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Mit Gefühlen gegen Gefühle

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
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Es ist einigermaßen müßig darüber zu diskutieren, wie dieser Wien-Wahlkampf verlaufen wäre, hätte nicht die Flüchtlingskrise die Stammtischgespräche und Titelseiten mit voller Wucht geentert. Der Wahlkampf, bei dem es um die wichtigen Sachthemen geht, ist in Österreich noch nicht geführt worden. Zumindest nicht in Bund und Ländern.

Gegen die Politik der Gefühle gibt es kein Ankommen. Sie saugen, wenn der Wahlkampf richtig los geht, jedes Sachthema wie ein Schwarzes Loch auf. Was übrig bleibt, sind Stimmungen, gesteuert vom Bauch, diesem Epizentrum sämtlicher menschlicher Gefühlszustände. Der Verstand ist dabei vielleicht nicht gänzlich ausgeschaltet, aber doch deutlich an den Rand gedrängt.

Es ist nicht ohne Ironie: Dank der umfassenden Leidenschaft fürs Datensammeln waren die Möglichkeiten für die Parteien nie umfassender, die Menschen zielgenau nach ihren individuellen ökonomischen und sozialen Interessen anzusprechen. Und trotzdem regrediert die Politik verlässlich und in jedem Wahlkampf aufs Neue auf Botschaften fürs Gemüt.

Das ist natürlich kein Zufall. Wer Wahlen gewinnen will, kann nicht auf den gezielten Einsatz von Emotionen verzichten, zumal Vertrauen in der Politik stets und notwendigerweise eine irrationale Komponente hat. Gegen Gefühle kann man wahrscheinlich tatsächlich nur mit Gefühlen dagegenhalten. Dass bei diesem Match der Großen die Kleinen unter die Räder kommen, ist wohlkalkuliert.

Es bleibt trotzdem auch für die Großen eine Hochrisikostrategie. Ob es am Sonntag auch zwei Sieger gibt, wird erst der Wahlabend zeigen. Und mittlerweile sind schon zwei Generationen in diesem Land politisiert worden, die etwas anderes als einen Wahlkampf der Gefühle gar nicht kennen. Und die Älteren wurden überhaupt noch in das eine oder eben andere politische Lager hineingeboren. Bei einem Stammwähleranteil von 90 und mehr Prozent war der Wahlakt damals wenig mehr als die Feststellung von etwas Offensichtlichem.

Gefühle sind ein wackliger Untergrund, um darauf konkrete Politik aufzubauen. Zumal Parteien dabei nur in seltenen Fällen den Ton vorgeben, sondern meist lediglich verstärken, was sie glauben, an momentanen Stimmungen bei den Menschen vorzufinden.