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Mit Hippie-Nostalgie kämpft Kreta gegen die Krise

Von Georg Friesenbichler aus Matala

Europaarchiv

Syriza erobert die Insel: Viele Touristen bleiben aus, die Preise sind hoch.


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Matala. "Der Mythos von Matala lebt", verkündet auf Englisch ein Plakat. Es bezieht sich nicht auf die Geschichte von Zeus, der in Gestalt eines Stieres die phönizische Prinzessin Europa in dieser südkretischen Bucht an Land gebracht haben soll, und natürlich auch nicht auf die Biermarke namens "Mythos". Gemeint ist die Zeit der Sechziger Jahre, als Hippies die Höhlen in den Felsen über dem Strand, die schon im Altertum zum Wohnen oder als Grabstätten benutzt worden waren, besetzten und so dem kleinen Fischerdorf den Nimbus des Aussteigerparadieses verliehen.

1970 machte die damalige griechische Militärdiktatur dem suspekten Treiben ein Ende, aber Rucksacktouristen aus aller Herren Länder zog es weiterhin in den Süden Kretas. Heute sind die Höhlen wieder frei zugänglich, werden aber vor allem von normalen Touristen besucht, die sogar mit Bussen angereist kommen. Im Winter ist Matala allerdings ausgestorben, denn es lebt heute vom Fremdenverkehr, der auf dem Erbe der Hippies aufgebaut wurde.

Und man beruft sich noch immer auf den Geist von "Love, Peace and Happiness" - wie beim Matala Festival, das heuer zum zweiten Mal stattfand. Es beruht auf der Idee des deutschen Journalisten Arn Strohmeyer, der 1967 zum ersten Mal hier war. Sein Plan einer Reunion der einstigen Aussteiger wurde von den lokalen Verwaltungen aufgegriffen, die daraus ein Festival nicht nur für ausländische Gäste machten. Deswegen erhöhte sich in der Zeit des Festes nicht nur die Zahl der Träger von Dreadlocks und indischen Gewändern, auch konventionelle Touristen und vor allem Griechen wurden von dem Gratis-Event angezogen.

Aber nicht nur die Gestaltung des Festivals entsprach nicht in allem der Legende, noch mehr als die Vergangenheit machte den Veranstaltern die Gegenwart zu schaffen. Dass allem Anschein nach weniger Besucher auftauchten als vor einem Jahr, dürfte hauptsächlich mit der Schuldenkrise des Landes zu tun haben. Südkreta ist zwar vom Rückgang im Tourismus weniger betroffen als andere Regionen, weil hier Natur und Ursprünglichkeit gesucht wird. Aber sogar Stammgäste, die es besser wissen müssten, haben Bedenken, berichtet Sabina, eine Salzburgerin, die in Matala seit langem eine Pension betreibt. So sei von einem langjährigen Gast aus Berlin angefragt worden, ob man sich nicht wegen anti-deutscher Ressentiments Sorgen machen müsse.

Der Rückgang im Tourismus führt dazu, dass auf der ganzen Insel Boutiquen schließen müssen, aber auch Gemüse- und Obststände auf den lokalen Märkten werden weniger. Die Einheimischen können sich nicht mehr viel leisten, nachdem die Löhne drastisch gesenkt wurden. So erzählt Alex, ein deutscher Goldschmied mit Geschäft in Matala, von einer befreundeten Lehrerin mit 20 Dienstjahren, der das Gehalt um fast die Hälfte gekürzt wurde. Die 780 Euro, die sie jetzt bekommt, entsprechen der Mindestsicherung in Österreich, und das bei Preisen, die nicht wesentlich unter dem heimischen Niveau liegen - oder auch deutlich darüber: Das Benzin kostet von 1,80 Euro aufwärts.

Selbstversorgung boomt

Im ländlichen Süden Kretas hat man immerhin im Gegensatz zu den großen Städten noch große Familien, die einen auffangen können. Und wer kann, greift zur Selbstversorgung auf den eigenen Garten zurück. Am stärksten macht den Menschen die Unsicherheit zu schaffen, ob der Euro bleibt oder ob die Banken zusammenbrechen. So fragt sich mancher Ladenbesitzer, ob er sein Geld noch erhält, wenn der Kunde mit Kreditkarte zahlt. Letztlich spiegelt auch das Wahlergebnis vom Sonntag die Angst vor dem Chaos und den Wunsch nach Stabilität wider. Die traditionell linke Wählerschaft Kretas reagierte allerdings in anderer Weise: War es früher Kernland der sozialistischen Pasok, mit einer starken Anhängerschaft der orthodoxen Kommunisten, wurde die Insel nun ganz von Syriza erobert.