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Milliarden für den Machismo von Venezuela

Von Clemens M. Hutter

Gastkommentare

Hugo Chavez beherrscht natürlich den Uralt-Trick, mit aggressiver Außenpolitik von inneren Problemen abzulenken. Mit dem Stehsatz aus dem alten Rom - "Willst du Frieden, bereite dich für Krieg vor" - reagierte Venezuelas Präsident darauf, dass Kolumbien den USA sieben seiner Militärbasen zur Verfügung stellt.


Chavez wertet das als Bedrohung und verschweigt, dass Kolumbien aus eigener Kraft weder mit den Farc-Guerillas noch mit der weltgrößten Drogenmafia fertig wird. Ebenso wenig nimmt er zur Kenntnis, dass Barack Obama erstens in keinen neuen Krisenherd tappen will und zweitens die üble Lateinamerika-Politik der USA - "Sprich leise, aber halte einen dicken Prügel bereit" - längst Geschichte ist.

Chavez braucht für seine Sozialreform einen Ölpreis von 90 Dollar pro Barrel, um rund 15 Dollar mehr als der Markt hergibt. Trotzdem kauft Chavez von Russland für 4,1 Milliarden Euro Waffen, darunter 92 Panzer und ein Raketensystem. Das ist, wie in Lateinamerika üblich, ein "Placebo forte" für den politischen Machismo der Militärs.

Das klassische Muster dafür fand vor 50 Jahren an der Atlantikküste statt: Brasilien erwarb einen gebrauchten Flugzeugträger, also legte sich auch Argentinien einen solchen zu. Keine 20 Jahre später wurde dieses teure Spielzeug der Admiräle als unbrauchbar abgewrackt.

Brasilien besiegelte soeben ein Rüstungsgeschäft mit Frankreich: 8,2 Milliarden Euro unter anderem für fünf U-Boote (darunter ein atomar betriebenes) sowie 36 hochmoderne Kampfflugzeuge zum Schutz riesiger Erdöllager vor der Küste und gewaltiger Reserven an Öl, Erdgas und Uran im Amazonasbecken. Schutz vor wem?

Kolumbien verbraucht im Kampf gegen die Farc und die Drogenmafia rund vier Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Anlass genug für Venezuela, Ecuador, Peru und Bolivien, nun nachzurüsten. Chile ist zwar weit vom Schuss, gibt aber für die Rüstung annähernd gleich viel aus wie Kolumbien.

Nach Berechnungen des Friedensforschungsinstituts Sipri investierte Südamerika allein im Vorjahr rund 24 Milliarden Euro in die Rüstung, zuvor war es nicht viel weniger. Diese Summen könnten (theoretisch) mit einem Schlag die sozialen Probleme dieses Kontinents lösen, auf dem fast ein Drittel der Menschen in Armut und Elend vegetiert.

Da nimmt es sich wie Hohn aus, dass die südamerikanischen Präsidenten eben erst ihren Kontinent zur "Zone des Friedens" erklärt haben. Wie das in der Praxis aussehen soll, hat ihnen Costa Ricas sozialdemokratischer Präsident Jose Figueres vor einem halben Jahrhundert (vergeblich) gezeigt: Auflösung der Armee, Umwandlung der Kasernen in Schulen, Sicherung der inneren Ruhe durch eine Polizeitruppe und internationale Abkommen zum Schutz einer unbewaffneten Neutralität.

Clemens M. Hutter war bis 1995 Ressortchef Ausland bei den "Salzburger Nachrichten".