Zum Hauptinhalt springen

Milliardäre wollen nicht helfen

Von Peter Muzik

Wirtschaft

Die Exil-Hellenen sehen sich nicht als Troubleshooter. | Viele Superreiche leben im Ausland. | Ein Milliardär bei EU-Bankenhilfe als Profiteur. | Sie ist erst 25, lebt in Sao Paolo und ist mit einem brasilianischen Springreiter verheiratet: Athina Onassis de Miranda, in Frankreich, der Schweiz, Spanien und Belgien aufgewachsen, hat zwar einen griechischen Pass, beherrscht die Sprache aber nur mäßig. Die junge Erbin tritt bei internationalen Turnieren als Springreiterin an, kauft gerne sündteure Pferde und betätigt sich karitativ - aber nicht in Griechenland.


Er ist bereits 57, wohnt vorwiegend in London und mag Rennpferde über alles: Philippe Niarchos, ältester Sohn des legendären Schiffs-Tycoons Stavros Niarchos, zählt zu den reichsten Griechen. Er hat die prachtvolle Kunstsammlung seines Vaters mit Werken von Rubens, van Gogh, Picasso oder Warhol geerbt - die Kollektion soll die weltweit wertvollste in privater Hand sein. Ein Appell des griechischen Parlamentspräsidenten an seinesgleichen ließ ihn allerdings kalt: Filippos Petsalnikos hatte einen "Unterstützungsfonds für Griechenland" vorgeschlagen, in den einheimische und im Ausland lebende Superreiche einzahlen hätten sollen.

Onassis und Niarchos - zwei Namen, die für unermesslichen Reichtum made in Griechenland stehen - beobachten aus sicherer Distanz, was für eine dramatische Misere sich in Athen abspielt. Das Rettungspaket der EU scheint sie aber eben so wenig zu beeindrucken wie die Steuererhöhungen, Gehalts- sowie Rentenkürzungen und sonstige Sparmaßnahmen. Hilfe von den griechischen Top-Kapitalisten ist jedenfalls nicht zu erwarten.

Nur wenige zahlenin der Heimat Steuern

Im Land der vermögenden Reeder leben laut der jährlich veröffentlichten "Greek Rich List" allerdings nur ein einziger Euro-Milliardär sowie 11 weitere Personen, die mehr als 200 Millionen Euro auf die Waage bringen. Lediglich 19 Top-Unternehmer werden auf mehr als 100 Millionen Euro eingeschätzt - deutlich weniger etwa als in Österreich, wo gut fünf Mal so viele Superreiche zu finden sind.

Seiner Heimat die Treue hält beispielsweise der 77jährige Ölmagnat Vardis Vardinogiannis, der neben der Familienholding ASE die zweitgrößte Ölraffinerie des Landes besitzt sowie diverse griechische Medien kontrolliert. Sohn Giannis, ein früherer Rally-Champion, ist größter Shareholder des Fußballklubs Panathinaikos, Ferrari-Händler, im Reedereigeschäft engagiert und obendrein Boardmitglied der Piräus Bank. Die übrigen Superreichen, die als Bankiers oder Hotelketteninhaber, im Zement- oder Kupfergeschäft tätig sind und in Griechenland ihre Steuern zahlen, genießen zwar wie gewohnt ihre luxuriösen Refugien auf zahllosen Privatinseln - aber den vielkritisierten Staat freiwillig finanziell zu unterstützen, nein, das werden sie nicht.

Die Geld-Elite des ausgepowerten EU-Staats, der verzweifelt gegen den Bankrott ankämpft, verlor daher ihren einst glanzvollen Nimbus und bekommt eine breite Ablehnung seitens der vom Sparkurs der Regierung betroffenen Bürger zu spüren. In jüngerer Zeit gab es in Griechenland sogar mehrere Kidnapping-Fälle: So etwa wurde einer der bekanntesten Reeder, der 74jährige Periklis Panagopoulos, im Vorjahr von einer bewaffneten Bande entführt.

Spiros Latsis, der im Ranking der reichsten Griechen die Nummer eins ist, werden 4,2 Milliarden Euro zugetraut. Zudem hält seine Familie über ihre EFG Group griechische Anleihen in Höhe von 12 Milliarden Euro. Der 64jährige Clan-Chef, dessen Sohn Paris ein paar Monate lang mit der US-Hotelerbin Paris Hilton liiert war, lebt allerdings nicht in Griechenland, sondern kontrolliert von Genf sein Schiffs- und Ölimperium. Er investiert in Immobilien, Yachten und Privatjets und besitzt überdies ein verschachteltes Privatbanken-Imperium in der Schweiz. Als er im November vorigen Jahres den Sitz der Holding nach Luxemburg verlagerte, sanken die Forderungen der Eidgenossen gegen Griechenland schlagartig - die Schuldtitel verschwanden einfach von den Schweizer Konten. Und die nunmehr in einem EU-Staat residierende Bankengruppe konnte umgehend Rettungsgelder der Europäischen Zentralbank beanspruchen.

Der Reeder Philippe Niarchos wiederum, der mit seiner Kunstsammlung nahezu eine Milliarde Euro schwer ist, hat sich in London niedergelassen. Stelios Haji-Ioannou, der die Billig-Airline Easyjet gegründet hat, gefällt es in der coolen britischen Metropole ebenfalls besser als in der heißen griechischen Heimat. Auch der Medienunternehmer und Regisseur Alki David, der seinen Reichtum dem Leventis-Clan -also vor allem Schiffen und Coca Cola-Abfüllanlagen in 28 Ländern - verdankt, zieht die Themse jeder griechischen Insel vor. Der erst 42jährige Filmproduzent gilt mit fast 1,5 Milliarden Euro als Spitzenreiter, Niarchos und Haji-Ioannou folgen auf den Plätzen.

