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Mit Donnergrollen zur Inklusion

Von Momcilo Nikolic

Politik
Sport als Möglichkeit, an der Gesellschaft teilzunehmen. "Asylum Thunder" ist ein Inklusions- und kein Integrationsprojekt.
© Stanislav Jenis

In Kaiserebersdorf treffen sich jeden Dienstag und Freitag Asylwerber um American Football zu spielen.


Wien. "Sie wollten, dass ich sie umbringe. Aber mein Job war es doch Leuten zu helfen, nicht sie zu ermorden." Ali Enad ist 28 Jahre alt und Sunnit. In seiner alten Heimat Irak arbeitete er in der Medizineinrichtung eines Gefängnisses als Labortechniker. Eines Tages hieß es dann plötzlich für ihn: Morden oder laufen. Er floh.

Um Enads Geschichte zu verstehen, muss man sich die Entwicklung des Milizentums im vorderasiatischen Staat ansehen. Nach der Niederlage des irakischen Militärs gegen Kämpfer des IS im Jahr 2014 entwickelten sich im Land diverse Milizen, teils privat, teils von der schiitischen Regierung unterstützt oder legitimiert. Das Ziel: den IS zu bekämpfen. Mittlerweile stehen diese Paramilitärs unter dem Verdacht, besonders rund um Bagdad und Diyala, "ethnische Säuberungen" an Sunniten durchgeführt zu haben.

Auch von Enad wurde verlangt, sunnitische und christliche Gefangene zu töten. "Man hat mich ausgewählt, weil ich Kontakte und Zugang zu den Patienten hatte. Sie wollten, dass ich ihnen tödliche Drogendosen verabreiche. Ich konnte nicht einfach ‚Nein‘ sagen, denn ich wusste, wenn ich mich weigere, dann killen sie mich. Also bin ich aus Bagdad weggelaufen und habe mein Heim und meine Familie verlassen".

In Handschellen ermordet

Insgesamt belaufen sich Schätzungen auf mehr als 30 solcher Kampfgruppen, die im ganzen Land verteilt sind. Laut Human Rights Watch kam es seit 2014 in sechs irakischen Städten zu Massenexekutionen an sunnitischen Zivilisten, darunter auch Kinder. Amnesty International erzählt im "Annual Report Iraq 2015/2016", dass im Mai vergangenen Jahres, in vom IS rückeroberten Gebieten im sogenannten Gouvernement (ähnlich einer Provinz) Diyala, mehr als 50 lokale Sunniten von privaten Milizen als Racheakt und ohne Rechtsgrundlage zusammengetrieben und - während sie noch in Handschellen waren - erschossen wurden.

Der 35-jährige Sunnit Thaer Al-Egedi stammt aus besagter Region Diyala und ist seit zehn Monaten in Österreich. Sein Weg führte ihn von der Türkei aus nach Griechenland und schließlich hierher. Der Fluchtgrund des ehemaligen Sportwissenschafts-Studenten war ebenfalls die Angst um sein Leben. "Aus dem Norden drängte Daesh (Anmerkung: der gängige Name für den IS im Nahen Osten) in die Stadt, die Miliz aus dem Süden. Und wir dazwischen im Kreuzfeuer."

Die Wege beider Schutzbefohlenen führten hierorts zuerst nach Traiskirchen und schließlich ins Flüchtlingshaus "Neu Albern", wo sie auf Christian Novotny trafen. Beiden Asylwerbern, so wie auch vielen anderen, mit denen der Trainer und Gründer von "Asylum Thunder" nun seit eineinhalb Jahren zusammenarbeitet, hatte man, als sie in das Sportprojekt eingestiegen sind, eine gewisse Scheu, Angst und übertriebenen Respekt angemerkt. "Anfangs wussten sie gar nicht, was jetzt passiert und wollten ja nichts falsch machen. Es war eine Art seltsamer Gehorsam", erinnert sich der Coach, "Die Jungs waren ziemlich arm dran und sind den ganzen Tag im Heim gehockt. Ich habe mir einfach gedacht, bevor sie dort ‚versumpern‘: die gehören beschäftigt. Und was gibt es Schöneres als den Sport, der bekanntlich verbindet?"

Christian Novotny legt Wert darauf, dass es sich bei "Asylum Thunder" um ein Inklusions- und kein Integrationsprojekt handelt. Während Integration oftmals im Sprachgebrauch - statt eines wechselseitigen Prozesses - mit der Assimilation, also der totalen Aufgabe des eigenen Hintergrunds, mit vollständiger kultureller Anpassung an die Aufnahmegesellschaft, fälschlich verwendet wird, hat der Begriff Inklusion kein solches Definitionsproblem. Es geht hierbei um die Akzeptanz der Individualität eines Menschen und der Teilhabe an der Gesellschaft.

