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Mit Bauchweh über die deutsche Grenze

Von Martyna Czarnowska

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Jedesmal, wenn Hassan auf einem deutschen Flughafen ankommt, krampft sich sein Magen zusammen. Er weiß, was gleich passieren wird. Der Zöllner wird seinen Pass nehmen, Seite für Seite durchblättern, das Foto genau betrachten, dann Hassans Gesicht. Er wird den Namen in einen Computer eintippen, dann nochmals den Pass anschauen und ihn mit Zögern zurückgeben. Er kann auch fragen, was Hassan überhaupt in Deutschland will. "Ich will euch jedenfalls nicht eure Jobs wegnehmen", würde Hassan dann am liebsten antworten. "Ich habe Arbeit in Ankara." Stattdessen sagt er aber, dass er auf Besuch nach Deutschland komme.


Hassan ist 33 Jahre alt, ein großgewachsener, schlanker Türke, mit bereits graumeliertem dichtem schwarzem Haar und einem akkurat gestutzten Bärtchen. Der Pilot und Fluglehrer spricht fließend Englisch, Deutsch nur wenig. Doch wenn er von seinen zwei kleinen Töchtern erzählt, sagt er akzentfrei "meine Mädchen". Und als eine von ihnen seine Frisur mit den Worten: "Papa, du hast ein Vogelnest auf dem Kopf" beanstandet hat, hat er es auch verstanden.

Hassans Töchter wachsen mit Türkisch und mit Deutsch auf. Seine Frau ist Vorarlbergerin, hat in Istanbul studiert und vor zwei Jahren eine Stelle in einer Schule nahe Freiburg angenommen. Sie unterrichtet dort auf Türkisch und Deutsch. Regelmäßig besucht Hassan seine Familie in Deutschland - und wird regelmäßig von Zöllnern misstrauisch beäugt.

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Mehr als drei Millionen Türken leben bereits seit Jahren in der Europäischen Union. An die 2,5 Millionen sind es in Deutschland, in Österreich geschätzte 200.000. Knapp eine Million bulgarischer Türken sind vor zwei Tagen mit dem EU-Beitritt des Balkanstaates hinzugekommen: Die Volksgruppe lebt seit Jahrhunderten in Bulgarien und stellt dort die größte Minderheit.

"Hauptsache, sie kommen nicht zu uns", kommentiert daraufhin so mancher Österreicher. Ungeachtet der Tatsache, dass noch vor dreißig, vierzig Jahren tausende türkische Gastarbeiter mit Bussen nach Österreich gekarrt wurden, weil ihre Arbeitskraft gebraucht wurde. Ungeachtet der Beliebtheit der Türkei als Urlaubsland, wo jährlich an die 400.000 Österreicher hinfahren. Einem EU-Beitritt der Türkei stehen aber nur mehr fünf Prozent der Österreicher positiv gegenüber - auch wenn das Land von einer möglichen Mitgliedschaft in der Union weit entfernt ist.

Hassan glaubt zu wissen, warum seine Landsleute in Österreich - genauso wie in Deutschland - Skepsis auslösen. "Die Türken dort sind in den 70er Jahren stehengeblieben", sagt er. "Sie kamen zum Beispiel aus einem anatolischen Dorf, und leben weiterhin wie in einem anatolischen Dorf", mit ihrer Sprache und ihren Bräuchen. Die Türkei selbst hingegen habe sich rasant weiterentwickelt. Dass es auch in seinem Land große Unterschiede zwischen Ankara - wo auf den Straßen weniger Frauen mit Kopftuch zu sehen sind als in Wien - und den Dörfern im Südosten gebe, lässt Hassan als Gegenargument für einen EU-Beitritt nicht gelten. Schließlich gebe es auch zwischen Nord- und Südeuropa ein Wohlstandsgefälle.

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Hassan macht keinen Hehl daraus, dass er gerne der Europäischen Union beitreten möchte. Aber seine Haltung beginnt sich langsam zu ändern - wie bei vielen seiner Landsleute. Die Anforderungen Brüssels und die teilweise Aussetzung der Beitrittsverhandlungen lassen Unmut in ihm wachsen. "Wir wissen selbst, dass wir noch viel zu erledigen haben", sagt der Mann. Klar müsse die Türkei noch etliche Reformen umsetzen. Doch auch die EU sollte sich auf das Land zubewegen, sie unterstützen und nicht nur ständig den Lehrmeister spielen. Langsam tendiert auch Hassan zu EU-Skepsis.

Damit befindet er sich keineswegs in einer Minderheit. Umfragen zufolge ist mittlerweile nur jeder dritte Türke für einen EU-Beitritt seines Landes. Vor zwei Jahren waren es noch 70 Prozent.