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Mit Exorzismus gegen Salafismus?

Von Christian Ortner

Gastkommentare
Christian Ortner.

Warum eine Rückbesinnung auf das Christentum kein taugliches Mittel gegen den politischen Islam sein kann.


Zu den erstaunlichsten Talenten der deutschen Kanzlerin gehört ihre Fähigkeit, scheinbar grundsätzliche inhaltliche Positionen gnadenlos zu entsorgen und durch konträr entgegengesetzte zu ersetzen, wenn es ihr politisch geboten erscheint. So hat etwa eine frühere Angela Merkel Multikulti für "gescheitert" erklärt, eine spätere genau das mittels Willkommenskultur befeuert - und die aktuelle wiederum warnt nun, ohne zu erröten, vor Islamisierung und Werteverlust.

Ganz im Sinne dieser Strategie bekannte sie jüngst ein: "Ich weiß, dass es Sorgen vor dem Islam gibt." Und empfahl den Deutschen und ihrer eigenen Partei als Gegenmittel eine Rückbesinnung auf ihre christlichen Wurzeln. "Wie viele singen bei der CDU-Weihnachtsfeier eigentlich noch christliche Lieder?", fragte sie rhetorisch. Und schlug vor, "Liederzettel zu kopieren" und jemanden aufzutreiben, "der Blockflöte spielen kann - ich meine das ganz ehrlich, sonst geht uns ein Stück Heimat verloren". Die Werte des Westens werden, scheint’s, nicht nur am Hindukusch verteidigt, sondern auch unterm Christbaum.

Eine Art christliche Renaissance Europas als Gegengewicht zum wachsenden Einfluss des Islam - dieses Konzept wird vor allem in konservativen Milieus zunehmend befürwortet. Auch Viktor Orbán oder polnische Regierungspolitiker benutzen die Wendung vom "christlichen Europa" gleichsam als Antithese zu jenem Europa, das der französische Autor Michel Houellebecq im Roman "Unterwerfung" (unter den Islam) skizziert.

Richtig daran ist nur, dass der Rückzug, um nicht zu sagen das weitgehende Verschwinden des Christentums aus (West-)Europa eine Art spirituelles Vakuum eröffnet hat, das es dem Islam nicht eben erschwert hat, dort zügig an Terrain zu gewinnen (so wie übrigens auch jede Menge Esoterik dieses Vakuum mit Erfolg für sich urbar macht). Trotzdem wäre es weder wünschenswert noch vernünftig, dem politischen Islam in Europa und seinen Forderungen nach mehr Beachtung eine Art christliches Revival entgegenzusetzen und mit Blockflöte und Weihnachtsliedern in den Krieg der Unkulturen zu ziehen. Mehr Religion, auch christliche, kann keine gute Antwort auf jenes Mehr an Religion sein, das vor allem aus der islamischen Welt durch Migration zu uns kommt. Dafür nämlich haben unsere Vorfahren nicht die Trennung von Kirche und Staat erstritten.

Dem politischen Islam, einer per definitionem irrationalen Haltung, ist deshalb nicht eine andere irrationale Haltung entgegenzusetzen, sondern jenes Maß an Rationalität, das sich Europa mühsam genug erkämpft hat. Und das sich darin manifestiert, dass hier keine Religionen, sondern die Verfassungen die höchsten Quellen der Gesetzgebung sind, dass der Rechtsstaat Geltung hat, dass Männer und Frauen gleiche Rechte haben, dass der Staat sexuelle Präferenzen nicht pönalisiert und was sonst noch alles unsere Art zu leben charakterisiert.

Das ist die Antithese zum politischen Islam, und das gilt es wesentlich robuster zu verteidigen, als dies bisher der Fall ist. Dem politischen Islam mit Blockflöten und christlichem Liedgut entgegentreten zu wollen, hieße, nicht verstanden zu haben, was unsere Lebensart so schützenswert macht, trotz all ihrer Fehler und Unzulänglichkeiten.