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Mini-Jetlag für Eulen und Lerchen

Von Eva Stanzl

Wissen

Umstellung auf die Sommerzeit wie Jetlag. | Innere Uhr verändert sich im Laufe des Lebens und reagiert auf Licht. | Wien. Viele behaupten, sie spüren sie nicht, aber sie spüren sie doch: Kaum hat sich der Körper auf Frühlingswetter eingestellt, werden die Uhren um eine Stunde nach vorne gedreht. Wir verlieren in der Nacht von Samstag auf Sonntag eine Stunde Schlaf, die innere Uhr kommt durcheinander. | Warum die Bäume wieder blühen


"Wenn sich die Innenuhr von einem Tag auf den anderen um eine Stunde nach vorne stellen muss, ist das wie ein Mini-Jetlag", sagt der deutsche Anti-Aging-Forscher und Experte für Chronobiologie, Jan-Dirk Fauteck. Dieser kann Tage dauern. Oder sogar Wochen, wie Till Roenneberg, Professor für Chronobiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, entdeckt haben will. Er hat 80 Menschen vier Wochen lang nach einer Zeitumstellung beobachtet und festgestellt, dass diese schwerer zu verarbeiten ist als der Jetlag nach einer Reise.

Licht als Taktgeber der Zeit

"Wenn man nach England fliegt, geht die innere Uhr mit einer Stunde Zeitunterschied mit, weil man den Lichtwechsel miterlebt. Die Zeitumstellung passiert hingegen abrupt, obwohl wir am gleichen Ort bleiben. Und sie wirft uns zurück in unserem Jahresablauf", so Roenneberg. Nicht nur das: Des Menschen Fähigkeit, sich auf den Wechsel der Jahreszeiten umzustellen, würde durch diese Intervention schlicht gestoppt und bliebe so lange angehalten, bis die Uhren im Herbst wieder zurückgestellt werden.

"Die Sommer-Zeitumstellung ist nichts anderes als der kollektive Beschluss, eine Stunde früher zu arbeiten. Am Abend ist es ja nicht länger hell, sondern wir verlassen nur früher das Büro", so Roenneberg in seinem Buch "Wie wir ticken". Der kollektive Beschluss hat unterschiedliche Auswirkungen. Denn wie unsere innere Uhr tickt, liegt in den Genen - wie sehr wir darunter leiden, eine Stunde früher aufzustehen, also auch. Chronobiologisch gesehen besteht die Menschheit aus "Eulen" und "Lerchen" - Spätmenschen und Frühmenschen, mit hunderten Abstufungen dazwischen. Ob jemand Spät- oder Frühmensch ist, hängt vom Tempo der inneren Uhr ab, die langsamer tickt als der 24h-Rhythmus. Denn der Körper muss das Startsignal der Sonne abwarten, um seine Tagesfunktionen aufzunehmen, etwa jene der Hormonausschüttung oder Stressbewältigung.

Je näher die Innenuhr eines Menschen am 24-Stunden-Rhythmus liegt, desto leichter fällt es ihm, früh aufstehen. Frühtypen brauchen nur einen geringeren Lichtreiz, um das Signal zum Aufwachen zu empfangen. Je langsamer die innere Uhr, desto später muss sie sich dem Sonnenaufgang stellen und desto mehr Lichtreiz ist notwendig.

Allerdings verschiebt sich die innere Uhr im Laufe des Lebens. So tun sich Kinder ab dem Alter von acht oder neun Jahren schwerer dabei, um acht Uhr Früh in der Schule zu sein, und als Teenager werden die meisten Menschen vorübergehend zu Eulen.

Doch wie schafft es der Körper, sich nach dem Licht zu richten? Als Dirigent des inneren Zeitgebers gilt ein Nervenbündel im Gehirn, so groß wie ein Reiskorn, mit dem Namen "Suprachiasmatischer Nukleus" (SCN). Die Nervenleitungen von den Augen laufen über den SCN bis zu einem weiteren Aktionszentrum des Gehirns, der Zirbeldrüse. Sie ist Produktionsstätte des Hormons Melatonin. Es regelt das körpereigene Signal für Dunkelheit und den Schlaf-Wach-Wechsel. "Mit zunehmendem Alter verlieren wir die Fähigkeit, ein Melatonin-Signal zu produzieren. Deswegen schlafen viele alte Menschen auch nur drei bis vier Stunden", sagt Fauteck. Und tun sich schwerer als Junge bei der Zeitumstellung.

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Die Sommerzeit wurde erstmals 1907 vom Briten William Willer als "Daylight Saving Time" vorgeschlagen. Die Deutschen setzten die Idee im Ersten Weltkrieg um, die Briten folgten. Die Nationalsozialisten führten die Zeitumstellung 1940 erneut ein. In der Siebzigerjahren zwang die Ölkrise zum Energiesparen und man drehte die Uhren im Sommer nach vorne. Seit 1996 ist

eine siebenmonatige Sommerzeit EU-weit verbindlich. Global

stellen 1,6 Milliarden Menschen die Uhr um, vor allem in westlichen Ländern und Russland.

In Russland galten elf Zeitzonen lange als Symbol der Macht im größten Land der Erde. Nun aber macht Kremlchef Dmitri Medwedew Ernst mit seiner umstrittenen Idee, die Uhren neu zu stellen. Wenn Russland am Sonntag auf Sommerzeit umschwenkt, reduziert sich die Zahl der Zeitzonen erstmals von elf auf neun.

Der Präsident sieht den Zeitunterschied zwischen Kaliningrad an der Ostsee und der Pazifik-Halbinsel Kamtschatka als Hindernis bei seinen Plänen, das Land zu modernisieren. Deshalb prüfen Wissenschafter, ob und wo weitere Zeitzonen fallen können. Weil viele Russen über Gesundheitsprobleme durch die Umstellung klagen, denkt Moskau auch über ein Ende der Sommerzeit nach. Experten betonten, dass der Energiespareffekt gering sei. Mehr Energie lasse sich sparen, wenn Gas- und Ölreserven effektiver eingesetzt und Gebäude besser isoliert würden.