Zum Hauptinhalt springen

Mit der Kraft der Sonne - und der Bürger

Von Anja Stegmaier

Wirtschaft
Familie Schmitz produziert mit ihrer Photovoltaik-Anlage in Kritzendorf Strom - auch für andere.
© Anja Stegmaier

Bis 2030 soll Österreichs Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen kommen. Eine Genossenschaft hat sich vorgenommen, dieses ehrgeizige Ziel mit der Beteiligung vieler Bürger zu erreichen.


"Für uns war klar, wenn wir einmal ein Haus und ein Dach haben, dann wollen wir das auch energetisch nutzen", sagt Dominik Schmitz. Der studierte Umweltsystemwissenschafter lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in Kritzendorf bei Wien und betreibt seit einem Jahr eine Photovoltaik-Anlage mit knapp 10 Kilowatt Leistung. Etwa 10.000 Kilowattstunden (kWh) Strom produziert die Anlage auf dem Einfamilienhaus. Sein fünfköpfiger Haushalt verbraucht aber nur 4000 kWh im Jahr. Dominik Schmitz wollte nicht nur das halbe Dach mit Modulen ausstatten und überlegte, wie er seinen Strom mit anderen teilen könnte. Direkt an ihre Nachbarn dürfen die Schmitz‘ ihren überschüssigen Strom nicht verkaufen, das ist in Österreich gesetzlich nicht erlaubt.

Dominik Schmitz ist deshalb frisch gebackener Genossenschafter. Seit vier Monaten verkauft er seinen Sonnenstrom über die Energiegenossenschaft "Our Power". So kann er weitere zwei Haushalte in der Region mit Strom versorgen. Und das rentiert sich für den Kleinanlagenbesitzer auch mehr. Denn Our Power ist ein Online-Marktplatz für Stromanbieter und -abnehmer. Erzeuger mit Kleinkraftwerken aus Erneuerbaren (Sonne, Wind, Wasser, Biomasse) können hier ihren Strom zu einem selbst bestimmten Fixpreis anbieten. Dominik Schmitz möchte 7 Cent pro kWh. Alternativ könnte er seinen Strom etwa bei der Ökostrom AG verkaufen. Hier bekäme er aber nur knapp die Hälfte. So macht sich seine Investition am Dach nach etwa 13 bis 14 Jahren bezahlt. Mit 1 Cent Aufschlag finanziert sich der Marktplatz.

"Nicht nur konsumieren, auch erzeugen und speichern"

"Wir glauben, dass die Kraft in der Energiewende von den Bürgerinnen und Bürgern kommen muss - und das sind viele - so können wir die Regierungsziele erreichen", sagt Peter Molnar im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Die Konsumentinnen müssen aktiviert werden. Sie sollen nicht nur Strom konsumieren, sondern auch erzeugen und speichern", ist der Mitgründer der europäischen Genossenschaft Our Power überzeugt. Molnar hat vor 20 Jahren auch die Ökostrom AG mitbegründet.

Er gehört damit zu den Energie-Pionieren in Österreich, die nun im Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz auch politische Rückendeckung bekommen sollen. Umweltministerin Leonore Gewessler verkündete am Donnerstag bei einer Pressekonferenz, dass das lang ersehnte Gesetz ab Jänner 2021 in Kraft treten wird und ein zentraler Punkt darin sein wird, die Menschen zum Teil der Energiewende zu machen. Haushalte, KMUs, Nachbarn, Gemeinden oder Vereine können Energiegemeinschaften bilden und sollen Ökostrom mittels eigener Kraftwerke produzieren und nutzen können. Bürger-Energiegemeinschaften wie Our Power sollen eine orts- und wohnformunabhängige Beteiligung und Versorgung möglich machen. Hierfür soll es Förderinstrumente geben. Die Gemeinschaften werden von der Energieabgabe befreit und durch reduzierte Netztarife sollen die Nutzer 40 bis 60 Prozent der Netzkosten einsparen können.

Gezielte Förderungen sind wichtig, um die Energiewende zu schaffen. Peter Molnar glaubt aber, dass es daneben auch den Willen und das Kapital der Bürger braucht. Wer seinen Strom über Our Power verkaufen will wie Schmitz, muss Genossenschafter werden. Ein Anteil beträgt 100 Euro, die meisten Mitglieder kaufen zehn bis 20 Anteile. Das Kapital wird in den Aufbau des Marktplatzes und in den Ausbau erneuerbarer Energie investiert, insbesondere in Photovoltaikanlagen. Die Genossenschaft setzt hier auf viele kleine Anlagen mit bis zu 20 kWh Leistung, wie bei Familie Schmitz.

