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Militärs geben verschleppte Babys als eigene aus

Von Simone Lauenstein Buenos Aires

Politik

· Während der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 sind nach offiziellen Angaben etwa 9.000 Menschen verschleppt, gefoltert und ermordet worden. Angehörige sprechen von | bis zu 30.000 Toten und Verschwundenen. Sogar Neugeborene wurden Opfer der Militärs. Wenn verschleppte Frauen vor ihrem Tod Kinder zur Welt brachten, wurden diese oft illegal von Militärs angenommen | und als eigene Kinder ausgegeben.


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Auch 17 Jahre nach Ende der Diktatur ist es in Argentinien immer noch schwierig, Informationen über das Schicksal dieser Kinder und ihre anscheinend systematische Entführung und Verteilung zu

bekommen. Und nicht nur das: Den verantwortlichen Militärs ist ohne eine lückenlose Beweisführung, dass sie an den Entführungen beteiligt waren, Straffreiheit gewährleistet.

Die "Abuelas de Plaza de Mayo" (Großmütter vom Mai-Platz vor dem Präsidentenpalast), die seit mehr als 20 Jahren nach dem Verbleib ihrer Enkelkinder forschen, haben über mindestens 260 Geburten in

Gefangenschaft konkrete Informationen, gehen aber von bis zu 500 entführten Babys aus. "Wir haben in den ersten Jahren nach der Diktatur die Hoffnung aufgegeben, unsere verschleppten Kinder je

wiederzusehen, sie sind sicher tot. Aber wir wollen wissen, wer unsere Enkelkinder sind, was mit ihnen gemacht wurde und wie sie leben. Sie sollen ihre wahre Identität, ihre Familien kennen lernen",

sagte die Vizepräsidentin der "Abuelas", Rosa Roisimblit.

Die Suche wurde und wird den Großmüttern nicht leicht gemacht. 1983 hatte Raul Alfonsin, erster argentinischer Präsident nach der Re-Demokratisierung des Landes, die höchsten Verantwortlichen der

Militärdiktatur vor ein Zivilgericht stellen lassen, das sie zu lebenslanger Haft verurteilte. Doch je mehr die Justiz über die reinen Schreibtischtäter hinaus nach den aktiven Tätern sowie Folterern

griff, wuchsen Alfonsins Schwierigkeiten mit dem Militär. Nach dem dritten Putschversuch ließ er die Schlusspunkt-Gesetze verabschieden, die Verurteilungen weiterer Täter ausschlossen. Alfonsins

Nachfolger Carlos Menem ging noch einen Schritt weiter und begnadigte die bereits verurteilten Diktatoren 1990 und 1991.

Einen Punkt hatten die Autoren des Amnestiegesetzes allerdings übersehen: Es sagt nichts über eine Begnadigung derjenigen, die während der Diktatur an den Kindesentführungen und der illegalen Vergabe

der Kinder beteiligt waren. Diese Gesetzeslücke versuchen Rechtsanwälte, Richter und die "Abuelas" zu nutzen. Seit einigen Jahren laufen deshalb Prozesse, in denen Ex-Militärs durch Bluttests

nachgewiesen werden konnte, dass sie Kinder von Verschwundenen als eigene ausgegeben haben.

Aus dem selben Grund wurden Anfang Jänner diesen Jahres neun pensionierte Marineoffiziere in der Stadt Mar del Plata festgenommen. Untersuchungen der Richterin Maria Servini de Cubria hatten ergaben,

dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Kinder der Verschwundenen in ihren Familien leben. Lässt sich dieses durch Bluttests feststellen, drohen den Ex-Militärs Gefängnisstrafen.

Offensichtlich existieren in dem südamerikanischen Land noch immer Kreise, die nicht an der Aufdeckung der militärischen Machenschaften zu Diktaturzeiten interessiert sind, sagt Roisimblit. So

versuchten Unbekannte erst vor wenigen Wochen, Servini de Cubria während einer Autofahrt nach Mar del Plata von der Fahrbahn zu drängen.

Diana Conti, die Beauftragte für Menschenrechte in der neuen Regierung von Präsident Fernando de la Rua, will nun eine "Wahrheitskommission" bilden. Zum einen sollen zum ersten Mal alle Daten von

Familien der Opfer und der Verschwundenen archiviert werden. Zum anderen sollen frühere Militärs dazu bewegt werden, ihr Schweigen über die Verbrechen während der Diktatur zu beenden und den

Angehörigen der Opfer endlich Gewissheit über das Schicksal ihrer Kinder und Enkelkinder zu verschaffen.