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Mit der Sehnsucht auf die Bühne

Von Muhamed Beganovic

Politik

Themen wie Hoffnung, Familie, Heimat und Identität im Fokus.


Wien. Ali Asghar ist sehr nervös. Der 21-jährige Flüchtling aus Afghanistan probt heute zum ersten Mal eine Szene, die er selber geschrieben hat. Im Rahmen des Theaterworkshops "Fremdenzimmer" vom Theaterkollektiv werk89 entwarf er eine Klassenzimmerszene. Sein Freund und Schauspielerkollege Farsad steht ihm zur Seite.

In einem kleinen, spartanisch ausgestatteten Raum im Erdgeschoß des Amerlinghauses im 7. Bezirk richten die beiden gerade die Szene her. Heute sind nur die zwei Männer zur Probe erschienen. Normalerweise besteht die Workshop-Gruppe aus 15 jugendlichen Flüchtlingen aus Afghanistan, Armenien, Syrien, aber auch Guinea-Bissau. Die Teilnehmer sind alle im Alter zwischen 16 und 21 Jahren sind.

"Die Jugendlichen haben Pflichten und Termine, die sie beachten müssen, und können leider nicht immer anwesend sein", erklärt Dramaturg Florian Staffelmayr die große Abwesenheit. Die Szene, die Asghar und Farsad üben, benötigt mindestens vier Schauspieler. Zwei große Hüpfbälle, die mit Brillen ausgestattet werden, müssen als Statisten herhalten. Dann beginnen sie. "Junge, hör auf zu rauchen und höre mir zu! Ich versuche, dir was beizubringen! Du musst lernen!", sagt der fiktive Lehrer Asghar zu seinem fiktiven Schüler, dem er Geschichte beibringen möchte. Sie gucken sich um und brechen in Lachen aus. Es ist für sie alles neu und ungewohnt, dementsprechend peinlich.

Von Profis Theater lernen

Bei Fremdenzimmer handelt es sich um einen ambitionierten Workshop, der zu einem abendfüllenden Theaterstück ausreifen soll. Anstatt ein Skript über jugendliche Flüchtlinge zu schreiben, wollten Regisseur Micha Pöllman und Dramaturg Staffelmayr ein Stück mit ihnen gemeinsam schreiben und die Jugendlichen ermutigen, die Feder selbst in die Hand zu nehmen. "Wir wollen ihnen helfen, selbst Theater zu machen und ihre Geschichten zu erzählen", erklärt Anna Müller-Funk, Mitbegründerin des werk89, das Vorhaben. Um dies zu erreichen, redet Staffelmayr mit den Teilnehmern einzeln und hört sich ihre persönliche Geschichten an. "Es soll sich nicht nur um die Reisegeschichten der Teilnehmer drehen, wobei die gerne vorkommen können", sagt der Dramaturg. Er versucht aber auch, andere Geschichten mit ihnen zu entwickeln. "Ich möchte das kreative Potenzial, das die Teilnehmer besitzen, nutzen", sagt er.

Ein fixes Drehbuch gibt es noch nicht, nur eine Prämisse, die leicht zu erklären ist: In einem Fremdenzimmer wartet eine Gruppe junger Flüchtlinge auf ein Weihnachtsfest. Um die Zeit totzuschlagen, erzählen sie sich gegenseitig Geschichten. Mehrere Kernelemente, unter anderem Sehnsucht, Heimat, Familie, aber auch religiöse Feste, sollen in dem Stück, das die Jugendlichen schreiben, verarbeitet werden. Das erklärte Ziel des Vorhabens ist es, "die Vielfalt in Österreich aufzuzeigen und Vorurteile bei österreichischen Kindern und Jugendlichen aufzubrechen", sagt Staffelmayr.

Das Trio vom werk89 ist dafür bekannt, gesellschaftlich-politisches Theater für Jugendliche zu machen. Das Theaterkollektiv setzt sich für Menschenrechte ein, vor allem für Flüchtlinge machen sie sich stark. In ihrem Repertoire ist unter anderem die erfolgreiche Inszenierung des ukrainischen Kinderbuches "Katja und Kotja" aus dem Jahr 2012. Das Stück erzählt von der Flucht. "Eine Geschichte von Abschied und Verlust, aber auch eine vom Ankommen und Wiederfinden", steht auf ihrer Webseite.

Abenteuerliche Flucht

Die Sehnsucht nach Familie ist ein zentrales Thema des Workshops. "Meine Mutter kommt mich am Wochenende besuchen", platzt es plötzlich aus Asghar heraus. Seine Sehnsucht nach seiner Familie war ein treibender Faktor für seine Teilnahme an dem Theaterworkshop. Seit vier Jahren hat er seine Mutter nicht mehr gesehen. Er erzählt von seiner Flucht aus Afghanistan in den Iran, wo er mehrere Jahre mit seiner Familie lebte. Dort durfte er die Schule aber nicht besuchen, beklagt er. Vor fast drei Jahren kamen er und seine Geschwister nach Österreich, die Eltern blieben zurück. Er erzählt von seinem ersten Deutschkurs und die Freude, die er spürte, endlich wieder lernen zu dürfen.

Ähnliches erzählt auch Farsad. So wie Asghars Familie flüchteten auch Farsad und seine Familie in den Iran, als in Afghanistan der Krieg ausbrach. Die Bedingungen, unter denen sie in den Iran leben mussten, seien keine besonders günstigen gewesen. Er flog in die Türkei, weil er von dort aus nach Europa wollte. Dort wurde er aber entführt. Seine Peiniger wollten 4000 Dollar Lösegeld von seiner Familie erpressen. Als er eines Abends bemerkte, dass seine Entführer stark alkoholisiert waren, flüchtete er. Über Griechenland und Italien gelangte er nach Wien. Hier fand er das, was er sich schon länger gewünscht hat: eine Ausbildung. In der Prosa Schule (Projekt Schule für alle) fand er einen freien Platz und drückt dort neben Asghar die Bank.

Ähnliche Reise- und Herkunftsgeschichten haben auch die restlichen 13 Teilnehmer zu erzählen. Asghar möchte sich in seinen Geschichten auf das Thema Ausbildung konzentrieren.

Zwei Entwürfe hat er bis jetzt mit Hilfe von Staffelmayr geschrieben. Im ersten Text geht es um ein afghanisches Mädchen, dem aufgrund seines Geschlechts die Ausbildung im eigenen Land verwehrt wurde. Sie kommt alleine nach Österreich und kann hier eine Ausbildung beginnen. Auch seine zweite Geschichte, die er heute probt, handelt von der Schule und der Wichtigkeit einer Ausbildung. Heute wollte es mit den Proben nicht klappen, die Scheu ist zu groß. Aber sie haben noch Zeit. Die Workshops werden bis Ende November laufen, dann soll das Stück über die Bühne gehen.

Asghar und Farsad blicken auf die Uhr. Das Workshop hat heute wieder unheimlich Spaß gemacht aber sie haben nun einen viel wichtigeren Termin: die Schule.