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Minuten, die die Welt veränderten

Von Georg Friesenbichler

Politik

Gedenken in Vorwahlzeiten. | Zweifel am "Krieg gegen den Terror". | Der 11. September ist seit dem Jahr 2001 für die US-Amerikaner ein Trauertag. Der heurige fünfte Jahrestag des größten und folgenschwersten Terroranschlags der Geschichte beinhaltet allerdings mehr als das Gedenken an die 2992 Menschen, die dabei umgekommen sind - vor allem für US-Präsident George W. Bush. Bei den Mid-Term-Wahlen zu beiden Häusern des Kongresses im November wird auch sein seither eingeschlagener Weg des "Kampfes gegen den Terror" mitzubewerten sein.


Bis zu jenem Tag, als Bush bei einem Schulbesuch in Florida die Nachricht von den Angriffen ins Ohr geflüstert wurde, hatte vieles auf eine konservative Regierungspolitik hingedeutet, die sich vor allem auf die Innenpolitik konzentrieren wollte. Aber acht Monate nach dem Amtsantritt von Bush machten wenige Minuten alles anders: Islamistische Terroristen brachten vor dem Aufprall in die beiden Türme des World Trade Centers (WTC) die entführten Verkehrsflugzeuge in Schräglage, um einen möglichst großen Schaden anzurichten.

Mit dem Einsturz der Türme hat angeblich nicht einmal Auftraggeber Osama bin Laden, Kopf der Terrororganisation Al Kaida, gerechnet. Ins Kalkül eines Kampfes zwischen dem Islam und dem Westen passte aber wohl die Reaktion der USA. Als Bush kurz nach den Anschlägen zu einem "Kreuzzug" gegen den Terror aufrief, verfiel er genau in die Rhetorik Bin Ladens, der schon 1998 zum Kampf gegen Zionisten und Kreuzzügler aufgerufen hatte.

Von der Solidarität...

Zunächst war es freilich nur Afghanistan, Stützpunkt der Al Kaida und der Taliban, das von der Vergeltung getroffen wurden. Die schrecklichen Live-Fernsehbilder von den Menschen, die aus dem brennenden WTC sprangen, und vom folgenden Einsturz der Twin Towers sorgten nicht nur in den USA selbst für eine Welle der Solidarität. Der zwar völkerrechtlich umstrittene Krieg gegen Afghanistan, mit dem nach nur zwei Monaten die radikal-islamistische Taliban-Regierung hinweggefegt wurde, wurde von westlichen wie auch muslimischen Staaten unterstützt.

Der breite Konsens war freilich dahin, als die USA gegen den Irak ins Feld ziehen wollten. Deutschland, dass sich trotz Querelen in der rot-grünen Koalition der internationalen Afghanistan-Schutztruppe angeschlossen hatte, votierte klar gegen den Krieg, ebenso Frankreich. Europa war in seiner Haltung gespalten, die Beziehungen zu den USA blieben, auch wegen Menschenrechtsverletzungen im Anti-Terror-Kampf, nachhaltig gestört.

Das internationale Misstrauen gegenüber den Amerikanern vertiefte sich, als klar wurde, dass die Beweise zu Massenvernichtungswaffen und Al-Kaida-Verbindungen von Saddam Hussein, die den Krieg begründen sollten, falsch waren. All diese Umstände nährten nicht nur bei islamischen Staaten den Verdacht, dass Bush mit seinem deklarierten Ziel, gegen Tyrannei und für Demokratie zu kämpfen, nur den Willen verschleiert, der Welt den amerikanischen Weg aufzuzwingen.

...zum Solo-Weg

Aber auch viele Amerikaner selbst zweifeln zunehmend, ob ihr Präsident den richtigen Kurs steuert. In der Innenpolitik sehen Bürgerrechtler zu viele bürgerliche Freiheiten zugunsten der Sicherheit geopfert. Im Süden Afghanistans liefern die wieder erstarkten Taliban den Nato-Truppen heftige Kämpfe. Der internationale Terrorismus hat zwar in den USA noch nicht wieder zugeschlagen, dafür sonst in allen Erdteilen (siehe Kasten). Osama bin Laden, Drahtzieher des 11. September, ist nicht gefasst.

Ungewiss ist, ob er bei neuen Attentatsplänen noch eine Rolle spielt, er liefert aber Handlungsvorbilder für radikale Moslems weltweit. Zur "wichtigsten Front" der Al Kaida ist der Irak geworden, wie Bush kürzlich versicherte, um den Verbleib der US-Truppen in dem Land zu begründen. Paradoxerweise hat aber erst der Einmarsch der Amerikaner aus dem Irak des säkularen Diktators Saddam ein Zentrum des religiös motivierten Terrorismus gemacht.

