Mit der Religion gegen die Fundamentalisten

Von Klaus Huhold

Politik

Anschläge und religiöse Proteste haben Angst vor einer Radikalisierung Indonesiens ausgelöst. Doch eine Gegenbewegung aus dem Islam selbst heraus habe den Salafismus zurückgedrängt, sagt der Islamforscher Noorhaidi Hasan.


Jakarta/Wien. Als Noorhaidi Hasan Ende der 1980er Jahre in die indonesische Großstadt Yogyakarta kam, sah er zum ersten Mal Frauen, deren Kopfbedeckung nur die Augen freiließ, und Männer, die Bärte und arabische Gewänder trugen. Hasan war somit erstmals Mitbürgern begegnet, die sich offensichtlich zum Salafismus, also einer fundamentalen Strömung im Islam, bekannten. Aus seiner Heimatregion Süd-Kalimantan auf der Insel Borneo kannte er das nicht.

Für Hasan war es auch die Begegnung mit einem der Forschungsschwerpunkte, die seine akademische Laufbahn prägen sollten. Denn der Islamforscher, der auch einige Studienjahre in den Niederlanden verbracht hat, ist heute Professor an der Staatlich-Islamischen Universität in Yogyakarta und beschäftigt sich intensiv mit dem Salafismus und seinen Einfluss auf Indonesien.

Tödliche Bombenanschläge auf der Urlaubsinsel Bali und in der Hauptstadt Jakarta, das Aufkommen islamistischer Straßengangs, die nichtmuslimische Nachbarn bedrohen, und Massendemonstrationen gegen vorgeblich antimoslemische Politiker haben die Sorge wachsen lassen, dass sich Indonesien radikalisiert.

Trotz dieser Phänomene konstatiert Hasan im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Den Radikalen ist es nicht gelungen, die indonesische Gesellschaft zu transformieren." Und der Forscher, der derzeit auf Einladung der "Österreichischen Akademie der Wissenschaften" in Wien ist, gründet seine These auf zwei Untersuchungen, die er 2014 und 2018 durchgeführt hat und für die er in einem Großteil der Provinzen Gläubige und religiöse Führer befragt hat.

"Die überwiegende Mehrheit der Befragten hat Radikalismus und Terrorismus abgelehnt", berichtet Hasan. Demnach lösen die Terroristen mit ihrer Brutalität Abscheu aus. Aber auch fundamentalistische Denkschulen stoßen oft auf Granit. Denn sie greifen die indonesische Staatsideologe, genannt Pancasila, an. Deren Prinzipien - darunter etwa nationale Einheit und Demokratie - geben dem Vielvölkerstaat seinen Rahmen, und sie sind laut Hasan in der indonesischen Gesellschaft tief verwurzelt.

Wie überhaupt der Salafismus auf Konfrontation mit den religiösen Schulen geht, denen sich ein Großteil der indonesischen Moslems zugehörig fühlt. In Indonesien gibt es reformistische Bewegungen, zudem hat der Sufimus Einfluss, auch traditionelle Riten wie die Ahnenverehrung werden gepflegt - Praktiken, die der Salafismus als unrein ablehnt.

Religiöse Gegenbewegung

Deshalb gab es eine kulturell-religiöse Bewegung gegen den Salafismus. "Religiöse Führer haben dabei auf alte kulturelle Praktiken zurückgegriffen, indem sie etwa Koransuren singend rezitiert haben", berichtet Hasan. Die Botschaft an die Salafisten sei dabei gewesen: Wir haben unsere eigenen Traditionen, wir sind gute Muslime und brauchen eure Einmischung nicht. Damit habe in vielen Regionen der Salafismus an Boden verloren. "Dieser hatte seine Hochphase am Anfang der Nuller-Jahre", sagt Hasan. Diese sei nun aber vorbei.

Was auch mit internationalen Entwicklungen zu tun hat: Gesponsert wurde der Salafismus vor allem durch Gelder aus Saudi-Arabien. Und diese begannen ab den 1980er Jahren stark zu fließen. "Saudi-Arabien sah sich durch die Islamische Revolution im Iran 1979 herausgefordert", sagt Hasan. "Mit ihren Geldern unterstrichen die Saudis, dass sie den Führungsanspruch in der islamischen Welt stellen." Als dann in den Nuller-Jahren die Saat der radikalen Prediger immer mehr aufging, kam 2001 der 11. September. Danach reduzierten sich laut Hasan die saudischen Gelder. "Saudi-Arabien wollte offenbar nicht mehr so sehr als Sponsor des Fundamentalismus gelten."

Heute würden sich die Salafisten in drei Gruppen teilen: Das sind erstens diejenigen, die missionieren, sich aber politisch nicht engagieren. Die zweite Gruppe sind die gewalttätigen Dschihadisten. "Sie werden vom Staat stark überwacht", sagt Hasan. Die dritte Gruppierung versucht, ihre Ziele über die Politik zu erreichen, ihre Vertreter haben sich in der "Partei für Gerechtigkeit und Wohlstand" versammelt. Diese erhielt bei den vergangenen Wahlen so um die sieben Prozent. "Sie war aber in Skandale, etwa wegen Korruption verwickelt und hat an Glaubwürdigkeit verloren."

Doch auch wenn der Salafismus zurückgeht, habe Indonesien mit einem "Narrativ der Intoleranz" zu kämpfen, berichtet Hasan. Viele Indonesier möchten nicht neben Nachbarn leben, die eine andere Religion hätten. Dies liege nicht zuletzt daran, "dass Verschwörungstheorien verbreitet werden".

Diese Intoleranz wird auch immer wieder von Politikern verschiedener Parteien instrumentalisiert. In den kommenden Tagen könnte das besonders oft der Fall sein. In rund einem Monat sind in Indonesien Wahlen.

Noorhadi Hasan hält am Dienstag um 16 Uhr, einen Vortrag über den saudischen Einfluss in Indonesien (in englicher Sprache)

Ort: Österreichische Akademie der Wissenschaften, Institut für Sozialanthropologie

Hollandstraße 11-13, 1020 Wien