Sport inkludiert

Der hilfsbereite Wiener mit der Football-Idee ist Wirtschaftspsychologe und hat ein Jahr lang bei den "Vikings Super Seniors" (ab 30 Jahre) gespielt. Seine Mannschaft besteht aktuell aus 14 Leuten, die unter anderem aus Nigeria, dem Irak und Syrien kommen. In Sachen Inklusion ist der 31-jährige Diakoniehelfer besonders der heimischen und offenen Footballszene dankbar. "Wir wurden sofort willkommen geheißen. Beim ‚Halloween Bowl‘, einem Turnier mit 27 Mannschaften, hat man uns nicht spüren lassen, dass wir ein Asyl-Team sind. Das ist für mich Inklusion, wenn man einfach Teil der Menge ist und eben nicht adaptiert werden muss, um dazuzugehören", erzählt Novotny.

Sport ist für den Coach sowohl ein inkludierender Zugang mit der Möglichkeit zur Sozialisation, als auch eine notwendige Ablenkung vom tristen Alltag des Wartens und Nichtstuns. "Mir liegt, allein von meiner Ausbildung her, die gesunde psychische Entwicklung der Flüchtlinge am Herzen. Ich merke auch schon Veränderungen zu früher. Die Burschen lachen wieder und werden lockerer. Sport schärft ja auch die Disziplin. Es ist mir zum Beispiel aufgefallen, dass Pünktlichkeit bei einigen nicht gegeben war und sie bis zu eine Stunde später als verabredet kamen. Für mich persönlich war das beim ‚Halloween-Bowl‘ ein großes Problem. Wenn man wo eingeladen ist, dann darf man sich nicht derart verspäten."

Novotny nennt das Verständnis von Pünktlich- und Unpünktlichkeit, das sich für ihn einfach aus dem kulturellen Unterschied ergibt und weder mit gut noch schlecht zu bewerten ist, regionale Handhabungen. "In anderen Kulturräumen kommt man halt eine Stunde zu spät. Das ist dort normal. Da war es wichtig darauf hinzuarbeiten und zu sagen, hier ist es anders. Wir haben Termine, einen Kick-Off, die warten nicht auf uns."

Und die Rüge zeigte Wirkung: "Nach den Strafminuten, die ich ihnen aufgebrummt habe, waren sie ab da super pünktlich. Das ist zwar jetzt nur eine winzige Anekdote des Zuspätkommens zu einem Sportereignis, aber bei Terminen, wie bei der Fremdenpolizei, ist es extrem wichtig, sich nicht zu verspäten. Sondern besser schon 15 Minuten vorher da zu sein."

Träume vom eigenen Heim

Der positive Lerneffekt, der insgesamt durch die gemeinsame sportliche Aktivität entsteht, ist für Novotny unbestritten. Allein die Unterstützung und Resonanz von Fans und Vereinen wie "Flucht nach vorne" (Institution zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung), dem FC Karabakh, der als Erster eine Einladung aussprach und Trainingsmöglichkeiten bot und dem hiesigen Footballverband Afbö spricht Bände. Finanziell bleibt es dagegen weiterhin ein Drahtseilakt, den das Team bewältigen muss und dabei auf weitere Unterstützung hofft.

Während bei der Ausrüstung immer wieder kostspielige Schulter-Pads und Helme benötigt werden, fehlt es den "Thunders" insbesondere an einem eigenen Vereinslokal, um noch aktiver zu sein. "Wir würden gerne Deutsch- und Theoriekurse anbieten und weitere inklusionsfördernde Veranstaltungen abhalten", sagt Novotny, "aber unser nächstes großes Ziel ist es einmal unseren Kader zu erweitern und auf die 40 Spieler zu kommen, die man braucht, um in der Liga auch Tackle-Football zu spielen."

Was Enads und Al-Egedis unmittelbare Zukunft betrifft, so wolen beide so schnell wie möglich die deutsche Sprache lernen. Das Football-Spiel hilft dem jungen Bagdader den ganzen Stress, was die Sorge um seine Familie und seine Arbeitslosigkeit betrifft, ein wenig zu mildern. Vergessen kann er ihn nicht, sagt Enad. "Nicht bloß meine Familie, jeder im Irak befindet sich jederzeit in Gefahr. Ich hoffe, mit einem positiven Asylbescheid, sie bald nachholen zu können. Außerdem möchte ich wieder als Labortechniker arbeiten."

Der 35-jährige Sunnit Al-Egedi dagegen möchte nach der Perfektion der deutschen Sprache und einem positiven Asylverfahren damit beginnen, auch etwas zurückzugeben: "Ich möchte den Menschen hier helfen, eventuell als Sozialarbeiter, und mich so für die Hilfe in Österreich bedanken."