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Minimalisten am Werk

Von Christoph Rella

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Christoph Rella ist Sport-Redakteur bei der "Wiener Zeitung".

Österreichs Nationalteam hatte beim 0:0 gegen Portugal vor allem eines: Glück.


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Da war er wieder. Der ungläubige Gesichtsausdruck, den man schon beim ersten Gruppenspiel gegen Island bei Portugals Superstar Cristiano Ronaldo gesehen hatte. Eine Mischung aus staunendem Lächeln und entsetztem Stöhnen.

Wenn es einen Verlierer am Samstagabend im Pariser Parc des Princes gegeben hat, dann ihn. Dass er den Elfmeter, der noch dazu mehr als berechtigt war, versemmelte, indem er das Leder gegen die Stange drückte, ist nicht der einzige Vorwurf, den man dem Real-Star machen muss. Wer so viele Torchancen vorfindet, diese aber nicht nutzt – und wenn, prompt ins Abseits läuft –, darf sich nicht über das fassungslose Schweigen der Anhänger wundern. So still war es in der mit Portugiesen vollgestopften U-Bahnlinie 9, die das Prinzenparkstadion mit dem Stadtzentrum verbindet, nach einem Match wohl noch nie.

Was aber jetzt nicht bedeuten soll, dass die Leistung der Österreicher besser war. Sie war nicht einmal gut. Mit Ausnahme von Goalie Robert Almer versteht sich – der Mann des Spiels, wenn man so will. Er war Lusitaniens Alptraum, die Paraden, mit denen er seinen Kasten 90 Minuten lang sauber hielt, waren aber schon das einzige, das man auf österreichischer Seite anschreiben kann. Während die Verteidigung, wenn auch mit einer großen Portion Glück, im Gegensatz zum Ungarnspiel halbwegs funktioniert hat, so ging dafür vorne so gut wie gar nichts.

Die Erwartungen, die man in die neu bestellten Sturmspitzen Martin Harnik, Marcel Sabitzer und David Alaba gesetzt hatte, erfüllten sich nicht. Dass der gute Alaba bei seiner Auswechslung nach gut einer Stunde schmollte und Coach Marcel Koller zuerst gar nicht die Hand zum Abklatschen reichen wollte, war unangebracht. Wenn nur 50 Prozent der Pässe ankommen, was soll er da auch noch?

Das gilt übrigens auch für seine Teamkollegen.
Was man dem Bayern-Star wie auch der ganzen Nationalelf zugutehalten muss, ist ihr Laufpensum, das bemühte Pressing und die Tatsache, dass man auch die Nervosität abgelegt hat. Freilich, etwas mehr Mut hätte auch geholfen: Es fehlten die Pässe in die Tiefe, bisweilen die Konzentration und auch die Ideen. Man nehme nur die nahezu inflationären Rückpässe zu Almer als Beispiel. Anstatt das Spiel, wie es sich gehört, aufzubauen und die offenen Räume zu nutzen, drängte man den Torwart dazu, die Kugel ins Nirwana zu knallen. Da muss es doch andere Wege geben, auch wenn die Müdigkeit obsiegt. Und die war offensichtlich, angesichts der Bälle, die man geruhsam ins Out rollen ließ. Zumindest hätte das Nützen des einen oder anderen Momentums mehr Eindruck gemacht, als die taktischen Fouls, welche die Österreicher regelmäßig vor einem Rückstand bewahrten. Die gelben Karten sprachen da ja eine klare Sprache, und man muss sich über die Milde des italienischen Referees fast wundern. Auch dass er nur drei Minuten nachspielen ließ, war ein Geschenk.

Also, was bleibt von diesem zweiten Gruppenspiel? Dass Österreich zwar bisher eine minimale Leistung gezeigt hat, aber durchaus noch die Chance hat, das Maximale, nämlich die Qualifikation für die K.o.-Phase – einen Sieg gegen die Isländer vorausgesetzt –, herauszuholen. Verdient wäre das vielleicht nicht. Aber es soll sein. Allein schon der österreichischen Fans wegen, die beim Portugal-Spiel wirklich wie der zwölfte Mann hinter der Koller-Elf standen. Ihre Gesänge klingen, ganz im Gegensatz zu den eher archaischen Portugal-Rufen der gegnerischen Fans, jetzt noch nach. Man will ihre Lieder öfters hören.