Schlimmer noch für die USA: Der Irak-Krieg hat die eigene Nation, die sich nach den Terror-Attacken in New York und auf das Pentagon in Washington im Patriotismus vereint hatte, tief gespalten. Die Vorgangsweise des kleinen Zirkels um Bush, der wichtige Entscheidungen im Alleingang getroffen hat, hat auch Teile der Republikanischen Partei gegen die Regierung aufgebracht.

Die Wahlkampfstrategen um Karl Rove sehen allerdings keine Alternative, als den eingeschlagenen Weg zu verteidigen und seine Fortsetzung zu verkünden. Jüngstes Beispiel: In seiner Rede vor Angehörigen der Opfer der Anschläge auf das WTC, mit der er erstmals die Existenz von CIA-Geheimgefängnissen zugegeben hat, bezeichnete Bush diese Lager als notwendig. Die Gefangenen, unter ihnen angebliche Drahtzieher des 11. September, würden dort "hart" befragt, aber nicht gefoltert.

Ob diese Strategie bei den Wählern verfängt, ist fraglich. Laut jüngsten Umfragen halten ein Drittel der Amerikaner einen Sieg gegen den Terrorismus für unmöglich. Die Terrorangst ist ebenso wie in Europa weiter gestiegen. Am 7. November wird gewählt.

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Das Trauma ist noch immer präsentDie Freiheit aus der AscheÜber sechs Jahre Bush und Verschwörungstheorien zum 11. September: Morgen mehr im "extra".

+++ Schwere Anschläge seit 2001

Trotz des "Krieges gegen den Terrorismus" kam und kommt es immer wieder zu weiteren Anschlägen. Nachfolgend eine Chronologie der folgenschwersten Ereignisse (ohne Anschläge im Irak) :

11. April 2002: Auf der tunesischen Ferieninsel Djerba kommen bei einem Anschlag vor einer Synagoge 21 Menschen ums Leben, darunter 14 deutsche Urlauber.

14. Juni: Ein Selbstmordattentäter reißt vor dem US-Konsulat in der pakistanischen Hafenstadt Karachi 14 Menschen mit in den Tod.

12. Oktober: Bei Bombenanschlägen auf Nachtclubs der indonesischen Insel Bali kommen 202 Menschen um, vor allem ausländische Touristen.

28. November: Drei Selbstmordattentäter töten in Kenia 14 Menschen in einem Hotel bei Mombasa. Zugleich wird ein israelisches Charterflugzeug nach dem Start in Mombasa mit Raketen beschossen, die ihr Ziel jedoch verfehlen.

12. Mai 2003: Bei Anschlägen auf überwiegend von Ausländern bewohnte Gebäude in der saudiarabischen Hauptstadt Riad kommen 35 Menschen ums Leben, darunter neun Attentäter.

16. Mai: Bei einer Anschlagsserie in der marokkanischen Hafenstadt Casablanca werden mehr als 40 Menschen getötet, darunter zwölf Attentäter.

15. November: Zwei Selbstmordattentäter reißen bei Anschlägen auf zwei Synagogen in Istanbul 23 Menschen mit in den Tod.

20. November: Bei Bombenanschlägen auf das britische Konsulat und eine britische Bank in Istanbul werden mindestens 30 Menschen getötet, darunter auch der britische Generalkonsul Roger Short.

11. März 2004: Bei einer Serie von Bombenanschlägen auf Nahverkehrszüge in Madrid sterben fast 200 Menschen.

9. September: Vor der australischen Botschaft in Jakarta explodiert eine Autobombe. Elf Tote.

7. Oktober: Militante Islamisten zünden in den ägyptischen Badeorten Taba und Ras Shitan mehrere Autobomben, 34 Menschen werden dabei getötet.

7. Juli 2005: Bei Anschlägen auf drei U-Bahnlinien und einen Bus sterben in London 52 Pendler und vier Attentäter.

23. Juli: Bei einer Serie von Bombenanschlägen im ägyptischen Seebad Sharm el Sheikh am Roten Meer werden mindestens 64 Menschen getötet.

1. Oktober: Mehreren Bombenexplosionen auf der Ferieninsel Bali fallen mindestens 22 Menschen zum Opfer.

29. Oktober 2005: Drei Bomben explodieren auf Märkten in Neu-Delhi am Vortag eines hinduistischen Feiertages. 62 Menschen werden getötet.

9. November: Bei Selbstmordanschlägen in der jordanischen Hauptstadt Amman kommen mindestens 57 Menschen ums Leben.

11. Juli 2006: In sieben Vorortzügen in Bombay explodieren Bomben, fast 200 Menschen kommen ums Leben.