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Mit Café Latte in den Islamismus

Von Petra Ramsauer

Politik

Zwischen Islamismus, Facebook | und trendigen Lokalen.


Kairo. Die Filiale der italienischen Kette "Café Costa" im sündteuren Viertel Mohandessin wurde eher zufällig Treffpunkt dieser Gruppe. In dieser Gegend von Kairo liegen die Quadratmeterpreise von Eigentumswohnungen bei 1800 Euro. Eine stolze Summe in Anbetracht der Tatsache, dass in Ägypten 40 Prozent der Menschen mit weniger als knapp zwei Euro pro Tag auskommen müssen. Entsprechend gut betucht ist auch die Klientel des Lokals. "So wirklich gut kam das anfangs auch nicht an, als wir mit unseren Bärten hierherkamen, um Milchkaffee zu schlürfen", erinnert sich Mohammed Tolba, der Gründer der Gruppe, für deren Namen ihr Treffpunkt Pate stand: "Salafyo Costa".

In dem auf arktische Temperaturen gekühlten Kaffeehaus trifft sich seit den Tagen der "Revolution des 25. Jänner" die etwas bizarre Splittergruppe ägyptischer Salafisten. Statt in modrigen Hinterzimmern oder finsteren Moscheen wird bei Latte Macchiato mit einem Schuss Vanillearoma, "Cesar Salad" und "New York Cheesecake" über die Vorteile der Rückkehr zur 1400 Jahre alten Ordnung des Propheten diskutiert. Es ist ein koketter Flirt mit dem Klischee der, laut Eigendefinition, einzig authentischen revolutionären Gruppe unter den Islamisten.

"Wir haben uns auf dem Tahrir-Platz kennengelernt und versuchen, den Geist von dort zu verkörpern: Einheit, Aufbruch und Suche nach neuen politischen Lösungen", so Mohammed el-Bahrawy, ein Gründungsmitglied. Der 36-Jährige im hellgrünen Poloshirt mit Krokodil-Emblem besitzt ein kleines Internetunternehmen mit sechs Angestellten. Lediglich sein etwas längerer Bart und die Tatsache, dass er Frauen nicht die Hand schüttelt, lassen rasch durchblicken, wie genau er versucht, die Gebote seiner Religion zu befolgen; oder eher seine Version dieser Gebote. Am Puls des 21. Jahrhunderts sei er dennoch: "Wir sind alle bestens ausgebildet, kennen uns mit modernen Technologien aus, sind ehrgeizig, wollen Erfolg haben - und trinken eben gerne guten Kaffee."

Ins Zentrum der Bewegung rückt anstelle der Treffen im Café sukzessive eine Gruppe auf Facebook, in die zirka 20.000 Interessenten eingebunden sind. Dazu hoffe man, bald eine eigene Partei zu gründen, betont Al-Bahrawy. Diese sei dann für alle offen, die so wie die "Salafyo Costa" einen echten Neuanfang für Ägypten suchen.

Auch Christen in

der Salafisten-Gruppe

Als Beweis dafür bringt er zum Gespräch Bassem Victor mit, einen 35-jährigen koptischen Christen und Führungsmitglied der Bewegung. "Wir Christen stellen zehn Prozent der Bevölkerung. Und viele von uns haben Angst", sagt Bassem Victor. "Doch was tun die Christen? Werden sie aktiv? Sie sitzen zu Hause oder in der Kirche und beten, dass sie von den bösen Islamisten verschont werden. Oder sie packen, wenn sie es sich leisten können, die Koffer und gehen ins Ausland." Das sei keine Lösung. Man müsse sich mit dem Neuen, das hier in Ägypten entstehe, auseinandersetzen. "Wir von Salafyo Costa konzentrieren uns auf die 80 Prozent, die wir gemeinsam haben", betont Victor, zunächst überzeugt.

