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Mit Gesang gegen das Drogenzentrum

Von Vera Bandion

Politik
Der Bürgerprotest gegen das Spritzenzentrum im 9. Bezirk hielt sich in Grenzen.
© Stanislav Jenis

Leiser Protest der Anrainer und großer Andrang am Tag der offenen Tür in der neuen Drogenberatungsstelle im 9. Bezirk - Bezirksvorstehung will mit Dialog den Bedenken entgegentreten.


Wien. Mit Laternen in den Händen ziehen die Anrainer an der hell erleuchteten Drogenberatungsstelle vorbei. Ihr Ziel ist das Geburtshaus von Franz Schubert auf der gegenüberliegenden Straßenseite. "Wir haben unseren Protest zum Ausdruck gebracht - still, aber doch laut gegen die Obrigkeit", sagt Matthias Peterlik, der Sprecher der Bürgerinitiative "Spritzenfrei", unter lautem Applaus. "Drogen vor Schuberts Geburtshaus??? Eine Kulturschande" prangt auf einem Transparent auf dem Wohnhaus, in dem die Einrichtung untergebracht ist, und "Kein zweiter Karlsplatz am Alsergrund".

Die neue Drogenberatungsstelle im 9. Bezirk sorgt seit Wochen für Empörung unter den Anrainern. Zwei Bürgerinitiativen formierten sich, um - kräftig unterstützt von der Rathaus-Opposition - gegen die Einrichtung zu protestieren. Gestern, Dienstag, zwei Tage vor der Eröffnung, konnten sich die Anrainer beim Tag der offenen Tür informieren.

Kritik an fehlender Information

Die Auslagen des ehemaligen Blumengeschäfts in der Nußdorfer Straße 41 sind mit weißer Folie beklebt. Drinnen erleuchten helle Röhrenlampen den Raum, ein paar Stehtische mit Kuchen und Knabbergebäck stehen bereit. Viele sind gekommen, um ihre Bedenken mit den anwesenden Sozialarbeitern zu besprechen. Sie kritisieren vor allem, dass sie nicht offiziell informiert worden seien. "Das war die Holschuld der Bürger", sagt ein Bewohner des Nachbarhauses verärgert. Er befürchtet, dass eine Dealerszene entstehen könnte und Spritzen liegen gelassen werden. "Wir haben keine Angst, aber ein Unsicherheitsgefühl, ob wir unsere Kinder im Park spielen lassen können." "Die Bedenken bleiben", sagt eine Frau nach dem Besuch der Einrichtung. Auch sie kritisiert die fehlende Information. "Die Politik ist einfach über uns drüber gefahren."

Die Befragung und Einbindung der Bürger in die Entscheidung sei bei bestimmten Projekten einfach nicht möglich, sagte Drogenkoordinator Michael Dressel im Interview mit der "Wiener Zeitung": "Kein Anrainer will ein Suchthilfezentrum vor seiner Haustüre haben, keiner will Suchtkranke in seiner Nähe haben." Überzeugt davon, dass mit der Eröffnung die Proteste zurückgehen werden, ist Roland Reithofer, Geschäftsführer der Suchthilfe Wien: "Bis dahin sind ganz viele Angstbilder da, wenn wir aufsperren, tritt Realität ein", sagt Reithofer. "Wir sind seit Wochen vor Ort und versuchen zu vermitteln, dass ein Mensch nur aufgrund seiner Suchterkrankung nicht gefährlich ist."

Dialogforum mit Anrainern

Am Donnerstag wird das 126 Quadratmeter große Suchthilfezentrum, das das "Jedmayer" am Gumpendorfer Gürtel entlasten soll, offiziell eröffnet. Angeboten werden Spritzentausch, Beratungen, die Vermittlung zu anderen Gesundheits- oder Sozialeinrichtungen oder Krisenintervention. Rund hundert Menschen pro Tag erwartet die Suchthilfe in der Einrichtung.

Bezirksvorsteherin Martina Malyar (SPÖ) versuchte den Bedenken der Anrainer im Rahmen einer Pressekonferenz am Dienstagvormittag entgegenzutreten. Sie versprach unter anderem zusätzliche Beleuchtung und eine tägliche Reinigung des nahe gelegenen Helene-Deutsch-Parks. Außerdem soll ein Dialogforum mit Vertretern der Bürgerinitiativen und der Anrainer, der Suchtberatung, der zuständigen magistratischen Dienststellen und der Polizei gegründet werden, den entsprechenden Antrag werden SPÖ und Grüne bei der Sondersitzung der Bezirksvertretung heute, Mittwoch, einbringen. Sie werde "ein genaues Auge darauf haben, wie diese Suchtberatungsstelle funktioniert", versprach Malyar und zeigte sich überzeugt, dass diese "zu einem integrierten Teil unseres Neunten" wird. "Ich lasse auch Hysterie im Bezirk nicht zu", sagte die Bezirksvorsteherin und kritisierte, dass auf dem Rücken der Suchtkranken "Vorwahlkampf betrieben" werde.

Die Bürgerinitiative will ihren Protest weiterführen. "Ich glaube, das ist eine temporäre Sache. Es wird die Erkenntnis kommen, dass der Standort nicht nur für die Anrainer, sondern auch für die Suchtkranken nicht geeignet ist", zeigte sich Peterlik überzeugt. Er erwarte außerdem, dass der Klage der Miteigentümer gegen den Vermieter des Hauses auf Unterlassung rechtgegeben wird.

Misstrauensantrag

An diesem Tag beschränkt sich der Protest der Anrainer auf einen Liedernachmittag am nahe gelegenen Sobieskiplatz unter Anleitung des Radiomoderators Otto Brusatti und des Gitarristen Peter Havlicek und den Laternenzug zum Geburtshaus Schuberts. "Am Brunnen vor dem Tore", stimmt Brusatti das von Schubert vertonte Lied an. Einige der Umstehenden tragen Anstecker mit der Aufschrift "Nein zur Drogenbetreuungsstelle im Sobieski-Grätzel". "Wir wollten keine Menschenketten planen, sondern den Tag der offenen Tür auch nutzen, um uns zu informieren", sagt Peterlik.

Heute, Mittwoch, gehen die Proteste jedoch weiter: Im Rathaus findet ein Sondergemeinderat auf Antrag der FPÖ zum Thema Drogenberatungszentrum statt. Dort will sie einen Misstrauensantrag gegen die zuständige Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) einbringen, sollte diese einer Bürgerbefragung nicht zustimmen. Zuvor werden Vertreter der Bürgerinitiativen der Ressortchefin 4000 gesammelte Protestunterschriften übergeben.