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Mini-Wachstum, Maxi-Wirkung

Von Reinhard Göweil

Politik
Yale-Professor John E. Roemer plädiert für Umverteilung.

Um den Klimawandel zu beherrschen, soll Wachstum reduziert werden.


Alpbach. Die Bekämpfung der materiellen Ungleichheit von Gesellschaften könnte mithelfen, den Klimawandel zu stoppen. Diese erstaunliche These vertritt der US-Ökonom und Yale-Professor John E. Roemer. Bei einem Vortrag beim Europäischen Forum Alpbach präsentierte Roemer erschreckende Zahlen - und diese These. Sein Credo: Um den globalen Schadstoff-Ausstoß zu stabilisieren, muss das Wachstum in den kommenden Jahrzehnten auf jährlich ein Prozent reduziert werden. Sein Modell geht davon aus, dass ein ungebremster CO2-
Ausstoß 2050 die Erde um durchschnittlich bis zu fünf Grad Celsius aufheizen könnte, der Meeresspiegel könnte um zehn Meter steigen. "Bangladesch liegt auf zwölf Meter, insgesamt müssten in Südostasien hunderte Millionen Menschen flüchten", sagte Roemer.

Um den Temperaturanstieg zu verhindern, müsste der weltweite CO2-Ausstoß auf 18 Milliarden Tonnen reduziert werden - von jetzt mehr als 35 Milliarden Tonnen. Also will Roemer das Wachstum bremsen - und gleichzeitig mit massiven steuerlichen Eingriffen umverteilen. "Zwischen 1986 und 2012 lag in den USA der Wohlstandszuwachs für die unteren 90 Prozent der Bevölkerung bei durchschnittlich 0,1 Prozent pro Jahr. Das reichste Prozent dagegen konnte sich an plus 3,9 Prozent jährlich freuen. Roemer: "0,01 Prozent der Amerikaner, das sind 16.000 Familien, vereinen 11,2 Prozent des Reichtums auf sich."

Klimawandel steht politischauf dem Abstellgleis

Seine Schlussfolgerung: Die Begrenzung des Wachstums auf ein Prozent wäre für Millionen Amerikaner eine deutliche Verbesserung - und würde das Klima schützen. Roemer gibt aber zu, dass dies politisch so gut wie unmöglich ist. "Eben deswegen behaupten die Republikaner, dass es den Klimawandel nicht gibt, weil sie ihre reiche Klientel beschützen wollen."

Der Klimawandel ist indes auch in Europa kein vordringliches Thema. Im Vorfeld der Klimakonferenz in Paris gibt es recht wenig Bewegung bei den Verhandlungen. Die Sorgen am Arbeitsmarkt dämpfen die Lust europäischer Politiker gewaltig, den Kohlendioxid-Ausstoß deutlich zu senken. Roemer: "China und die USA sind die größten Emittenten, sie müssen beim Klimaschutz kooperieren." Der US-Ökonom rechnet freilich nicht wirklich damit. Die Begrenzung des Wachstums in den reichen Industrienationen würde allerdings China aufholen lassen. Nach seinem Modell könnte 2048 ein Gleichstand der Wohlstandsverteilung erreicht werden, danach wäre es leichter, Klimaschutz-Vereinbarungen zu treffen. Derzeit gibt es vonseiten Chinas wenig Engagement, da die Anhebung des Lebensstandards absolute Priorität hat. Die Explosion eines Chemikalien-Lagers in Tjianjin hat allerdings gezeigt, dass die chinesische Bevölkerung viel stärker als früher auf Umweltaspekte achtet.

Für die USA fordert Roemer eine hohe Besteuerung des Benzinpreises, was den Preis verdreifachen würde. 75 Jahre lang sollte das recht planwirtschaftlich angelegte Modell halten - um die Welt zu retten. Roemer, der sich auch mit Marxismus beschäftigt, sieht darin die einzige Chance, die Klimaziele zu erreichen. "Die USA müssten sonst 2050 bei einem bis dahin etwa 30-prozentigen Bevölkerungswachstum die CO2-Emissionen um 90 Prozent reduzieren."

In einer vom Markt betriebenen Gesellschaft sei dies nicht möglich. Wobei Roemer allerdings in die Wohlstandsentwicklung nicht nur materiellen Fortschritt einrechnet. Ausbildung, erworbenes Wissen, Freizeit und die Biosphäre gehören für ihn ebenso dazu. "Ausbildung ist nicht nur der Erwerb von beruflichen Fertigkeiten, es geht auch um Bildung, die unser Leben bereichern", sagte Roemer.

Globale Gesellschaft drohtsich zu zerstören

Eine so breite Wohlstandsberechnung würde die Welt von rein materiellen Betrachtungen wegbringen. Das sei gut für das Klima, so seine These. Eine Alternative dazu gäbe es ohnehin nicht, meint er. Denn die Folgen einer gescheiterten Umweltschutzpolitik würde "die globale Gesellschaft zerstören". Dieser Befund stammt nicht von Roemer, sondern auch von anderen Klimaexperten.

Und dann würden sich wohl auch Fragen erledigen, ob Ungleichheit Auswirkungen aufs Klima hat. . .