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Mit großen Tasten in digitale Welten

Von Julia Urbanek

Wirtschaft
Derzeit tüfteln die Emporia-Techniker unter anderem an einem Smartphone für Senioren. Foto: Emporia

Innovationsführer bei Seniorenhandys. | Telefone mit Solarpanels, Sturzsensoren und Notfalltasten. | Linz. Wo gibt es am Markt einen Bedarf, den noch niemand entdeckt hat? 2003 stellte sich das Unternehmerpaar Albert Fellner und Eveline Pupeter-Fellner diese Frage der Fragen. Ihre Antwort füllt mittlerweile eine Marktnische: Sie entwickelten ein Mobiltelefon, das auf die Bedürfnisse älterer Menschen eingeht, und sind mit diesem und dessen Nachfolgern nun in 30 Ländern vertreten.


Tasten und Display der Handys der großen Hersteller sind oft zu klein für die wachsende Zielgruppe 50plus, die Menüführung ist zu kompliziert. Die Lösung brauchte einige Jahre Forschungsarbeit: Albert Fellner, der 1991 das Unternehmen Emporia gegründet und zunächst Festnetztelefone gebaut hat, besuchte Seniorenvereine und testete dort seine ersten Entwürfe. Er entwickelte schließlich einen Prototyp mit gut lesbarer Displayschrift, präzise klickenden großen Tasten und simpler Menüführung ohne Schnickschnack.

2006 kam das erste Emporia-Handy auf den Markt - entwickelt wird in Linz, produziert in China. In den Telefonen, die zwischen 100 und 200 Euro kosten, steckt viel Hightech: Das im September erscheinende Handy für aktive Senioren "Solid" ist mit einem Solarpanel ausgestattet - die Benutzer sind also unabhängig vom Ladegerät unterwegs immer erreichbar. Es ist wasser- und stoßfest, hat einen Sturzsensor und wie alle Emporia-Telefone einen Notfallknopf. Wird der drei Sekunden lang gedrückt, ruft das Handy automatisch fünf vorher eingestellte Nummern nacheinander an.

Spezielle Funktionen

Alle Handydisplays sind für Menschen mit Sehbehinderungen wie Grauer Star entwickelt, die Telefone können auch mit Hörgeräten verwendet werden. Der nächste Schritt ist ein Telefon, das den Blutzuckerspiegel messen kann - ein Entwurf liegt bereits fertig in der Lade.

Emporia Telecom beschäftigt 120 Mitarbeiter, 40 davon sind in Forschung und Entwicklung tätig. Von 2007 bis 2011 werden mehr als 14 Millionen Euro in diesen Bereich investiert. Die Forschungsabteilung, die Firmengründer Fellner leitet, arbeitet mit heimischen Universitäten und Fachhochschulen zusammen. Mit der FH Hagenberg werden gerade Werkzeuge für die Programmierung neuer Handys entwickelt.

Die Funktionalität kann vorher auf dem Computer simuliert werden - etwa, ob die einfache Sprache der Handy-Menüs auch in anderen Sprachen gut funktioniert. Zuletzt ist Emporia in Polen, Ungarn, der Slowakei und Tschechien eingestiegen, für 2010/2011 plant man den Eintritt in Russland, der Ukraine, Australien und den USA.

"Wir erobern Land um Land", sagt Evelin Pupeter-Fellner. In jedem Land beginnt der Kampf um die Netzbetreiber, ein Kampf, in dem sich das kleine oberösterreichische Unternehmen mit den Großen wie Nokia oder Sony Ericsson matcht.

Der Mustermarkt bleibt jedoch Österreich, von 500.000 verkauften Telefonen im letzten Geschäftsjahr wurde ein Fünftel hierzulande gekauft, ein Fünftel des Gesamtumsatzes von 50 Millionen Euro entfällt auf Österreich, wo Emporia einen Mobiltelefonie-Marktanteil von vier Prozent hat.

"Wir beackern einen besonderen Markt: Menschen, die 50 bis 70 Jahre nie das Bedürfnis gehabt haben, ein Mobiltelefon zu besitzen", erklärt Herbert Schwach, Geschäftsführer von Emporia Österreich. Diese Zielgruppe braucht eine spezielle Ansprache, der Handy hersteller bietet dem Handel deshalb Schulungsprogramme über den Umgang mit Senioren an. Diese wollen im Geschäft keinen Vortrag über Technikfeatures erhalten, sondern verständliche Erklärungen.

Bunte Zielgruppe 50plus

"Was für junge Menschen selbstverständlich ist, ist für Ältere oft Neuland", so Schwach. Oft sind es die Kinder und Enkelkinder, die ein Seniorenhandy verschenken. "Die Zielgruppe 50plus ist genauso bunt wie die bis 50-Jährigen" sagt Marketingleiterin Karin Schaumberger. Als Seniorenhandy-Hersteller muss man deshalb genauso an sozial aktive, sportliche 70-Jährige denken, die ihren Enkeln SMS schicken wollen, wie an gebrechliche 90-Jährige, denen das Telefon ein Sicherheitsgefühl verschafft.