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"Minarett-Verbot ist ein Stopp-Signal"

Von Walter Hämmerle

Europaarchiv
© Onken

Onken: Es geht nicht gegen Islam, sondern gegen Unterdrückung der Frau. | "Jetzt ehrlich über die Probleme reden." | "Wiener Zeitung":Das Stimmverhalten der Schweizer Frauen war maßgeblich für das Ja zum Minarett-Verbot. Hat Sie das persönlich überrascht? | Julia Onken: Ja, sehr sogar, weil sämtliche Prognosen im Vorfeld auf eine Ablehnung der Initiative hingewiesen haben.


Warum lagen die Prognosen so deutlich daneben?

In der Schweiz herrscht bereits seit einiger Zeit gleichsam ein Verbot, die eigene Meinung zu sagen. Man wird sofort in ein rechtsextremes, ein fremdenfeindliches Eck gedrängt. Das ist eine große Kränkung für viele Bürger, weil wir eine lange Tradition des friedlichen Zusammenlebens mit anderen Kulturen haben.

Woher rührt das offensichtlich Unbehagen vieler Frauen gegenüber dem Islam?

Permanent werden wir mit Schlagzeilen konfrontiert, dass etwa ein junges muslimisches Mädchen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen darf; dass es, aus Angst vor der Reaktion der Familie, sich nicht in einen jungen Schweizer verlieben darf; wir lesen von Genitalverstümmelungen und Ehrenmorden; dass die Frau dem Manne untertan zu sein, er andernfalls das Recht zur Züchtigung hat. All dies ist ein derartiger Verstoß gegen das Gebot der Gleichheit von Frauen und Männern, den wir Frauen nicht länger akzeptieren können. Das Ja zum Minarett-Verbot ist nun ein Stopp-Signal, dass es so nicht weitergehen kann. Jetzt müssen die Dinge benannt und angesprochen werden. Wir müssen erkennen, dass unsere bisherige Form von Integration nicht funktioniert hat.

Patriarchale Strukturen sind nicht zwingend ein Problem des Islam.

Das stimmt, deshalb sehe ich das auch als politisches Problem. Für mich ist ein Minarett, anders als ein Kirchturm, eindeutig kein religiöses, sondern ein politisches Symbol, das erobertes Terrain kennzeichnet. So gesehen ist unser Nein zum Minarett ein Nein zur Unterdrückung der Frau. Das können wir nicht dulden.

Sehen Sie eine besondere Schweizer Situation etwa im Vergleich zu Österreich oder Deutschland?

Nein, überhaupt nicht, jetzt ist eben aufgrund der direkten Demokratie hier diese Eiterbeule geplatzt. Natürlich ist die Situation unangenehm für alle, auch die islamischen Mitbürger fühlen sich durch das Ergebnis gekränkt. Und persönlich erlebe ich derzeit eine Ächtung, gegen die die antifeministischen Anfeindungen von Männern fast schon Streicheleinheiten waren. Das Ja zum Minarett-Verbot war ein Dammbruch, jetzt muss endlich wieder der ethische Grundsatz der Wahrhaftigkeit beim Ansprechen von Problemen gelten.

Vom werden Sie attackiert?

Nicht von den Muslimen, sondern - halten Sie sich fest - von den Frauenvereinen! Die sind der Überzeugung, dass es rassistisch ist, was ich sage und denke.

Stört es Sie, der rechtspopulistischen SVP zu einem Erfolg verholfen zu haben?

Ich bin Feministin und unabhängige Denkerin und lasse mich von niemandem vereinnahmen. Für die Freude der SVP kann ich nichts. Ich halte es für eine intellektuelle Unredlichkeit, zu sagen, ich bin zwar dieser Meinung, aber weil die böse SVP auch dafür ist, bin ich eben doch dagegen.

Sehen Sie eine Chance, dass jetzt ehrlich über die Probleme diskutiert werden kann?

Man muss zuerst Übersetzungsarbeit leisten: Es geht nicht um die integrierten Muslime, sondern um die patriarchalischen Familienstrukturen. Die große Frage ist, wie man die Betroffenen erreichen kann? Das wird ein langwieriger Prozess, vergleichbar dem, den wir mit der Aufklärung durchlaufen haben. Am Ziel sind wir erst dann, wenn sich ein junges muslimisches Mädchen in einen Schweizer verlieben kann - und nichts passiert. Wenn wir das nicht erreichen, dann gibt es eine Katastrophe. Die Politiker allerdings schwafeln schon wieder von der Angst der Menschen vor dem 11. September 2001 - darum ging es aber nicht.

Zur Person

Die Schweizer Psychotherapeutin und Buchautorin Julia Onken, geboren 1942, leitet das Frauenseminar Bodensee in Romanshorn. In der Kampagne für ein Minarett-Verbot positionierte sich Onken als Stimme der Frauen für ein Ja.