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Mission Dreierkette

Von Alex Belinger

Analysen

Analyse: Damir Canadis Umstellung auf eine Dreier- beziehungsweise Fünferkette brachte bisher noch wenig Erfolg. Doch er nützt ein System, das Zeit braucht und international immer beliebter wird.


Wien. Der erhoffte Trainereffekt bei Rapid ist ausgeblieben. Zwar gab es am Samstag den ersten Sieg unter Damir Canadi - 1:0 gegen St. Pölten -, doch zuvor erreichte Rapid in den ersten vier Spielen unter ihrem neuen Trainer nur einen einzigen Punkt, gegen Tabellenschlusslicht Mattersburg. Der anvisierte Meistertitel rückte bereits in schier unerreichbare Ferne, aus der "Mission 33" wird wohl auch heuer wieder nichts. Stattdessen muss sich die Mannschaft nun an Canadis neues Spielsystem mit Dreier- beziehungsweise Fünferkette gewöhnen, um aus dieser Saison noch das Maximum rauszuholen.

Solch ein System praktizierte Canadi bereits mit Altach sehr erfolgreich, bei Rapid hatte er aber bisher kaum Zeit, um es detailliert einzustudieren. Nach nur eineinhalb Trainingseinheiten, in denen die neue Formation eingeübt wurde, ist sie im Europa-League-Spiel gegen Genk erstmals ausprobiert worden. Durch das enge Programm mit zuletzt zwei englischen Wochen blieb aber kaum Zeit, um im Training vernünftig daran zu arbeiten. Die Regeneration der Spieler steht im Vordergrund.

Ball nach vorne bei Gegendruck

Die Umstellung auf eine Dreier- beziehungsweise Fünferkette ist grundsätzlich sehr interessant, und aufgrund der derzeit schwierigen Situation sollte man diese neue Formation von Rapid nicht voreilig negativ bewerten. Eine spezielle Grundformation bringt zwar stets gewisse Vor- und Nachteile mit sich, der Erfolg ist aber üblicherweise von deren Umsetzung und Interpretation abhängig. Im österreichischen Fußball bekommt man eine Dreier-/Fünferkette nur selten zu sehen - jahrelang war Paul Gludovatz der einzige Trainer, der darauf setzte. Aktuell wird diese aber sehr erfolgreich in Vorarlberg eingesetzt, von Austria Lustenau in der zweiten und Canadis Altach in der ersten Spielklasse. Beide Teams setzen üblicherweise auf eine mannorientierte Fünferkette, welche im Spiel mit Ball zu einer Dreierkette wird. Im Spiel mit Ball nutzte Rapid seit geraumer Zeit eine Dreierkette, diese wurde allerdings durch das sogenannte Abkippen eines Mittelfeldspielers hergestellt. Dadurch erhöht sich die Präsenz im Spielaufbau, und der Mannschaft ergeben sich mehr und bessere Möglichkeiten den Ball auch unter Gegnerdruck nach vorne zu bringen. Das Verteidigungsspiel unterscheidet sich dabei jedoch erheblich.

International gab es in den vergangenen Jahren bereits immer mehr Teams, die auf ein System mit einer Dreierkette setzten. In Italien wird die Dreierkette bereits seit einiger Zeit häufig verwendet, in Deutschland wird sie von Erfolgstrainern wie Thomas Tuchel bei Dortmund oder Julian Nagelsmann bei Hoffenheim genutzt - und auch in England kommt sie seit dieser Saison vermehrt zum Einsatz. Die Dreierkette stellt damit immer mehr eine Alternative zur Viererkette dar, welche lange Zeit als das Nonplusultra für das Defensivspiel im Fußball galt und auch heute noch von Verbänden und Vereinen als absoluter Standard gelehrt wird.

Bei der Abkehr einer solch dogmatischen Nutzung der Viererkette gibt es verschiedene Möglichkeiten: Eine reine Dreierkette bei gegnerischem Ballbesitz wird von fast niemandem gespielt - häufiger ist eine Fünferkette oder eine pendelnde Viererkette. Bei dieser verschieben die fünf Verteidiger so zum Ball, dass durch das Herausrücken des ballnahen Flügelverteidigers ins Mittelfeld beispielsweise aus einem 5-3-2 ein 4-4-2 entsteht. Dies perfektionierte etwa Antonio Conte in seiner Zeit bei Juventus. Bei einer Fünferkette können Verteidiger hingegen entweder generell flexibel aus der Abwehr herausrücken oder die Mittelfeldspieler übernehmen mehr Arbeit und verschieben stets zu den Flügeln.

Diese Abläufe haben gegenüber dem Spiel mit einer Viererkette verschiedene Vor- und Nachteile. Durch das Spiel mit fünf Verteidigern ist das strategisch wichtige Zentrum mit gleich drei Innenverteidigern deutlich besser gesichert. Da mit einem Verteidiger mehr gespielt wird, kann in der Abwehrlinie auch die Breite besser verteidigt werden, ohne dass dies mit Lücken und mehr Laufarbeit verbunden ist. Zudem kann mit einer Fünferkette leichter mannorientiert verteidigt werden, da weniger Lücken entstehen und es eine bessere Absicherung in der Verteidigung gibt.

Perfektionierung braucht Zeit

Dies ist besonders interessant, da es international derzeit wieder zu mehr Mannorientierungen kommt und weniger in Bezug auf Raum verteidigt wird. Dies ist als Verteidigungsvariante etwas leichter einzustudieren, kann in einer Viererabwehr aber zu großen Löchern führen. Die erhöhte defensive Stabilität einer Fünferkette kann jedoch auch dazu führen, dass eine Mannschaft zu tief steht und Probleme im Pressing hat, da zu wenig Druck auf den Ball ausgeübt wird. Dies war etwa beim Spiel von Rapid gegen Genk der Fall. Insgesamt bringt das Spiel mit einer Dreier-/Fünferkette allerdings viele positive Aspekte, und Rapid nutzt damit ein System, welches international immer beliebter wird. Canadis Umstellung wird aber noch Zeit brauchen, um seine volle Wirkung zu entfalten - und daher sollte man nicht zu früh übertrieben kritisch werden. Auch Altach hat dieses System nicht von einen Tag auf den anderen gelernt, konnte damit aber nach einiger Zeit in allen Phasen des Spiels guten Fußball zeigen.