Ein wenig unwohl wird ihm aber bei dem Doppelinterview, als sein Mitstreiter Mohammed al-Bahrawy ein wenig tiefer in sein Glaubensbekenntnis blicken lässt: "Unser Ziel ist es, zur Ordnung der Scharia, des Korans zurückzukehren, zu Gesetzen, wie sie dem Propheten offenbart wurden. Darin unterscheiden wir uns von den Muslimbrüdern, die um jeden Preis an die Macht wollen und dabei die Grundsätze verraten. Politik ist zweitrangig. Wir wollen eine Gesellschaft, die eins zu eins die Werte des Islams spiegelt, wie er ursprünglich gemeint war." - Inklusive archaischer Strafen? - "Sehen Sie", antwortet der Internetexperte mit einem gütigen Lächeln, "wenn einem Dieb die Hand abgehackt wird, weil er stiehlt, aus bloßer Gier, nicht weil seine Kinder hungrig sind, dann verhindern wir Millionen von Diebstählen. Wäre das nicht eine paradiesische Welt, wenn Sie jetzt von Ihrem Kaffeehaustisch aufstehen, die Geldbörse liegen lassen, nach ein paar Minuten zurückkommen könnten - und niemand hätte sie gestohlen?"

Ruf nach Einführung

der Scharia

Die Macchiato- und Facebook-Aficionados der "Salafyo Costa" mögen skurril wirken und so die Zersplitterung dieser Bewegung widerspiegeln, doch ihre erzkonservative Kernbotschaft eint alle Salafisten: eine Bewegung, die für Ägyptens echte große Überraschung bei den ersten freien Wahlen sorgte. Dass die ägyptische Muslimbruderschaft gut abschneiden würde, hatten viele Beobachter erwartet. Mit 47,2 Prozent der Stimmen bei den ägyptischen Parlamentswahlen im Winter 2011/2012 übertraf das Ergebnis des politischen Flügels der Muslimbruderschaft, der "Partei für Freiheit und Gerechtigkeit", dann aber doch alle Erwartungen. Die eigentliche Sensation jedoch war der Erfolg der Salafisten, Vertreter einer Ideologie wie jene des oben zitierten Mohammed al-Bahrawy. 40 Prozent aller Ägypter, die bei den Parlamentswahlen für Islamisten stimmten, wählten nicht die Partei der Muslimbruderschaft, sondern eine der drei salafistischen Gruppierungen. Gemeinsam erreichten diese mit 28 Prozent der Stimmen 127 der 508 Sitze.

Die Stoßrichtung ist eindeutig: der Ruf danach, die Scharia einzuführen, eine radikale Kehrtwende weg von allen Symbolen der Moderne. So fordern Salafisten eine kompromisslose Umsetzung des orthodoxen Verbotes, Bilder von Menschen zu zeigen. Bei einer der Kundgebungen in ihrer Hochburg Alexandria wurde die Statue der Meerjungfrau verhängt, um diese Forderung zu untermauern. Ein führendes Mitglied der Salafisten-Partei "An-Nour", Tarek Schalaan, ließ durchklingen, dass auch nackte Statuen von Pharaonen sowie alle "Götzenbilder" den Geboten des reinen Islams widersprechen würden und entfernt werden sollten.

Wie ernst die Bewegung es mit ihren Sittengesetzen aller Art meint, wurde klar, als Abu Ismail, eine der zentralen Persönlichkeiten der Salafisten, der später auch als ihr Präsidentschaftskandidat auftrat, einen gesetzlichen Zwang zur Verschleierung von Frauen forderte. Da im Wahlgesetz die Kandidatur von Frauen vorgeschrieben war, mussten auch die Salafisten weibliche Parteimitglieder nominieren, sie zeigten auf den Plakaten aber statt der Fotos der Kandidatinnen Blumenmotive oder die Gesichter ihrer jeweiligen Ehemänner.

Mittlerweile tobt ein heftiger Machtkampf innerhalb der führenden Partei, der "An-Nour", doch von einer Schwächung der Ideologie zu sprechen, wäre verfehlt. Die Stärke der Gruppierung führte dazu, dass die ägyptische Muslimbruderschaft in einem Wettkampf um die Vertretung des eigentlichen Islams übernahm und so viele moderate Positionen aufgab. Dieser Druck auf die etablierten Parteien sei das eigentliche Ziel aller Salafisten: "Wirklich wohl fühlten wir uns selbst bei den Salafisten-Parteien nie", so "Salafyo Costa"-Gründer Tolba: "Denen ging es nur noch um Macht. Uns geht es aber um die Veränderung Ägyptens. Wir sind auf einem sehr guten Weg."

Zum Buch



Das Buch von Petra Ramsauer "Mit Allah an die Macht. So verändern Arabiens Revolutionen unsere Welt" erscheint im Ueberreuter Verlag

und bietet Hintergründe zum Thema radikaler Islam.