Griechenlands Diaspora hat auch in anderen Weltgegenden einen Fixplatz im Geldadel: In Australien etwa, wo 300.000 griechische Migranten, von denen 100.000 in ihrer Heimat geboren wurden, haben es immerhin sechs Griechen unter die 200 reichsten Australier geschafft. Der vor 45 Jahren ausgewanderte Grundstück-Zampano Con Makris häufte für Sohn Ross, der unlängst zum reichsten Aussie unter 40 gekürt wurde, ein Vermögen von umgerechnet beinahe 800 Millionen Euro an. Die Familie Paspalis wiederum, die schon 1919 eingewandert ist und ihren Namen in Paspaley geändert hat, brachte es zu einem der weltweit gefragtesten Perlenzucht-Imperium, das derzeit 20 Farmen mit 1000 Mitarbeitern umfasst.

In den USA, seit jeher klassisches Fernziel ehrgeiziger Griechen, haben sich viele den amerikanischen Traum verwirklicht. Zehn sind sogar zu Dollar-Milliardären aufgestiegen und - in der Regel längst US-Staatsbürger geworden - im alljährlichen "Forbes"-Ranking der begütertsten Amerikaner an prominenten Positionen zu finden. Dem Ältesten von ihnen, dem 90jährigen Selfmademan George P. Mitchell, werden zwei Milliarden Dollar attestiert, wobei ihn die Kursverluste seiner Energiecompany relativ wenig jucken.

Keine Hilfe für die"armselige Regierung"

Die Jüngeren wurden zwar wie der 62jährige Private Equity-Profi C. Dean Metropoulos noch in der Heimat geboren, heißen aber in der Regel nunmehr John (statt Ioannis) oder Arthur (statt Athanasios). Sie sprechen zumeist fließender englisch als griechisch und haben wahlweise mit Supermarktketten, Medieninvestments, im Real Estate-Business oder mit ausgedehnten Farmen als Nahrungsmittelproduzenten ihr Glück gemacht. Bisweilen sind sie auch mehrspurig unterwegs: John Catsimatides etwa, der als Kind mit seinen Eltern nach New York ausgewandert ist, besitzt die Red Apple Group, ein Konglomerat aus Ölraffinerien, Gewerbeimmobilien, Supermärkten und einem Charterflugbetrieb. Obendrein verlegt er in der US-Metropole die "Hellenic Times".

Was sich zur Zeit in Athen abspielt (immerhin muss die Regierung bereits das Familiensilber verhökern und Staatsbetriebe wie Post, Bahn und Wasserwerke feilbieten), tangiert die im Ausland lebenden Superreichen aus Griechenland allerdings wenig. Sie zeigen absolut keine Bereitschaft, ihrem einstigen Heimatland aus der Schuldenkrise zu helfen. Peter Kazocos, der in Australien als IT-Unternehmer ein Vermögen machte, hält zwar viel von Charity, wird jedoch "diese armselige Regierung" finanziell nicht unterstützen: "Es macht keinen Sinn, gutes Geld dem schlechten nachzuwerfen".

Onassis-Clan: Der Fluch des Geldes

Athina Onassis zählt zu den reichsten Frauen der Welt: Die Enkelin des griechischen Reeders Aristoteles Onassis, der in den Sechzigern den Grundstock zu seinem riesigen Vermögen gelegt hatte, wird auf rund zwei Milliarden Euro geschätzt - nicht eingerechnet die Onassis Foundation in Vaduz, die mindestens eben so viel verwaltet und sich auf vielfältige Weise karitativ betätigt. Athina Onassis de Miranda, wie sie sich neuerdings nennt, gehören heute nicht nur einige Inseln in der Ägäis, mehrere Ferienanlagen samt Hotels und etliche Villen, sondern beispielsweise auch der "Olympic-Tower" in New York, Anteile an rund 100 internationalen Unternehmen sowie eine umfangreiche Kunst- und Juwelensammlung. Sie lebt seit sechs Jahren vorwiegend, relativ zurückgezogen, in Sao Paolo und ist mit dem brasilianischen Springreiter Alvaro de Miranda Neto verheiratet.

Ihren Großvater Aristoteles, der es vom Hotelpagen bis zu einem der reichsten Männer der Welt gebracht hatte, hat sie gar nicht gekannt. Der Societytiger, der ebenso für unermesslichen Reichtum stand wie die Rothschilds oder die Rockefellers, war nach dem Scheitern seiner ersten Ehe jahrelang mit der Sopranistin Maria Callas liiert und sodann, ziemlich unglücklich, mit der Präsidentenwitwe Jackie Kennedy verheiratet. 1975 starb er einsam in Frankreich an gebrochenem Herzen, wie es in den Nachrufen hieß.

Zwei Jahre zuvor war sein Sohn Alexander bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Athinas gleichnamige Großmutter, in dritter Ehe mit dem Onassis-Rivalen Stavros Niarchos verbunden, schied darob durch Selbstmord aus dem Leben. Mutter Tina wiederum starb 1988 nach vier gescheiterten Ehen, zahlreichen Eskapaden, Drogen- und Alkoholproblemen mit nur 38 Jahren in Argentinien an Lungenversagen.

Die junge Milliardärin, die bereits mit drei Jahren die Mutter verloren hatte, vertraute ihrem Biografen Chris Hutchins den Satz an: "Das Geld hat nur Unglück über meine Familie gebracht - dieser Name ist mir zum Alptraum geworden". Seit Jahren halten sich Gerüchte, dass sie die 80 Hektar große Familieninsel Skorpios im Ionischen Meer, wo ihre Verwandten begraben sind, verkaufen möchte.