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Mit heißem Wasser zum Erfolg

Von Veronika Gasser

Wissen

Hektik, Stress, permanente Einsatzbereitschaft, die Arbeit, die Familie . . . Irgendwann hat jeder genug. Doch wohin könnte man flüchten? Ein paar Kilometer nach der Ortschaft Loipersdorf hat die Thermalquellen Ges.m.b.H. im Laufe von 25 Jahren ein gleichnamiges Wellness-Zentrum geschaffen, das seinesgleichen in Europa sucht.


Es war im Sommer 1972 in der Südoststeiermark, einer äußerst strukturschwachen Region: Die RAG, resp. Rohölaufsuchungsgesellschaft, bohrte nach Öl, doch in 1.100 Meter Tiefe stieß sie nicht auf das heiß ersehnte schwarze Gold, sondern auf

62 Grad heißes Wasser mit hoher Mineralkonzentration. Aus dem Rohöl-Flop entwickelte sich eine steirische Erfolgsstory. Denn die Landesregierung erkannte die Gunst der Stunde - der sprudelnde Quell durfte schließlich nicht ungenutzt bleiben - und entschloss sich zum Bau eines Heilbades. Elf umliegende Gemeinden wurden in das Projekt eingebunden und nach fünfjähriger Planungs- und Bauphase konnten die ersten Thermalplantscher im September 1977 im sogenannten "Schaffelbad" begrüßt werden.

Die kleine Kuranstalt

Der Andrang in die kleine Kuranstalt mit 70 m2 Wasserfläche war schon nach einem Jahr so groß, dass der Spatenstich zur Therme dann 1979 genehmigt wurde. Zu Beginn gab es nur ein Innen- und Außenbecken und mit 78 Umkleidekabinen hielt sich die Kapazität in leicht überschaubarem Umfang. Hoteliers und Gastronomen wollten natürlich auch von dem stetig wachsenden Besucherstrom profitieren. Als erstes konnte sich das Hotel "Stoiser" einen attraktiven Platz unmittelbar neben der Therme sichern. Und in den nächsten Jahren folgten die Betreiber der Hotels Kowald und Leitner diesem Beispiel.

Doch kaum nach Fertigstellung des Kurzentrums im Jahr 1983 - mittlerweile konnte schon eine Million Besucher empfangen werden - wurde wegen eines defekten Saunaofens ein großer Teil des Thermenzentrums ein Raub der Flammen.

Neustart mit Therme II

Der Neustart der Therme II begann mit anderen Akzenten: Nicht nur Kur- und Erholungsbedürftige sollten angelockt werden, sondern mit der Schaffung eines Erlebnisbereichs sollte auch den Wünschen von Familien und den Ansprüchen eines jüngeren Publikums Rechnung getragen werden. Eine 101 m lange Wasserrutsche, der Baby-Beach und andere Attraktionen sorgen für Kurzweil.

Diese Mischung wurde zum Erfolgsrezept der Therme, die sich mit neuen Ideen inmitten einer Thermenregion positionieren musste. Seit den 80er Jahren bereitete dieses Konzept des Warmwasser-Location einen, wie es scheint, kaum bremsbaren Höhenflug. Zwischen 1985 und 2001 gab es permanent Umbauten und eine drastische Erweiterung des Areals, sodass Loiperdorf mit 12.000 m2 eine der größten Thermen Europas wurde.

Schaffelbad im neuen Outfit

Im März 2001 wurde das Schaffelbad nach der dritten Ausbaustufe wiedereröffnet. Der exklusive Touch soll sich, so wollen es die Thermenverantwortlichen, im Charakter wesentlich vom Erlebnisbad unterscheiden. Ein klares Kriterium ist beispielsweise der höhere Eintrittspreis.

Die heutige Philosophie der Therme orientiert sich am neuen Gesundheitsbewusstsein einer stressgeplagten Gesellschaft. Und so setzt der derzeitige Thermengeschäftsführer Wolfgang Riener auf Wellness-Tourismus. "Wir sind seit 20 Jahren mit Wellness befasst, ohne dass dieser Begriff tatsächlich im Spiel war." Er ist stolz auf die Größe seines Verantwortungsbereichs und die breite Angebotspalette. Doch Riener weiß, dass er mit dem Großunternehmen Loipersdorf mittlerweile an Kapazitätsgrenzen gestoßen ist: "Ich will mich nicht in Richtung eine Million Gäste pro Jahr bewegen, sondern den derzeitigen Stand von 800.000 halten." Qualität soll somit in Zukunft noch größer geschrieben werden als bisher. "Das Besuchervolumen soll eingefroren werden, das wird unweigerlich zu Preissteigerungen führen."

