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"Mir scheint, es fehlt wer"

Von Daniel Bischof

Judolegende Seisenbacher wird sexueller Missbrauch vorgeworfen - zum Prozessauftakt erschien er nicht.


Wien. Eigentlich hätte ein prominenter Mann am Montag im Großen Schwurgerichtssaal des Straflandesgerichts Wien auf der Anklagebank Platz nehmen sollen. Doch als Richter Christoph Bauer mit dem Senat in den Gerichtssaal schreitet, erblickt er keinen prominenten Mann. Nur ein leerer Sessel steht vor dem Zeugenpult. "Mir scheint, es fehlt wer", sagt er. Gemurmel und Rätselraten auf den Zuschauerbänken. "Ohne den Angeklagten tun wir uns a bissl schwer", meint Bauer. "Zur Ausforschung und Stelligmachung des Angeklagten" vertagt er die Verhandlung auf unbestimmte Zeit.

Peter Seisenbacher, Judolegende, zweifacher Olympia-Goldmedaillengewinner, Träger des Golden Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, war zum Auftakt des gegen ihn geführten Strafverfahrens einfach nicht erschienen. Die Staatsanwaltschaft Wien legt ihm unter anderem das Verbrechen des schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen zur Last. Bei einer Verurteilung droht ihm eine ein- bis zehnjährige Haftstrafe.

"Vielleicht ist er krank"

Ob sich der Judoka überhaupt in Wien befindet, konnte bisher nicht eruiert werden. Seisenbacher ist derzeit Trainer der aserbaidschanischen Judo-Herren-Nationalmannschaft. Selbst sein Verteidiger, Bernhard Lehofer, konnte sich die Abwesenheit seines Mandanten nicht erklären. "Vielleicht hat er den Flieger versäumt, vielleicht ist er krank", spekulierte der überraschte Lehofer. Mit Seisenbacher hatte er vor "einigen Tagen" das letzte Mal Kontakt. Telefonisch war der Olympiasieger nicht zu erreichen.

Über das weitere Vorgehen hat nun die Staatsanwaltschaft Wien zu entscheiden. Sie könnte etwa eine Festnahmeanordnung und einen Europäischen Haftbefehl gegen Seisenbacher erlassen und seine Fahndung zur Festnahme zwecks Auslieferung veranlassen. Sowohl Österreich als auch Aserbaidschan sind Vertragsparteien des Europäischen Auslieferungsübereinkommmens.

"Über eine Auslieferung würden die aserbaidschanischen Behörden entscheiden", heißt es auf Nachfrage der "Wiener Zeitung" aus dem Justizministerium. Auslieferungen nach und von Aserbaidschan hätte es durchaus schon gegeben. "Es sind wenige Fälle. Aber es hat geklappt." Besondere Probleme bei Auslieferungen von Aserbaidschan nach Österreich seien keine bekannt.

Auch könne Seisenbacher auf Grundlage eines Europäischen Haftbefehls unter anderem in einem EU-Land festgenommen werden - etwa, wenn er sich im Rahmen seiner Trainertätigkeit zu einem Turnier begebe. So finden die Judo-Weltmeisterschaften 2017 beispielsweise in Budapest statt. Ob Seisenbacher es tatsächlich auf einen Haftbefehl ankommen lässt, bleibt deshalb abzuwarten. Außerdem lebt Seisenbachers Mutter, zu der er ein enges Verhältnis haben soll, in Wien.

Mehrere Vorwürfe

Seisenbacher hatte bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles in der Judo-Gewichtsklasse bis 86 kg Gold geholt. 1988 wiederholte er seinen Erfolg in Seoul. Zuvor war dies keinem Judoka vor ihm gelungen. Nachdem er 1989 seine aktive Laufbahn beendete, fing er als Judo-Trainer eine neue Karriere an.

Laut Anklage soll Seisenbacher im Zuge seiner Trainertätigkeit mehrere von ihm betreute Mädchen missbraucht haben. Mit einem elfjährigen Mädchen soll es von 1999 an zu sexuellen Handlungen gekommen sein. 2004 soll er ein weiteres, 13-jähriges Mädchen missbraucht haben. Diese beiden Anklagevorwürfe werden von der Staatsanwaltschaft Wien als schwerer sexueller Missbrauch einer Unmündigen qualifiziert. 2001 soll Seisenbacher zudem versucht haben, sich einer 16-Jährigen anzunähern. Sie soll seinen Versuch abgewehrt haben. Wegen dieses Vorwurfs ist Seisenbacher wegen des Missbrauchs eines Autoritätsverhältnisses angeklagt. Bisher hat sich Seisenbacher zu den Vorwürfen nicht öffentlich geäußert.