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"Milli Görüs ist extrem anti-integrativ"

Von Alexander U. Mathé

Politik

In Wien hat ein umstrittenes islamisches Zentrum geöffnet. Die Islamexpertin Susanne Schröter über die Hintergründe.


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Wien. Die Eröffnung eines islamischen Jugendzentrums sorgt für Wirbel in Wien. Betrieben von der umstrittenen Milli-Görüs-Bewegung (gesprochen: Milli Görüsch), wurde nun sogar der Verfassungsschutz eingeschaltet. Die ÖVP spricht von einer Verfehlung der rot-grünen Integrationspolitik. Bürgermeister Michael Ludwig spielt den Ball an die Bundesregierung und die Polizei weiter. Schließlich verfüge Wien über keinen eigenen Geheimdienst. Die "Wiener Zeitung" sprach mit Susanne Schröter vom "Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam" über die Milli-Görüs-Bewegung, über die Hintergründe und die politischen Implikationen mit der Türkei.

"Wiener Zeitung":Was ist Milli Görüs eigentlich?Susanne Schröter: Das ist eine Bewegung, die in der Türkei entstanden ist. Sie wollte eine Alternative zu Kapitalismus und Sozialismus sein und hat den Islam als dritten Weg gesehen. Ziel war es, die Türkei in einen islamischen Staat umzuwandeln. Deshalb wurde sie auch immer wieder verboten. Der Gründer, Necmettin Erbakan, hat auch mehrmals versucht, Parteien zu gründen, die ebenfalls verboten wurden, weil man ihnen zu Recht umstürzlerische Absichten vorgeworfen hat.

Wie kommt diese Bewegung nach Österreich?

Die Milli Görüs ist mittlerweile international. Sie hat nicht mehr nur die Türkei zum Ziel. Sie existiert überall dort, wo es türkische Einwanderer gibt.

Und was kann die Bewegung hier wollen?

Da muss man beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan beginnen. Der ist nämlich ein Milli-Görüs-Zögling. Er will einen großen islamistischen Block schaffen, der auch in der Regierung verankert ist. Deshalb fusioniert gerade die staatliche Religionsbehörde in der Türkei mit der Milli Görüs. Der staatliche Islam war in der Türkei lange Zeit moderat, weil die Türkei eine laizistische Verfassung hat. Aber Erdogans Projekt ist es, die Türkei zu reislamisieren und den Islam wieder in die Politik hineinzutragen. Das hat auch eine internationale Dimension, denn Erdogans Einfluss auf Europa ist unbestritten. Er versucht, die türkische Diaspora ganz eng an sich zu binden, dafür nutzt er auch die Milli Görüs.

Was bedeutet das im Falle des neuen Jugendzentrums in Wien?

Dass es ein Standort für Erdogan ist, um die Jugend in Wien zu beeinflussen. International hat die Milli-Görüs-Bewegung stets versucht, türkische Muslime in der Diaspora zu indoktrinieren. Sie versucht, ihnen einzureden, dass sie zu Höherem berufen sind und als Muslime allen anderen überlegen sind. Die Reinheit des Glaubens verbindet sie damit, sich nicht auf die Mehrheitsgesellschaft einzulassen. Es geht also darum, die Jugendlichen daran zu hindern, sich in die säkularen Gesellschaften Europas zu integrieren. Das ganze ideologische Gebäude basiert darauf, dass Milli Görüs eine Parallelgesellschaft für hauptsächlich türkische und türkischstämmige Muslime schafft. Das ist das große Problem an der Bewegung: Sie ist in extremen Maße anti-integrativ.

Im März stehen Kommunalwahlen in der Türkei an. Könnte da ein Zusammenhang bestehen?

Selbstverständlich. Es ist immer ein Ziel Erdogans gewesen, Wahlhilfe von den Auslandstürken zu bekommen. Deshalb reisen ja Politiker seiner Partei vor Wahlen immer durch Europa, um Stimmen zu bekommen. Islamistische türkische Organisationen wie die Milli Görüs, aber auch die Atib, sind stets für diese politische Agenda benutzt worden.

Die Milli Görüs weist antidemokratische und auch antisemitische Züge auf...

Absolut.

...wie ist es dann möglich, dass die Bewegung in westeuropäischen Ländern offiziell existiert?

Weil sich die Auslands-Milli-Görüs nach außen so geben, als wären sie von der türkischen Organisation unabhängig. Das ist natürlich fragwürdig. Aber sie tauchen in Deutschland und Österreich immer wieder als Organisationen auf, die einen Reformprozess durchlaufen haben, die sich vom Antisemitismus verabschiedet haben oder die Idee des islamischen Staates nicht mehr weiterverfolgen. Damit laufen sie nicht Gefahr, verboten zu werden. Dann können sie Zentren und Moscheen aufbauen und politische Partner des Staates werden.

Das heißt: Die Mutterorganisation in der Türkei agiert auf eine Art und Weise, die bei uns nicht toleriert werden würden?

Bei uns reagiert man sehr prompt auf antisemitische Äußerungen. Das ist in der Türkei komplett anders. Erdogan selbst hat schon antisemitische Äußerungen von sich gegeben. In der Türkei muss man keine Angst haben, verboten zu werden, wenn man als Antisemit auftritt.

Liegt dahinter ein globales Konzept?

Es gibt Bestrebungen, auch in Europa islamistische Strukturen aufzubauen, durch die Erdogan politische Macht gewinnt. Gleichzeitig macht er Anstalten, sich international zum Führer islamistischer Vereinigungen aufzubauen. Es gab erst neulich in Köln eine große Konferenz, auf der internationale Islamisten aus großen Organisationen wie beispielsweise den Moslembruderschaften eingeladen waren. Da hat Erdogan im Prinzip sein Programm verkündet, die islamistischen Organisationen unter türkischer Führung vereinigen zu wollen. Ihm schwebt ein neues Osmanisches Reich vor, das auf ihn eingeschworen ist. Das ist zwar eine abenteuerliche Vorstellung, aber das macht ihn sehr populär bei Muslimen, die gerne einen Führer hätten, der den einstigen Ruhm wieder zum Leben erweckt.

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