Zwei Zielgruppen von Gästen gilt es hierfür noch intensiv zu bearbeiten: Pensionisten und Konferenzgäste - aus dem Inland und dem benachbarten Ausland. Weggefallen sind Kurgäste, die von den Kassen auf Rehabilitation geschickt wurden, denn Riener hat die Verträge mit den Krankenkassen auslaufen lassen. "Die Behandlungszeiten wurden sukzessive heruntergeschraubt, das konnten wir im Sinne der Patienten nicht mehr verantworten." Derzeit laufen Verhandlungen mit Privatversicherungen wie Merkur und Generali. "Auch in Österreich zeichnet sich der Trend zur Zweiklassenmedizin ab," weiß Riener.

Anspruchsvolle Gäste

Angesprochen ist der Life-Style-Pensionist, der mit einer gesunden Portion Egoismus für sein Geld den vollen Genuss verlangt. "Wenn uns die Zufriedenstellung dieser Gäste gelingt, ist das die beste Visitenkarte für die Therme", gibt sich Workaholic Riener optimistisch. "Denn gerade die Pensionisten wissen ganz genau über jede Neuerung am Markt und die Beschaffenheit der Produkte Bescheid."

Auch der Thermen-Chef ist über jedes Detail der Angebotspalette informiert und probiert jede Massage und Therapie am eigenen Leib aus, bevor er seine Angestellten auf die Gäste loslässt. Denn manches was dem erholungssuchenden Besucher geboten wird, präsentiert sich in exotischem Namenskleid: Watsu und Wata sind Entspannungmethoden im körperwarmen Wasser. Mit Lomi Lomi Nui, der Ayurveda Marma Massage, Tunia-Therapie, Akupunktmassage oder Shiatsu setzt man mitten in der Steiermark auf fernöstliche Massagetechniken, die den vom Alltag geplagten Körper verwöhnen sollen. Als Draufgabe bieten sich Schlankheits- und Zimtwickel, Gesichts- und Körperbehandlungen oder das Cleopatrabad an. "In relativ kurzer Zeit die Batterien wieder aufladen", so lautet die Devise des Thermen-Chefs.

Er konzentriert seine Anstrengungen daher auf Kurzzeit-Kunden, die zwei oder drei Nächte bleiben. Doch ob der Mannigfaltigkeit ist kaum zu hoffen, das gesamte Areal und Angebot in so begrenzter Zeit auch nur annähernd kennenzulernen. Die Orientierungsphase dauert selbst für Geübte mindestens einen Tag.

Auf der anderen Seite setzt man auf die in Österreich eher ungewöhnliche Kombination aus "wellness und business". An das Gelingen dieser Verbindung glaubt zumindest die Muttergesellschaft BASS Hotels & Resort von Inter-Continental, die seit April ein 5-Stern-Spezialhotel als Pilotprojekt betreibt. 300 Zimmer und sieben Konferenzräume sollen verwöhnte Tagungsgäste mit Erholungsbedarf ins steirische Land locken. "Nur mit hartnäckiger Überzeugungsarbeit konnte der heftige Widerstand der schon etablierten Unterkünfte beschwichtigt werden", bestätigt Hoteldirektor Gerhard Zeilinger.

Noch steckt das Intercont in der Probephase mit Startschwierigkeiten. Riener bedauert, dass viele Vorschläge von seiner Seite nicht angenommen wurden. Doch er hofft auch im Interesse der 15.000 Beschäftigten in der Region, die mittelbar vom Thermentourismus leben, dass die Erfolgsstory fortgeschrieben werden kann. Ab Herbst beginnen deshalb die Arbeiten an einem eigenen Bereich für Sportmedizin, einer Shopping-Mall und einem Konferenzzentrum.

Infos unter www.therme.at oder 03382/8833