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Missverstandene Botschaft

Von Stefan Janny

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Dass die Europäische Zentralbank diese Woche den Leitzinssatz um einen Viertelprozentpunkt angehoben hat, war eine ebenso geringe Überraschung wie die heimischen Reaktionen: Eine allenfalls auf den ersten Blick verblüffende Koalition aus Wirtschafts- und Arbeiterkammer, aus linken Ökonomen, FPÖ und Grünen verurteilte die EZB-Maßnahme. Höhere Zinsen schädigten die Wirtschaft, trieben den Euro gegenüber dem Dollar weiter in die Höhe, dämpften die Konjunktur und belasteten vor allem die Arbeitnehmer, so der bloß in seiner Gewichtung leicht variierende Tenor der Kritiker.


Doch was war die Reaktion an den Finanzmärkten? Die Aktienkurse fielen nicht, wie das bei einer Zinserhöhung normalerweise erwartbar wäre, sondern sie legten quer über den Kontinent deutlich zu. Und der Euro wurde gegenüber dem Dollar nicht stärker, sondern verlor merklich an Wert.

Denn die tatsächliche Botschaft, die EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag in Frankfurt kundtat, war nicht jene, den Leitzins erstmals seit mehr als einem Jahr leicht anzuheben. Diese Absicht und auch das Ausmaß von 0,25 Prozentpunkten hatte die EZB wie üblich seit vielen Wochen mit ziemlich unmissverständlichen Andeutungen und Hinweisen kommuniziert. Und sie war an den Finanz- und Devisenmärkten längst eingepreist.

Die eigentliche Überraschung war, dass Trichet zu erkennen gab, dass eine weitere Zinserhöhung in naher Zukunft eher unwahrscheinlich ist. Was angesichts des EZB-Ziels, die Inflation im Euro-Raum in der Größenordnung von zwei Prozent zu halten, und einer Juni-Inflationsrate, die mit vier Prozent etwa doppelt so hoch ist, nicht wenige Analysten verblüfft hat. Weswegen der Euro dann auch gefallen und nicht gestiegen ist. Die Europäische Zentralbank kämpft also angesichts europaweit schwächelnder Konjunktur in Wahrheit erheblich weniger forsch gegen die Inflation, als ihr vielfach unterstellt wird. Dieses vergleichsweise schaumgebremste Vorgehen kann durchaus kontroversiell diskutiert werden. Faktum ist jedoch, dass die heimischen EZB-Kritiker die aktuelle Zinsbotschaft schlichtweg nicht verstanden haben.