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Mit den Gedanken in der Heimat

Von Stefan Beig

Politik

Einige Syrer bleiben der Demonstration fern. | Ein Ende des Regimes bietet Flüchtlingen die Chance auf Rückkehr. | Wien. Fern der Heimat, seit 30 Jahren oder länger - das sind jene Syrer, die ihr Land aus politischen Gründen verlassen mussten. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre spitzten sich die Konflikte in Syrien zu. Die Muslimbrüder waren die dominierende Oppositionskraft, ihr Aufstand in Hama wurde 1982 brutal niedergeschlagen. Präsident Hafiz al-Assad ließ etliche Aktivisten jahrelang foltern, andere flohen in alle Welt, auch nach Europa und Österreich. Eine Rückkehr ist für sie seither nicht mehr denkbar.


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An einer Demonstration gegen das syrische Regime am letzten Sonntag am Stephansplatz nehmen Muslime, Christen und Alawiten teil, darunter auch politische Flüchtlinge von einst. "Wir wollen Freiheit", rufen sie und fordern den Rücktritt von Präsident Bashar al-Assad. Ein Demonstrant ist Aiman Morad, der 1981 nach Österreich floh und heute als Dozent angehende Islamlehrer ausbildet. "In Syrien war ich schon in der Schule für meine kritische Haltung bekannt", berichtet er. "Ich dachte, ich könnte wie in einem demokratischen Land den Präsidenten öffentlich kritisieren. Doch bald stellte ich fest, dass das hier nicht zum guten Ton gehört. Es folgte ein Haftbefehl gegen mich." Die nächste Überraschung kam nach seiner Flucht. "Ich wollte zunächst unbedingt wieder in meine Heimat zurück. Nach wenigen Wochen wurde mir klar, dass das auf absehbare Zeit ausgeschlossen ist."

Morads Geschichte ähnelt der anderer Flüchtlinge frappant. Viele wurden damals von der harschen Antwort des Regimes überrascht. "Wir haben geglaubt, das Regime wird gestürzt", sagt ein Demonstrant. Die Trennung von Heimat und Familie war für viele traumatisch. Ein Auslandssyrer erinnert sich: "Man kann sich nicht vorstellen, wie das ist. Man ist auf sich selbst gestellt und in seiner eigenen Familie entfremdet. Zwei jüngere Brüder habe ich noch nie gesehen. Einer ist im Gefängnis, zwei weitere dürfen nicht ausreisen. Als mein Vater vor drei Jahren gestorben ist, konnte ich ihn nicht sehen."

Abgesehen von den politischen Flüchtlingen kamen die meisten Syrer zum Studium. Etliche Auslandssyrer in Österreich sind Akademiker, viele von ihnen Ärzte oder Diplomingenieure. Laut syrischer Botschaft leben 2500 Menschen mit syrischen Wurzeln in Österreich. Am Stephansplatz kommen am Sonntag in Summe rund 300 Menschen vorbei, die Hälfte von ihnen sind Syrer, die andere Hälfte Araber, die sich mit dem Protest solidarisieren.

Die syrische Community ist politisch stark interessiert und verfolgt die Ereignisse in der Heimat genau. Doch sie ist politisch uneins. Dem Protest am Stephansplatz bleiben einige fern - manche aus Angst vor dem Regime, wie es heißt, andere aus Überzeugung: Das syrische Fernsehen widerspricht den Berichten über Gewalt an Demonstranten, die auf Al-Jazeera und in westlichen Medien dominieren. Laut Syrien stecken hinter dem Protest ausländische Kräfte, die Waffen an die Demonstranten liefern. Untermauert wird diese Darstellung durch Bilder von getöteten, namentlich genannten Offizieren, Soldaten und Polizisten. "Niemand hat etwas gegen friedliche Proteste, aber was jetzt geschieht, unterstütze ich auf keinen Fall", meint ein Exil-Syrer, der nicht mit seinem Namen zitiert werden möchte. Die Demonstranten sehen das anders: Assad Khayat, ein syrischer Christ, spricht von Propaganda: Die Gewalt gehe von den Sicherheitsleuten aus, hinter den Protesten stehe keine politische Partei. Es sei der Unmut vieler junger Menschen, der sich jetzt äußere.

Alawiten und Muslimbrüder

Syrien ist ein Land mit vielen Ethnien - darunter Araber, Kurden, Armenier, Aramäer und Assyrer - und vielen Religionen. Geschätzte sieben Prozent der Bevölkerung sind Christen. "Es gab bis heute überhaupt keine Probleme", schwärmt ein syrisch-orthodoxer Christ. "Die Christen sind ein Teil der Geschichte des Landes, sie gehören einfach dazu." Auch Drusen und Alawiten, eine Abspaltung der Schiiten, leben in Syrien.

Aiman Morad hält das friedliche Zusammenleben in Syrien für vorbildlich. Doch ein Thema polarisiert ebenfalls: der Hass, dem die Alawiten zuweilen begegnen, weil der Präsident und Personen in seinem Umfeld dem Alawitentum angehören. Über die Ursachen des Konflikts gehen die Meinungen auseinander. "Die Regierung hat den Konflikt zwischen den Religionen angeheizt", meint Assad Khayat. Andere Syrer sehen die Schuld bei den Muslimbrüdern. 50 alawitische Kadetten wurden 1979 von Muslimbrüdern ermordet. Aiman Morad bestreitet, dass die angehenden Berufssoldaten getötet wurden, nur weil sie Alawiten waren. Ihre Unterstützung von zahlreichen Massakern des syrischen Regimes sei der Grund gewesen.

In Folge der Revolutionen im arabischen Raum dürften viele Exil-Araber in den kommenden Jahren in ihre Herkunftsländer heimkehren. Aiman Morad kann sich eine Rückkehr nicht mehr vorstellen: "Hier habe ich tiefere Wurzeln. Österreich ist ein Teil von mir. Ich habe aber versucht, meine Kinder auch an Syrien zu binden." Das Leben in einem neuen Umfeld sei für ihn "ein Zugewinn" gewesen: "Die Österreicher sind ordentlicher und pünktlicher als die Syrer und achten mehr auf Qualität. Die Syrer sind herzlicher und haben eine Lebensfreude, die man hier nicht findet. Man kann von beiden lernen."

Morad rechnet mit "goldenen Jahren" in den arabischen Staaten, auch im Hinblick auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verbindungen zu Europa: "Gerade Österreich und Deutschland haben gute Beziehungen in den Nahen Osten." Ein junger Demonstrant mit syrischen Wurzeln, der gerade Betriebswirtschaft studiert, würde künftig gerne als Geschäftsmann zwischen Syrien und Österreich hin- und herpendeln. "Dann wäre ich jedes Jahr sechs Monate in Syrien und dann sechs Monate in Österreich."