Woher kommt der Strom, wohin fließt das Geld?

Jeder Interessent kann über den Online-Marktplatz mit nur drei Klicks sehen, woher sein Strom kommt - und wohin sein Geld fließt. Der Strom beim Kunden setzt sich dann im Durchschnitt zu 40 Prozent aus der nächstgelegenen PV-Anlage, 30 Prozent aus Kleinwasserkraft, 20 Prozent aus Wind und 10 Prozent aus Biomasse zusammen.

Schlussendlich zahlt ein Our-Power-Kunde einen Mischpreis, der bei derzeit 7,85 Cent liegt. "Damit sind wir unter dem Preis von den großen Energieversorgern, wie etwa Wien Energie. Der Energiepreis liegt hier zwischen 8 und 8,15 Cent pro kWh", rechnet Molnar vor. Und mit der Bereitschaft der Kunden, diesen Preis von 7 bis 8 Cent zu zahlen, sei eine PV-Anlage ausfinanziert - auch ohne Förderungen.

Kleine Anlagen bringen mehr Wertschöpfung in Österreich

Die Strategie der Regierung sieht ebenfalls einen Fokus auf Photovoltaik(PV) vor. Bis 2030 soll die Stromversorgung zu 100 Prozent aus Erneuerbaren erfolgen. In der Photovoltaik muss damit in den nächsten zehn Jahren eine Verzehnfachung der heutigen Installationszahlen erfolgen. Das heißt, es braucht bis dahin zusätzlich 11 bis 13 Terrawattstunden (TWh) Strom aus Sonne. Im weiteren sind notwendig 10 TWh aus Wind, 5 TWh aus Wasser und 1 TWh aus Biomasse.

Das Ziel ist extrem ehrgeizig - Österreich bleiben knapp zehn Jahre. Peter Molnar ist aber überzeugt, dass es zu schaffen ist, vor allem wenn jetzt auch rasch viele kleine Anlagen gebaut werden. Denn die Genehmigungen von Großprojekten können aufgrund der Bürokratie gut und gerne zehn Jahre betragen, "die Zeit haben wir nicht mehr", sagt Molnar. Kleine Anlagen wie bei Familie Schmitz können hingegen nach wenigen Wochen ins Netz einspeisen. Auch bei der Akzeptanz der Gesellschaft sieht Molnar kleine Anlagen im Vorteil, denn niemand wolle riesige Anlagen auf der grünen Wiese. Molnar hat durchgerechnet, dass 40 bis 60 Prozent des Erneuerbaren-Ausbaus mit Kleinanlagen zu stemmen wären.

Auch Hubert Fechner, Obmann Österreichische Technologieplattform Photovoltaik, hält die Nutzung bereits versiegelter Flächen, wie etwa Gebäude oder Parkflächen für sinnvoll und vorrangig. Außerdem bliebe die Wertschöpfung bei kleineren Anlagen bei den Komponenten und der Dienstleistung vermehrt in Österreich beziehungsweise in Europa, denn die günstigeren Module für Großflächen-Anlagen kommen überwiegend aus Asien. Kleinere Anlagen nahe beim Verbrauch ergeben überdies weitere Synergien wie die Möglichkeit der direkten Nutzung für E-Mobilität oder die Umwandlung in Kälte beziehungsweise Wärme. "Da wäre es wichtig, die Förderstruktur im Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz so anzupassen, dass wir innovative Märkte hochziehen und uns nicht nur traditionell auf Freiflächen oder Aufdachanlagen beschränken. Denn dann werden wir mittelfristig an Akzeptanzprobleme stoßen", so Fechner.

Er gibt außerdem zu bedenken, dass die Energiewende langfristig noch einmal zusätzliche 25 bis 30 TWh Strom aus Photovoltaik erforderlich macht, um den gesamten Energiebereich klimaneutral zu gestalten, denn diesem Ziel hat sich Österreich bis 2040 verpflichtet. "Das ist etwa drei Mal so viel wie bis 2030", sagt Fechner. Deshalb brauche es dringend die Entwicklung innovativer Photovoltaik-Märkte, wie etwa die Überdachung von Großparkplätzen und anderer Verkehrsflächen, aber auch integriert in Schallschutzmauern, auf Wegen und Straßen oder schwimmend auf Wasser oder beschattend auf Agrarflächen. 

Auch Peter Molnar ist überzeugt davon, dass noch viel mehr möglich ist. "Ich glaube, bald wird die PV auf jedem E-Autodach kommen."