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Milliarden für das Klima

Von Marijana Miljković

Wirtschaft

In den USA beginnt ein Wettrennen um saubere Energie, meint Klimaökonom Wagner.


Am Tag der Invasion Russlands in der Ukraine war die Forderung, aus russischem Gas auszusteigen, noch radikal. Einer, der das gefordert hat, war der österreichisch-amerikanische Klimaökonom Gernot Wagner. Doch schon wenige Wochen später ist es Common Sense, dass das passieren muss - nicht zuletzt, weil Wladimir Putin Europa keine Wahl lässt.

Dass Europa sich nun inmitten einer Energiekrise befindet und auf fossile Energieträger zurückgreifen muss, um russisches Gas zu ersetzen, ist in den Augen des Experten eine Übergangslösung. Jetzt passiere, dass viele dieser Schritte, die in Zukunft die Klimakrise abwenden sollen, nun jetzt schon erfolgen, so der Experte und Buchautor.

"Machen wir alles richtig? Nein", sagte Wagner in einem Mediengespräch vergangene Woche in Wien. "Vor ein paar Monaten hat die Klimaministerin (Leonore Gewessler, Grüne, Anm.) den letzten Klumpen Kohle, der für ein Kohlekraftwerk bestimmt gewesen wäre, ins Museum gestellt, und jetzt ist sie, beziehungsweise ihre Mitarbeiter, dabei zu verhandeln, wie genügend Kohle nach Mellach kommen soll," so Wagner.

"Zwei Schritte nach vorne, einer zurück"

Es gehe darum, sich vorwärts zu bewegen, selbst wenn das bedeute, zwei Schritte nach vorne zu machen und einen zurück, sagt Gernot Wagner. Einer dieser Schritte vorwärts ist das Sozial- und Klimapaket von US-Präsident Joe Biden. Vor einem Monat vom US-Senat beschlossen, sieht der "Inflation Reduction Act" (IRA) unter anderem Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen in Höhe von 370 Milliarden Dollar über zehn Jahre vor. Weitere 250 Milliarden Dollar in Form von Förderungen und Krediten sollen die Produktion von Solaranlagen, Windturbinen, Batterien, E-Autos ankurbeln - und damit auch weitere hunderte Milliarden aus der Privatwirtschaft mobilisieren. "Das ist der Startschuss für den Wettlauf um saubere Energieträger", sagt Wagner. Ein Wettlauf, in dem China die Produktion und Europa die Investitionen subventioniert habe - und die USA bisher auf der Seitenlinie gestanden seien, so Wagner. Das ändere sich nun.

Der Unterschied zwischen den USA und Europa sei, dass es in der EU Ziele gibt, die die Politik lokal umsetze. "In den USA gibt es kein Klimaschutzgesetz in dem Sinn, dass Ziele gesetzlich festgeschrieben wären", so Wagner, und dass beispielsweise eine Gruppe junger Menschen den Staat verklagen könne, weil er die Ziele nicht umgesetzt habe. Auf Ebene der Bundesstaaten gebe es diese Ziele sehr wohl. In Kalifornien sei es beispielsweise Gesetz, dass ab 2035 keine Verbrennungsmotoren mehr zulässig sind. Auch hätten 32 von 50 Bundesstaaten gesetzlich festgeschrieben, wie viel Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugt werden müssen.

Der Wettkampf zwischen dem amerikanischen und europäischen Zugang sei auch, wie schnell die amerikanische Energiewirtschaft durch die Investitionen entkarbonisieren könne, um nicht mit Strafzöllen belegt zu werden. Klar ist, dass die USA mit ihrer neuen Strategie auch in die Erzeugung erforderlicher Infrastruktur einsteigt und mit China in den Wettbewerb tritt. Bisher zeichnete China für je zwei Drittel der weltweiten Produktion von Solarmodulen und Akkus und sowie für die Hälfte bei Windrädern verantwortlich.

In Österreich zähle auch jeder Schritt, etwa das Verbot von Gasthermen ab 2040 nach dem Erneuerbaren-Wärme-Gesetz. "Letztes Jahr gab es in Niederösterreich noch 1.000 Euro für jeden neuen Gasanschluss, in Oberösterreich wurde noch vor einem halben Jahr für Gasthermen geworben. Jetzt möchte ich aber jemanden kennenlernen, der einen Gasanschluss macht. Der Markt stellt sich schneller um als die Politik", sagt Wagner.