.

In Relation zur "Normalbevölkerung" fanden sich bei den genesenen Probanden Anzeichen mittelfristiger Organschädigungen. In Lungenfunktionstests wurden bei ihnen ein um drei Prozent geringeres Lungenvolumen und ein leicht erhöhter Atemwegswiderstand festgestellt. Herzuntersuchungen ergaben eine Abnahme der Pumpkraft um ein bis zwei Prozent und eine 41-prozentige Erhöhung eines Markerproteins, das Auskunft über die Herz-Belastung gibt. Per Ultraschall wurden außerdem zwei- bis dreimal häufiger Zeichen von überstandenen Beinvenenthrombosen nachgewiesen. Weiters wurde bei den Genesenen eine Abnahme der Nierenfunktion um etwa zwei Prozent festgestellt. Die Leistungsfähigkeit des Gehirns zeugte keine Verschlechterung.

"Die Bezeichnung ,mild‘ ist zu hinterfragen", sagte Clemens Wendtner, Leiter der Spezialeinheit für hochansteckende Infektionen der München Klinik Schwabing, am Mittwoch bei einer Online-Diskussion des deutschen "Science Media Center". "Das kann jemand sein, der zwar nicht Sauerstoff-pflichtig ist, aber andere kritische Symptome hat. Zudem wissen wir nicht, wie Long Covid, das auch nach moderaten Symptomen eintreten kann, bei Omikron verläuft. Mild heißt nicht harmlos", sagte Wendtner, der an der Hamburger Studie nicht beteiligt war.

Sinnvolle Teststrategie

Im Rahmen der Diskussion machte Jörg Timm, Leiter des Instituts für Virologie des Universitätsklinikum Düsseldorf, auch auf die Problematik der absoluten Zahlen aufmerksam, die derzeit wohl noch zu wenig diskutiert wird. "Bisher wurde in Zellkulturen nachgewiesen, dass Omikron die tiefer liegenden Lungenzellen weniger gut infiziert als jene der oberen Atemwege", sagte Timm. Damit nehme die Schwere der Erkrankung mit Omikron etwas ab. "Da es aber aufgrund der höheren Infektiosität mehr Ansteckungen geben wird, wird künftig sehr wohl die Zahl der schweren Verläufe wieder relevant werden", sagte er. Die derzeit sinkende Belegung von Corona-Intensivbetten werde daher nicht von Dauer sein. Da das heimische Covid-Prognosekonsortium mit einem stark beschleunigten Infektionsgeschehen rechnet, könnte dies hierzulande bald relevant werden.

Laut Experten beeinträchtig Omikron die Sensitivität von PCR-Tests nicht. Zu erarbeiten sei jedoch eine sinnvolle Teststrategie, zumal die Omikron-Inkubationszeit weitaus kürzer ist als jene ihrer Vorgängerinnen, von Alpha bis Delta. "Angesichts dessen stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, bis zu 24 Stunden auf das Testergebnis warten zu müssen", sagt Komplexitätsforscher Peter Klimek zur "Wiener Zeitung": "Eine Überlegung könnte sein, wieder auf Antigen-Schnelltests umzusteigen."

Hierzu fehlen derzeit offenbar noch verlässliche Untersuchungen. "Mir wäre keine systematische Studie an einer hohen Fallzahl an Patienten zur Verlässlichkeit von Antigen-Schnelltests bei Omikron bekannt", sagt Virologe Jörg Timm. "Ich gehe aber davon aus, dass sie selbst bei leichten Verläufen von der neuen Variante, welche angesichts der hohen Zahl an bereits Immunisierten zu erwarten ist, funktionieren."